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02. Oktober 2010

Portrait

Gangolf Stocker ist Sprachrohr des Aktionsbündnis gegen Stuttgart 21

Gangolf Stocker ist für die Financial Times Deutschland „der härteste Gegner für Stuttgart 21“ und für die Frankfurter Allgemeine „so etwas wie der Herr über Krieg und Frieden in der Landeshauptstadt“.

  1. Gangolf Stocker (Mitte) kämpft gegen „Stuttgart 21“. Foto: dpa

OFFENBURG/STUTTGART. Dem gebürtigen Offenburger Gangolf Stocker, 66, steigt solcher Art Ruhm nicht zu Kopf. Da er schon zu den ganz frühen Mahnern gegen Stuttgart 21 gehört und sich die anderen beiden Sprecher des Bündnisses zurückhalten, ist er so etwas wie der Kopf des Aktionsbündnisses geworden.

Gangolf Stocker stammt aus der Bähnlersiedlung Am Galgenfeld, dort ist er geboren und aufgewachsen. Er mag Eisenbahnen, mit Freunden stand er auf der Unionrampe und versuchte in den rauchenden Schlot der Dampflokomotiven zu spucken. Als junger Mann wollte er Künstler werden und malte konkret, obwohl alle Welt abstrakt malte. "Der Zeitgeist interessiert mich nicht."

1965 bekam Stocker im Ritterhaus eine Einzelausstellung. Ein Bild aber durfte nicht ausgestellt werden, sagten Offenburgs Kulturoberen. Grund war ein Frauenakt, die nackte Frau auf dem Sofa würde angeblich menstruieren. Stocker schüttelt den Kopf, sagt, dass es nur zufällige Farbspuren waren und keine Absicht. "Das steckt denen wohl immer noch in den Knochen", lacht er. Typisch Stocker: Bei der Vernissage zeigte er besagtes Bild, danach holt er seine Bilder aus dem Ritterhaus. Der Kunstmaler blieb den Offenburgern noch eine Weile erhalten, 1967 er entzog sich dem Wehrdienst nach Frankreich, kam im gleichen Jahr wieder heim und musste für 16 Tage U-Haft ins Offenburger Gefängnis. Danach engagierte er sich für Kriegsdienstverweigerer, auch hier auf der Straße. In Offenburg bekam er dafür den typischen Satz um die Ohren gehauen. "Dann geh' doch nach drüben!" Die Leute die ihm das sagten, hat er immer noch vor seinem geistigen Auge. Stocker ging nicht in die DDR, sondern nach Stuttgart, studierte für drei Semester Kunst und fand in der SPD, Ortsverein Fellbach, seine politische Heimat. "Die Offenburger SPD wollte mich nicht, denen war ich ein zu bunter Hund."

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23 Jahre arbeitete er beim Thieme-Verlag in Stuttgart und war dort wohl ein unbequemer Betriebsrat. "Von 23 Dienstjahren wollten sie mich 22 los haben." Stockers politische Karriere färbte sich nach dem Kanzlerwechsel Brandt/Schmidt tiefrot, er ging zur DKP, wechselte nach 15 Jahren zur PDS, die er 1989/1990 als "Zukunftswerkstatt" empfand. Heute ist er parteiloser Stadtrat der SÖS, Stuttgart Ökologisch Sozial, die weder Mitglieder noch Vorstand kennt, dafür viele freiwillige Helfer. Parteien sieht er als Teil des Problems, spricht von einer "Eigendynamik um Geld und Posten". Sein Fazit: "Auf kommunaler Ebene brauchen wir keine Parteien."

Bereits 1995 startete sein Engagement gegen das Projekt Stuttgart 21. Aus ganz einfachen Gründen, ihm waren die Baukosten von fünf Milliarden D-Mark (heute fünf Milliarden Euro) schlicht zu hoch. Sind die wahnsinnig?" Er nahm sich vor, so viel Sand ins Getriebe zu schütten, wie es nur geht. Stocker ging dafür auf die Straße, redete mit den Leuten und schloss ein Bündnis mit VCD und dem BUND. Der Wind drehte sich: "Je mehr man weiß, desto mehr Ablehnung", lautet seine Gleichung für den Erfolg des Aktionsbündnisses, das sich bewusst an das Bürgertum wendet: "Das betrifft alle Bevölkerungsschichten." Selbstkritisch: "Als Linker habe ich erlebt, wie wir uns unsere Niederlagen selber zufügen." Das will er bei Stuttgart 21 vermeiden. Bei der ersten Montagsdemonstration waren vier Leute dabei, bei der nächsten 30, heute sind es zwischen 3000 und 4000. Optimismus? Vergangenen Donnerstagmorgen, noch vor der Gewalteskalation, meinte er: "Das hat alles mit Vernunft nichts mehr zu tun."

Seine Arbeit als Sprecher füllt ihn jetzt mehr aus als seine frühere Arbeitsstelle. Das Atelier ist verwaist. Und Offenburg? Immer nennt er Offenburg "meine Heimat". Was hier in Sachen Bahn passiert, verfolgt er mit kritischem Auge.

