Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
11. April 2010 16:52 Uhr
Internet für alle
Funk soll auch dem letzten Schwarzwalddorf Internet bringen
Startschuss für den Aufbruch in ein neues Internetzeitalter: Mit einer Versteigerung von Funkfrequenzen legt die Bundesnetzagentur den Grundstein für den zügigen Ausbau des mobilen Internets. Und ein Ende der Versorgungslücken auf dem Land.
Es ist nicht lange her, da war das Kupferkabel mit fest angeschlossenem Telefon das Maß aller Dinge. Mobilfunk galt als Luxus für Geschäftsleute, und Normalverbraucher runzelten über ein rappelndes Modem die Stirn. Heute wird der Zugang zu schnellem Internet als eine Art Grundrecht empfunden. Während man in entlegensten Dörfern per Mobilfunk telefonieren kann, gibt es dort aber kein schnelles Internet. Es wäre zu teuer, Kabel zu verbuddeln. Internet per Funk könnte die Lösung sein – auch in ländlichen Teilen Südbadens. Die entsprechenden Frequenzen werden von heute an versteigert.
Der Markt für mobiles Telefonieren – im Sinne von fernsprechen – ist weitgehend gesättigt. Schon jetzt sind Haushalte doppelt und dreifach ausgestattet, um Berufliches und Privates zu trennen oder nicht mit dem Nachwuchs über blockierte Leitungen diskutieren zu müssen. Das haben die Mobilfunkanbieter erkannt und erschließen sich neue Geschäftsfelder.
Erstens werden stationär genutzte Mobiltelefone inzwischen mit Tarifen angeboten, die im Vergleich zum traditionellen Festnetztelefon konkurrenzfähig sind – mit sogenannten Homezones. Zweitens wächst im mobilen Segment die Nutzung von Datendiensten rasant. Alles könnende Smartphones und Netbooks getaufte Minicomputer machen es möglich: Auch unterwegs kann man E-Mails schreiben, mit Freunden chatten oder im Internet surfen, ohne auf die Sekunde oder das Byte achten zu müssen.
Werbung
Das liegt auch daran, dass die Mobilfunkanbieter sich von ihren teuren Preismodellen der Anfangszeit verabschiedet haben. In Verbindung mit Pauschalpreisen (Flatrates) sind viele Menschen ständig mobil mit dem Internet verbunden. Dabei sind geobasierte Dienste der neue Trend: Wo ist die nächste U-Bahn-Station, wo finde ich eine Apotheke, wo sind meine Freunde unterwegs?
Auch in Sachen Geschwindigkeit macht Funk dem guten alten Kabel härtere Konkurrenz. Zwar ist heute die verfügbare Technik mit bis zu 14,4 Megabit (Mbit) pro Sekunde noch nicht so leistungsfähig wie beispielsweise VDSL mit 50 oder ein Kabelanschluß mit bis zu 100 MBit pro Sekunde. Doch Funktechnologien mit bis zu 340 MBit pro Sekunde kündigen sich an. Während alle aktuellen Technologien zum normalen Surfen ausreichen, sind Hochgeschwindigkeitsanschlüsse Voraussetzung für Online-Spiele, Videokonferenzen, virtuelle Videotheken oder Online-Fernsehen. Diese Techniken werden zur Zeit erprobt und die Verfügbarkeit im Massenmarkt hängt nicht zuletzt von der Vergabepolitik bei den benötigten Frequenzen ab.
Funk kann so zur Schlüsseltechnologie der modernen Kommunikation werden – und endlich das dünn besiedelte Land ans Netz bringen. Auch 2010 gibt es in Deutschland noch Regionen, die vom Internet nur träumen können. In abgelegenen Ortsteilen wie auch in Neubaugebieten gibt es Hickhack um eine zeitgemäße Versorgung. Dort kann Funk zum Trumpf werden. Denn diese Übertragungstechnik lässt sich verhältnismäßig leicht und kostengünstig aufbauen.
Während der am Montag beginnenden Versteigerung durch die Bundesnetzagentur sind besonders die Frequenzen um die 800 Megahertz interessant. Diese wurden früher vom Fernsehen belegt. Weil mehr und mehr digital gesendet wird, werden die alten Frequenzen frei. Deshalb nennt man sie auch digitale Dividende. Diese Wellenlängen eignet sich besonders, um ländliche Gebiete mit schnellem Internet zu versorgen.
Der besonderen Bedeutung dieser Frequenzen trägt die Bundesnetzagentur Rechnung, in dem sie sie nicht einfach verkauft, sondern versteigert. Dabei mussten sich Interessenten im Vorfeld mit Konzepten bewerben, die über die Verwendung der Frequenzen und die Wirtschaftlichkeit Auskunft geben. Eine der Bedingungen ist die bevorzugte Versorgung der weißen Flecken mit dem Internet sowie der Ausbau schneller Verbindungen. Dazu wurden alle als unterversorgt eingestuften Gemeinden aufgelistet. Von ursprünglich sechs Interessenten gehen die bekannten Vier ins Rennen: E-Plus, Telefonica O2, T-Mobile, Vodafone D2. Ein Interessent wurde abgelehnt, ein anderer zog seine Bewerbung zurück.
Vor zehn Jahren spülte eine ähnliche Versteigerung, die der UMTS-Frequenzen, gegen Ende der Internetblase sensationelle 50 Milliarden Euro in die Kassen des Bundes. Doch die hohen technischen und wirtschaftlichen Erwartungen konnten lange Zeit nicht erfüllt werden. Erst in den vergangenen Jahren sind nennenswerte Benutzerzahlen zu verzeichnen. 2005 nutzten laut Bundesnetzagentur 2,4 Millionen Menschen UMTS. Im vergangenen Jahr waren es 19 Millionen.
Wie viel der Staat nun einnimmt, ist offen. Einerseits besteht großes Interesse an den Frequenzen, da sie ein selten angebotenes Gut sind und viel Potenzial bieten. Anderseits kalkulieren die Unternehmen mit Geboten, die wirtschaftlich sein sollen – und eine Internetblase wie damals gibt es heute nicht.
- Dachsberg: Eine Jugend ohne schnelles Internet?
- DSL-Lücken: Schnelles Internet und DSL Fehlanzeige
- Über- und Ausblick: Der weiße Fleck muss weg
Autor: Thorsten Luhm
