Leute in der Stadt

Gasey Lhendup, Reiseleiter aus Bhutan, war zu Gast in Freiburg

Dominik Heißler

Von Dominik Heißler

Sa, 15. September 2018

Freiburg

Drei Monate hat Gasey Lhendup in Deutschland verbracht. Er wollte Land, Leute und Kultur kennenlernen, um in seinem Heimatland Bhutan Reisende gut empfangen zu können. Heute fliegt er wieder zurück.

Auf die Frage nach seinem Alter holt er tief Luft. Seinen Geburtstag hat er zum ersten Mal in Deutschland gefeiert. Denn in Bhutan ist dieser Tag nicht wichtig. Gasey Lhendup wurde in einem August geboren und war sofort ein Jahr alt. Sechs Monate später, zum buddhistischen Neujahrsfest im Februar, war er schon zwei. In Deutschland ist er 35 Jahre alt, in Bhutan 36. Die ihn mit seinem ersten Geburtstagskuchen überrascht haben, das sind seine Reisepartner Christina Bauer und Fabian Herzog. Kennengelernt haben sie sich vor drei Jahren in Bhutan. Gasey Lhendup war ihr Guide. Sie verstanden sich gut und am Ende der Reise kam er auf sie zu und fragte, ob sie nicht mit ihm zusammenarbeiten wollten.

Christina und Fabian betreiben in Freiburg die Reiseagentur Green Tiger, die vor allem Reisen nach Südostasien anbietet. Ihnen gefiel die Idee. Aber vor dem endgültigen Okay "haben wir meine Eltern als Testreisende hingeschickt", erinnert sich Fabian. Und die hatten viel Spaß. Gasey ist inzwischen zum zweiten Mal in Deutschland, heute fliegt er wieder zurück nach Bhutan.

In Bhutan ticken die Uhren langsamer

"Ich freue mich, meine Familie wieder zu sehen", sagt der Vater von zwei Söhnen auf Englisch. Aber auch Deutschland habe ihm gefallen. Warum er hergekommen sei? "Nicht, um Deutsch zu lernen." Zwar habe er einen Deutschkurs besucht, aber: "Ich wollte die Deutschen kennenlernen, was sie mögen, wie sie sich zuhause fühlen." Um dann in Bhutan ein guter Gastgeber sein zu können.

Fünf Jahre lang arbeitete er in einem großen internationalen Hotel in Bhutan. Ab 2008 führte er Touristen durch das Land, überprüfte Hotels, kümmerte sich um deren Aufenthalt. "Die Gäste sind dann auf mich zugekommen und haben mich gefragt, ob ich nicht ein eigenes Geschäft aufmachen wolle", erinnert er sich an ihr Feedback. Er habe schon sehr lange geplant, selbstständig zu werden. Dann habe er Christina und Fabian getroffen.

Die beiden sind seine Gastgeber in Freiburg. Gasey war auch in Berlin, in Hamburg und auf Husum. Aber in Freiburg hat es ihm am besten gefallen. "Beim Wandern im Schwarzwald habe ich mich manchmal gefühlt wie in Bhutan", sagt er mit einem Lächeln. In Deutschland ist allerdings nur knapp ein Drittel des Landes bewaldet. In Bhutan sind es zwei Drittel. Das Land liegt zwischen China und Indien und ist etwa so groß wie die Schweiz. Aber es leben dort nur 700 000 Menschen.

Diesen Unterschied hat er vor Augen, wenn er sagt, die Leute in Deutschland hätten weniger Zeit. "Sie fokussieren sich auf eine Sache", erklärt er, und bewegt die flachen Hände von den Schläfen aus nach vorne. Vor allem in den großen, lauten Städten sei ihm das aufgefallen. In Bhutan dagegen ticken die Uhren langsamer. Im ganzen Land gibt es keine Ampel. "Stattdessen regeln Polizisten den Verkehr", beschreibt er die große Kreuzung in Thimphu, der Hauptstadt von Bhutan. "In Deutschland nutzen die Leute ihre Freizeit anders", hat er beobachtet. Am Wochenende gingen sie in die Natur. In Bhutan sei man überall in fünf Minuten in der Natur – ähnlich wie in Freiburg. Was in Bhutan aber nicht gehe: mit freiem Oberkörper am Fluss zu liegen oder gar durch die Straßen zu gehen. "In Bhutan sind wir sehr schüchtern, wenn wir nackte Haut sehen." Er schaue dann immer verschämt zur Seite.

Aufgewachsen ist Gasey bei seinen Großeltern. Sie waren arme Bauern. Um zur Schule gehen zu können, arbeitete er auf dem Bau, auf den Feldern. "Ich hatte niemanden, der mich finanziell unterstützen konnte", erinnert er sich. Dennoch arbeite er nicht bloß, um Geld zu verdienen. Und mit seinem Geld unterstütze er Kinder, die es ebenso schwer haben, wie er es hatte. "Ich will etwas dazu beitragen, dass Menschen in Bhutan eine gute Zeit haben, dass sie glücklich sind."