Autor: Pascal Cames


7 Kommentare

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Nikolaj Blasi

Registriert seit: 01.04.2010

Kommentare: 203

02. Oktober 2010 - 13:04 Uhr

eine erstaunliche vita.
ein querdenker, den deutschland braucht. sehr sympathisch.

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Dieter Leeb

Registriert seit: 05.03.2010

Kommentare: 529

02. Oktober 2010 - 21:24 Uhr

Ich wünsche ihm viel Erfolg bei seinem Einsatz gegen Stuttgart21.

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Gelöschter Nutzer #17220

Registriert seit: 13.07.2009

Kommentare: 422

04. Oktober 2010 - 05:17 Uhr

Wir sollten bei diesen Summen schon genau hinschauen.

Aktueller Eintrag in Wikipedia: " Die Machbarkeitsstudie von Anfang 1995 schätzte die Kosten (mit Preisstand 1993) überschlägig auf 4,807 Milliarden D-Mark (4,180 Mrd. DM Baukosten zzgl. 15 Prozent Planungszuschlag), inflationsbereinigt (Lebenshaltungskostenindex) entspricht dies heute 3,3 Milliarden Euro."

Wenn das stimmt, frage ich mich, warum man hier daraus jetzt mal locker "heute fünf Milliarden Euro" macht?

Sollte man solche Widersprüche nicht erst einmal klären, bevor man den Widerstand probt?

Ich habe überhaupt kein Verständnis für die Proteste in Stuttgart. Das Projekt mag heute umstritten sein, aber es ist legitimiert.

Jeder, der sich gegen rechtskräftige Entscheidungen in Bausachen stellt, muss sich fragen ob er demnächst ähnliche Willkür vor seiner Haustüre dulden will.

Die Bürger haben ja in Offenburg erfolgreich eine Fehlplanung verhindert. Statt Parkhaus am "Stadtbuckel" steht jetzt dort ein erfolgreiches Großkino und unter dem Marktplatz die am besten ausgelastete Tiefgarage.

Ich gehörte damals zu den ersten Bürgern, die den Protest organisiert haben. Wir beschritten aber den legalen Weg ("Bürgerbegehren") und haben uns an die Landesverfassung und die gesetzlichen Fristen gehalten.

Diesen legalen Weg hätten die Gegner des Projekts in Stuttgart damals im Rahmen der Fristen auch wählen können. Das wurde schlicht verpennt.

Wer erst jetzt kommt und den Protest nachträglich legitimieren will, ist kein Demokrat.

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Erich Senn

Registriert seit: 17.08.2009

Kommentare: 1337

19. Dezember 2010 - 19:08 Uhr

Hr.Hase
Wieso sind Sie dann noch da?

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Gelöschter Nutzer #17220

Registriert seit: 13.07.2009

Kommentare: 422

19. Dezember 2010 - 20:54 Uhr

Herr Hase,

bevor Sie mir hier voreilig "Wissenslücken" unterstellen, empfehle ich Ihnen statt dem journalistischen Stoff, den Sie hier posten, die Lektüre einer tiefer gehenden juristischen Analyse:

http://www.sofo.uni-stuttgart.de/export/sites/default/institut/emeriti/daten/lenz/VBlBW_4_2008.pdf

Insbesondere den Abschnitt auf Seite 132 f., Absatz V a) "Unzulässigkeit wegen Verfristung".

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Hans Hase

Registriert seit: 18.12.2010

Kommentare: 12

19. Dezember 2010 - 22:36 Uhr

Herr Spinner, Ihre Oberlehrer-Attitüde verfängt nicht. Es kann jeder nachlesen, dass Ihre Behauptungen über "verpennten" Widerstand gegen S21 ein Märchen ist. Vermutlich sind Sie sauer, dass Sie gegen die ZEIT und die Süddeutsche keine Roland-Koch-Rote-Socken-Kamapagne anzetteln können, was?

[editiert]

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Gelöschter Nutzer #17220

Registriert seit: 13.07.2009

Kommentare: 422

19. Dezember 2010 - 23:25 Uhr

In meinem Link können Sie nachlesen, dass es nicht ausreicht, nur die "Süddeutsche" oder die "ZEIT" zu lesen, deren Abonnent ich übrigens schon als Student in den 70er Jahren war.

Was bitte hat Roland Koch mit der objektiven Feststellung zu tun, dass die DKP mit unserer Demokratie wenig am Hut hat? Das ist keine Frage einer "Rote-Socken-Kampagne". Das wusste nicht nur ich sondern jeder, der sich für Politik interessiert schon lange, bevor Koch überhaupt Politiker wurde.

Wollen Sie Werbung für die DKP machen oder Sie verteidigen? Das steht Ihnen ja frei, zumal ich im Gegensatz zu Ihrer Vermutung auch das unter Meinungsfreiheit einordnen würde.

Aber es wäre erhellend, wenn Sie die Katze aus dem Sack lassen und sich von der DKP distanzieren oder eben nicht.

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