Fukushima bleibt in den Köpfen

Jörn Kerckhoff

Von Jörn Kerckhoff

Mi, 09. November 2011

Bad Säckingen

Journalist berichtet, wie Japan das Katastrophenjahr bewältigt und warum das Land noch weit von der Normalität entfernt ist.

BAD SÄCKINGEN. Am 11. März bebte in Japan die Erde; es folgte ein verheerender Tsunami. Für die Menschen vor Ort sei die anschließende Reaktorkatastrophe von Fukushima längst nicht ausgestanden, berichtete der japanische Journalist Shingo Yoshida am Montag im Schlossparkpavillon in Bad Säckingen.

Der Freundeskreis Nagai unter seinem Vorsitzenden Peter Hausmann hatte Yoshida eingeladen, der unter anderem für die Deutsche Welle in Japan gearbeitet hat. 15 829 Menschen seien bislang offiziell bei Erdbeben und Tsunami ums Leben gekommen, doch die Zahl steige, weil von den 3692 verschollenen Personen immer noch welche tot gefunden würden. "Sogar der Meeresgrund wird nach Opfern abgesucht", erzählte Shingo Yoshida.

Die Menschen in den betroffenen Präfekturen würden immer noch dicht gedrängt in Notunterkünften leben, viele Menschen hätten ihre Arbeit verloren. "71 Prozent der Menschen in den Notunterkünften hatten früher Arbeit, jetzt sind 70 Prozent von ihnen arbeitslos", erläuterte Yoshida die Auswirkungen. Viel Ackerland wurde durch das Meerwasser versalzen und taugt nicht mehr zum Reisanbau. Den Salzgehalt durch Zugabe von Süßwasser wieder zu normalisieren, würde drei Jahre dauern, schätzen Experten. Viele Fischerboote versanken im Meer, die zweitgrößte Austernzucht des Landes sei durch den Tsunami zerstört worden, sagte Yoshida. Die Verstrahlung rund um das Atomkraftwerk Fukushima sorge zudem für Angst in ganz Japan, berichtet der Refrent. Die Menschen wüssten nicht, ob sie Produkte aus der Region unbesorgt kaufen könnten oder nicht.

Die Naturkatastrophe würde zudem den Einfallsreichtum der Menschen in Schwung bringen, wie Shingo Yoshida erzählte. So stelle man fest, dass der Anbau von Tomaten oder Baumwolle den Boden viel schneller entsalzen würden als dies durch Zugabe von Süßwasser geschehe. Außerdem könnte ein Entsalzungsmittel aus Viehmist und Bakterien den Salzgehalt des Bodens angeblich innerhalb eines Monats normalisieren. Peter Hausmann zeigte sich beeindruckt, wie die Menschen trotz aller Widrigkeiten ihre Würde bewahren.

Yoshida sagte auch, dass Privatuniversitäten und Schulen Spenden für ihre Schüler sammeln. Diese hätten bei Beben und Tsunami teilweise ihre Eltern verloren oder die Familien seien mittellos geworden. Damit sie ihr Studium fortsetzen könnten und nicht ein Teil der kommenden Elite verloren ginge, würden sie nun finanziell unterstützt werden. Die Hilfsbereitschaft sei enorm, wie der Journalist berichtete. Auch in Bad Säckingens Partnerstadt Nagai wären 200 Betroffene der Katastrophe aufgenommen worden.

Die Menschen in der am stärksten betroffenen Region gelten als schweigsam und zäh, erzählte Yoshida. So hätten sie zahlreiche Nachbeben mit einer Stärke von fünf oder mehr auf der Richterskala trotz großer Angst ertragen und würden alles tun, um den Wiederaufbau voranzutreiben. Nicht ganz einfach, wenn man nie genau wüsste, welche Informationen von offizieller Seite stimmen und welche sich als falsch herausstellen würden, sagte Yoshida. An einen schnellen Atomausstieg sei in Japan nicht zu denken, dafür fehlen die Alternativen, sagt der Referent. Doch die Angst vor einem neuen Atomunfall sei groß. Daher werde künftig sicher nicht nur Geld in die Forschung für Atomsicherheit gesteckt, sondern auch in die Erschließung alternativer Energiequellen, ist sich der Journalist sicher.

Yoshida zeichnete ein sehr datailliertes Bild acht Monate nach der Naturkatastrophe. Für viele werde es so etwas wie Normalität vielleicht nie wieder geben, denn das Trauma bleibe in den Köpfen, auch wenn es ein Japaner nicht zeige.