Rock und Pop aus der Türkei

Gaye Su Akyol, Derya Yildirim, Altin Gün – neue Klänge vom Bosporus

Stefan Franzen

Von Stefan Franzen

Mo, 11. Februar 2019 um 19:55 Uhr

Rock & Pop

Betörend rebellisch: Die Kaserne Basel präsentiert mit Gaye Su Akyol und Derya Yildirim zwei türkische Sängerinnen zwischen Retro und Moderne, die Band Altin Gün spielt in Freiburg.

Als "Traum purer Freiheit in einem Land, das zunehmend zu einem konservativen Gefängnis wird" – so charakterisiert sie ihr neues Album. Es dürfte nicht viele Künstler geben, die den Mut haben, sich so unverblümt zu den aktuellen Zuständen der Türkei zu äußern: In der Istanbuler Popszene ist Gaye Su Akyol ein Enfant Terrible, das sich zwischen Feminismus, Hippie-Kultur und glamouröser Rock-Attitüde eine Nische geschaffen hat.

Auch international ist man auf die Rebellin aufmerksam geworden, die jetzt in Basel auf die Bühne gehen wird. Als Begleittext zu ihrer CD hat sie eine Art Manifest veröffentlicht, in dem sie die aktuellen Machthaber zwar nicht beim Namen nennt, aber trotzdem Tacheles redet: "Das ist ein extrem feministisches, revolutionäres und idealistisches Album", stellt sie dort klar. "Ich kam zu der klaren Überzeugung, dass die Existenz und Kraft der Frauen betont werden muss in einer Welt, die sich durch die Zurschaustellung männlicher Macht selbst karikiert."

Beständiges Träumen als Rezept

Konsequent veröffentlicht sie ihre Arbeiten unabhängig von der männlich dominierten Musikindustrie im Alleingang. Dafür hat sie ihren eigenen Verlag gegründet. Das Cover ihres dritten Werks "Istikrarlı Hayal Hakikattir" ziert ein matriarchalisches Teppichmuster, das für Fruchtbarkeit steht – eine Fruchtbarkeit, die Akyol auch auf künstlerische Kreativität bezogen sehen möchte. Sich inszeniert sie darauf im grünen Pailletten-Dress vor einer Fantasiewelt. Denn die ist es, die uns retten kann, meint Akyol: "Wir sind erbärmlich standardisierte, unrebellische Roboter der neuen Welt. Wir müssen eine Gegenrealität schaffen, um das organisierte Böse und die schreckliche Wirklichkeit herauszufordern. Beständiges Träumen ist dafür das beste Rezept."

Die musikalischen Mittel, mit denen Akyol arbeitet, sind tatsächlich traumgleich: Auf "Istikrarlı Hayal Hakikattir" kreiert sie mit ihrer melismatisch-lasziven Stimme einen faszinierenden Schwebezustand zwischen orientalischem Psychedelic-Rock und klassischem türkischem Gesang, gräbt sich dabei auch in dunkle Wave-Gefilde vor, die gespickt sind mit finsteren Keyboards. Großen Anteil an der Homogenität des Werkes hat der Gitarrensound von Ali Güçlü Simsek. Der Gesamteindruck pendelt sich irgendwo zwischen nostalgischem Bosporus-Cabaret und funky Futter für Hipster ein – vorausgesetzt, die haben mit dem Orient keine Berührungsängste. Gaye Su Akyols musikalische Traumfabrik ist gerade auf der Bühne betörend, wie ihre Live-Clips verraten.

Zwei Wochen später gastieren in der Kaserne erneut türkische Sounds, allerdings mit leichter Akzentverschiebung: Die 23-jährige Derya Yıldırim ist eine waschechte Hamburger Deern, wuchs in Wilhelmsburg auf und begann auch auf dortigen Festen mit der Musik. Heute studiert sie in Berlin, eines ihrer Fächer ist die türkische Langhalslaute Baglama, die in ihren Songs als metallen zirpende Farbe klar durchzuhören ist.

Im Zentrum der anatolischen Popklassiker der 1970er, die sie neben Eigenkompositionen mit Vorliebe aufgreift, steht aber ihre dunkle, honiggleiche Stimme. Selda Bagcan und Barıs Manço heißen ihre Helden, auf die sich übrigens auch Gaye Su Akyol immer wieder gerne beruft. Deren Ohrwürmer genoss sie schon während der Kindheit, jetzt hat sie sie mit ihrer eigenen Grup Simsek frech aufpoliert. In den Reihen der Band finden sich nicht etwa Türken, sondern Musiker aus Italien, England und Frankreich, die sich durchs Casting eines Wilhelmsburger DJs für ein Theaterprojekt des Hamburger Schauspielhauses zusammengefunden haben.

Damit könnte Yildirims Combo wohl einen kleinen Trend etablieren, den auch die coole Band Altin Gün aus den Niederlanden 2018 in der Kaserne vorgeführt hat und demnächst auch in Freiburg präsentiert – die Aneignung nostalgischer türkischer Pop- und Rock-Töne durch den Westen. Wer hätte das noch vor ein paar Jahren gedacht: Die Klänge des Bosporus werden europäisches Allgemeingut.

Platten: Gaye Su Akyol: Istikrarlı Hayal Hakikattir (Glitterbeat/Indigo). Derya Yildirim & Grup Simsek: Nem Kaldi EP (Bongo Joe).
Konzerte: Basel, Kaserne: Samstag, 16. Februar, Gaye Su Akyol, 21 Uhr; Samstag, 2. März, Derya Yildirim & Grup Simsek, 20.30 Uhr; Freiburg, Jazzhaus: Mittwoch, 3. April, Altin Gün, 20 Uhr.