Für viele kam das Kriegsende überraschend

Irene Krauß

Von Irene Krauß

Do, 13. September 2018

Bad Säckingen

DAS KRIEGSJAHR 1918 (5):Das Leben in Säckingen war in den letzten Monaten des Krieges trist, doch die Propaganda versuchte, darüber hinweg zu täuschen.

BAD SÄCKINGEN. Dass der Erste Weltkrieg langfristige Folgen für Europa und die ganze Welt hatte und zugleich unzähligen Menschen das Leben kostete, wird auch in diesem Jahr – genau 100 Jahre nach Kriegsende – vielfach thematisiert. Der folgende Beitrag ist Teil fünf einer Themenreihe, die das Leben in Säckingen im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs dokumentiert. Ausgehend von den Berichten der damaligen Säckinger Lokalzeitung, dem Säckinger Tagblatt, wird deutlich, dass dieser Krieg auch für die Säckinger Bürger fernab der Front eine Katastrophe war.

Verzweifelte Hoffnung, Propaganda und schnelles Kriegsende
Lange Zeit konnte man aufgrund der Berichterstattung im Säckinger Tagblatt nicht erkennen, dass der Krieg verloren war. Flammende Appelle und patriotische Kommentare waren an der Tagesordnung. Noch Ende Oktober 1918 wurde eine festverzinsliche Kriegsanleihe beworben, mit der die letzten Kräfte mobilisiert und "alles" für einen deutschen Sieg getan werden sollte. Dementsprechend schlug auch die Säckinger Redaktion einen stark patriotischen und entschlossenen Ton an: "In geschlossenen Reihen schützen sie unserer Heimat Grenzen. Während sie unser Land nach außen hin schützen, erhalten wir im Innern ein starkes Deutschland durch allseitige Zeichnung" (Mi., 30. Okt. 1918, Nr. 173).

Um diese Sicht zu untermauern hatte das Tagblatt wohlweislich bereits Wochen zuvor einen vermeintlich sachkundigen Historiker und politischen Publizisten, Hermann Oncken, zu Wort kommen lassen, der den finanziellen Erfolg der neunten Kriegsanleihe als Stimmungsbarometer nach außen und als Vertrauensbeweis in die politische Führung zu verkaufen suchte. Damit werde quasi vermittelt, "ob wir Vertrauen zu unserer Führung haben oder an uns selber irre werden, ob wir auch nach einem vorübergehenden Rückschlag im Felde die Einmütigkeit und Zähigkeit einer großen Nation eigen oder ob wir mit einem Erlahmen im Schlußkampf alle Erfolge dieser Kriegsjahre in Frage stellen. Jedes Nachlassen in unserer Opferfreudigkeit würden Feinden eine Bresche in unserer moralischen Rüstung verraten"(Mi., 9. Okt. 1918, Nr. 161).

Formulierungen dieser Art waren reine Propaganda. Man muss bezweifeln, ob hinter einer solchen nationalen Selbstüberschätzung tatsächlich die Überzeugung gestanden haben soll, dass dieser Krieg mit einem Verständigungsfrieden oder gar siegreich zu Ende gehen könne. Ganz davon abgesehen, ob solche Appelle überhaupt noch viel ausgerichtet haben, denn sie entsprachen wohl kaum der Stimmungslage in den Oktobertagen 1918. Auch in Säckingen hatte die Spendenbereitschaft deutlich nachgelassen; entweder, weil der einzelne Bürger nichts mehr abzugeben hatte oder es nicht mehr wollte. Während bei der achten Kriegsanleihe im April 1918 noch 2,57 Millionen Mark eingenommen worden waren, konnte man im Oktober nur noch 2 Millionen Mark verzeichnen (Fr., 8. Nov. 1918, Nr. 179). Das war ein Rückgang um knapp 22 Prozent.

Allenthalben Trostlosigkeit
Insgesamt wurde das Leben in Säckingen gegen Kriegsende immer trostloser, zumal die grassierende Spanische Grippe auch der Bevölkerung am Hochrhein dramatisch zusetzte. Militärkonzerte, Vorträge oder "Vaterländische Abende", die es noch bis zum August 1918 gegeben hatte und bei denen patriotische Lieder und Propaganda dargeboten wurden, waren eingestellt. Die Filmaufnahmen zum Trompeter von Säckingen galten seit dem Sommer als abgeschlossen. Leichte Unterhaltung wurde allenfalls noch im Gasthof Schützen geboten, der Anfang Oktober zum Kino − Schützenlichtspiele Säckingen − aufgestockt wurde. Offenbar begannen intern einige Unternehmer sich auf die Zeit nach dem Krieg einzustellen. Der Eröffnungsabend des Kinos wurde jedenfalls mit "großem Andrang" besucht und stellte eine kleine Auszeit für die kriegsmüde Bevölkerung dar.

Kriegsende und Rückkehr
Angesichts der vielen vollmundigen Worte im Tagblatt traf die Gewissheit, dass Deutschland den Krieg verloren hatte, Anfang November die Säckinger Bevölkerung unvorbereitet. In der Lokalredaktion ging man geradezu geschäftsmäßig zum vermeintlichen Alltag über. Genaue Berichte zu den letzten Kriegstagen oder Analysen zum Kriegsende finden sich nicht, vielmehr beschränkt sich das Tagblatt auf eine reine Nachrichtenwiedergabe, etwa, dass die Räumung der Stadt von allem Militär bevorstehe. Beinahe nüchtern und sehr distanziert ließ man verlautbaren: "In acht Tagen also wird sich kein Soldat mehr hier befinden ".

Auch die Gefangenen würden innerhalb kürzester Zeit ausgeliefert werden. Die Munitionsanfertigung werde ruhen. All dies bedeute zugleich auch, dass bald "unsere lieben Helden, die über vier Jahre einen ehrenhaften Kampf bestanden haben, wieder zu ihren Angehörigen heimkehren könnten" (Mi., 13. Nov. 1918, Nr. 182). Zunächst wurde angenommen, dass Säckingen in der entmilitarisierten Zone liegen würde, dass also "kein feindlicher Soldat den badischen Rhein überschreitet und unsere Gegend betritt". Diese beruhigende Aussage musste einen Tag später zurückgenommen werden, Säckingen gehörte nicht zum neutralen Gebiet. Was das bedeutete, geht aus den Berichten nicht hervor.

Vorrangiges Ziel war, die heimkehrenden Frontsoldaten in Lohn und Arbeit zu bringen, die Versehrten zu versorgen und die Lebensverhältnisse zu verbessern. Spätestens Ende des Kriegsjahres 1918 waren die Soldaten wieder zu Hause. Ein offizieller Festabend für die Säckinger Heimkehrer, organisiert vom Roten Kreuz und dem Bürgermeisteramt, sollte in den ersten Tagen des neuen Jahres stattfinden. In Herrischried zogen die zurückgekehrten Soldaten in einem feierlichen Einzug unter einem Triumpfbogen und an fahnengeschmückten Häusern vorbei, als hätte es keine Niederlage gegeben (Mo., 29. Dez. 1918, Nr. 210).