Gangster als Popstars

Martin Weber

Von Martin Weber

Di, 06. März 2018

Computer & Medien

Die ARD zeigt am Mittwoch und Donnerstag den Zweiteiler über das Geiseldrama von Gladbeck.

Es war eines der spektakulärsten Verbrechen der Nachkriegszeit – und die Fernsehnation war live dabei. Die Geiselnahme von Gladbeck, bei der drei Menschen starben, schockierte Mitte August 1988 die Bundesrepublik: Drei Tage lang fuhren die beiden Gangster Hans-Jürgen Rösner und Dieter Degowski nach einem gescheiterten Banküberfall in Gladbeck mit Geiseln kreuz und quer durch die Gegend, bevor sie von der Polizei gestoppt und überwältigt werden konnten. Bei der Berichterstattung verloren viele Medien Maß und Ziel – so wurden die brutalen Gangster und ihre Opfer bei Zwischenstopps von Kamerateams und Reportern umringt und wie Popstars interviewt. Um an der heißen Story hautnah dran zu sein, kletterte ein Journalist sogar ins Fluchtfahrzeug, um ein Stück mitzufahren.

Der zweiteilige ARD-Spielfilm "Gladbeck" zeichnet das Geschehen in all seinen Facetten nach, schildert das brutale Vorgehen der Täter genauso wie das Versagen von Polizei, Behörden und Medien. Dabei kommt anders als in früheren Bearbeitungen des Stoffs auch die Perspektive der Opfer nicht zu kurz. Der von Kilian Riedhof mit Augenmaß und Fingerspitzengefühl inszenierte Zweiteiler läuft am Mittwoch und am Donnerstag im Ersten. Im Anschluss an den zweiten Teil ist die Dokumentation "Das Geiseldrama von Gladbeck" zu sehen.

Mit bösem Blick und der Aura eines zu allem entschlossenen Schwerverbrechers spielt Sascha Alexander Gersak den Geiselgangster Hans-Jürgen Rösner, Alexander Scheer dessen leicht debil wirkenden Komplizen Dieter Degowski. Nachdem die beiden eine Bank in Gladbeck überfallen haben und die Polizei angerückt ist, fordern sie einen Fluchtwagen und 300 000 Mark. Mit zwei Geiseln im Auto starten die Gangster eine Irrfahrt durch Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen, in Bremen kapert das Duo einen ganzen Bus mit 27 Geiseln. Als beim Halt an einer Raststätte Rösners Freundin, die sich mittlerweile zu dem Duo gesellt hat, auf der Toilette von der Polizei überwältigt wird und nicht wieder rechtzeitig beim Bus auftaucht, tötet Degowski einen 15-jährigen Jungen.

Die Geiselnahme dauert an, und immer wieder werden die Gangster von Reportern interviewt, unterhalten sich mit Passanten oder gehen seelenruhig einkaufen. Es spielen sich erschreckende und auch skurrile Szenen ab, von denen sich einige unauslöschlich ins kollektive Gedächtnis des Landes eingegraben haben – etwa der Moment, als Dieter Degowski der Geisel Silke Bischoff, gespielt von Zsá Zsá Inci Bürkle, seine Pistole an den Hals hält. Später wird die 18-Jährige bei der Befreiungsaktion auf der Autobahn erschossen. Das dritte Todesopfer war ein bei einem Verkehrsunfall während der Verfolgung getöteter Polizist.

Die ARD-Produktion erinnert aber nicht nur an ein skandalöses Verbrechen, sondern stellt mit Blick auf aktuelle Entwicklungen wie die verachtenswerte Gaffermentalität auf deutschen Autobahnen durchaus auch aktuelle Bezüge her. Legten frühere Produktionen über das Geiseldrama den Fokus eindeutig auf die beiden geltungssüchtigen Gangster und willfährige Reporter, die ihnen nur allzu gern eine öffentliche Bühne boten, wird in dem Zweiteiler auch die Tortur der Geiseln und ihrer Angehörigen angemessen berücksichtigt.

"Gladbeck", Mittwoch, 7., Donnerstag, 8. März, jeweils 20.15 Uhr, ARD.