Gefangen in den 90ern

Ralf Strittmatter

Von Ralf Strittmatter

So, 11. Februar 2018

Rock & Pop

Der Sonntag Ein Grund zum Verzweifeln oder doch eher zur Freude? Die 100. Bravo-Hits kommt Freitag auf den Markt.

Zu Spitzenzeiten zwei Millionen Mal verkauft, wird die "Bravo-Hits" heute immerhin noch viermal jährlich mit fast einer Million Auflage auf Doppel-CD abgesetzt. Am Freitag, 16. Februar, erscheint die Hitsammlung zum 100. Mal. Redakteure des Sonntag berichten über ihre Erfahrungen mit dem Zeitdokument.

Eine Armlänge Abstand
Die "Bravo-Hits" liefen früher auf jeder Party rauf und runter. Wenn die eigene CD-Sammlung eher überschaubar war, machte diese Hitsammlung mit den aktuell angesagten Liedern jede Feier zu einem echten Knaller. Als die erste "Bravo-Hits" vor 25 Jahren auf den Markt kam, schickten mich meine Eltern mit elf Jahren zum ersten Mal im Sommer auf eine Ferienfreizeit an den Thunersee in der Schweiz. Neben Tageswanderung und Grillabend gab es auch einen Ausflug nach Thun, für den uns unsere Eltern mit Taschengeld ausgestattet hatten. Ich weiß nicht mehr, wofür ich meine 20 Mark ausgegeben habe. Manch einer wird sein Geld sicher sinnvoller angelegt haben als ich, ich erinnere mich an Hightech-Frisbees oder Wasserpistolen. Bevor es zurück zur Unterkunft ging, war ein Sammelpunkt an der Aare vereinbart worden, wo alle Kinder ihre Käufe präsentierten. Tatsächlich zog da einer der älteren Jungen stolz die erste "Bravo-Hits" aus der Tasche. Darauf versammelten sich so unterschiedliche Lieder wie "Hurz!!!" des Komikers Hape Kerkeling, "Don’t Talk Just Kiss" von Right Said Fred oder die Technoversion von "Das Boot" des Musikprojekts U96 – alles in allem nur wenig von Dauer. Ein Lied auf der Scheibe bleibt mir jedenfalls besonders in Erinnerung, weil es bei uns zum heimlichen Lager-Hit wurde. Mr. Bigs "To Be with You" wurde am Lagerfeuer gespielt, die älteren Mädchen führten den Song in Playback bei der Lager-Hitparade vor. Für mich persönlich bleibt das Lied ein Hit, weil ich dazu stocksteif in der Lager-Disco zum ersten Mal mit einem Mädchen getanzt habe, inklusive Angstschweiß und einer Armlänge Sicherheitsabstand. Ralf Strittmatter
Die Geister, die sie riefen
Großhistoriker Helmut Kohl hat neben den "blühenden Landschaften", dem "Bimbes" und "Brnsbttl" auch die "Gnade der späten Geburt" hinterlassen. Und wie das meiste gilt das genauso gut auch andersrum: Als die Bravo ihre erste Jahres-CD auf den Markt warf, war ich gerade dem SWR3 -Dudel entflohen. Puh, früh genug geboren. Dass diese Scheiben im Grunde verlässlich alles versammeln, was einem im Laufe eines Musikjahres das Hirn aufweichte, weiß ich trotzdem. Weil diese Strand-Bubble-Gum-quietschbunten Dinger bei meiner jüngeren Schwester rumlagen, bei der ich mich hiermit entschuldigen möchte. Ich ging nicht nur aus Geldmangel "Bravo-Hits"-abstinent durch die 90er Jahre. Ich fand sie einfach schlimm. Schlimm. Und regelmäßig später schreckten sie mich beim Durchblättern der CD-Fächer in der Stadtbibliothek aus dem angenehmen Stöbertran. Wir sind immer noch da, riefen sie. Ich schob sie beiseite wie die Bilder von Hautkrankheiten im Pschyrembel. Doch eine weitere Lebensweisheit lehrt: Man hört sich immer zweimal. Und so gibt es einen Urlaub vor drei Jahren, an den ich mich nur noch wie im Nebel erinnern kann, weil ich ihn in Trance überdauerte. Wie kann man Minderjährigen das Haschen verbieten, aber "Bravo-Hits" anpreisen? Eine Dauerschleife aus Leslie Clio, Robin Schulz, Felix Jaehn, Kigo oder gar Martin Solveig wirkt psychoaktiv, das glauben Sie jetzt nicht, ich habe es aber am eigenen Leib erfahren. Und die Geister, die sie riefen, ich werd’ sie nicht mehr los. Sofort singt es in mir. "You-got-me-intoxicated!" Kennen Sie die chinesische Wasserfolter mit den steten Tropfen auf den Kopf? Eben. Aufhören! Ja, Kinder sind wundervoll, auch weil sie einen auf dem Laufenden halten. Und sei es nur darüber, dass Radiohits grausam sind. Je mehr, desto mehr. Verzeiht mir.

René Zipperlen
Grölen auf der Tanzfläche
Comic-Superhelden schmückten das Cover der "Bravo-Hits 9" – meine erste aus der Reihe, mit der ich durch meine ältere Schwester in Berührung gekommen war. Warum ich das noch so genau weiß? Keine Ahnung, muss wohl etwas Besonderes für mich gewesen sein. Wochenlang gab es keine schönere Beschäftigung, als uns durch die 40 Hits der damaligen Popstars – angefangen von Caught in the Act über DJ Bobo bis hin zu Roxette – zu hören. Zum Glück gab es gleich zwei CDs, sonst wäre der Streit unter Schwestern vorprogrammiert gewesen. Ich war infiziert. Ab Mitte der 90er Jahre floss auch mein Taschengeld in die immer wieder neuen Auflagen der "Bravo-Hits". Ein Bekannter hatte damals schon den Spruch gebracht, dass die mal viel wert sein werden. Gut, etwas übertrieben hat er schon, für unsere Sammlung würden wir heute nicht viel bekommen. Wer allerdings die "Bravo-Hits 1" besitzt, könnte ein Geschäft machen: Auf Ebay wird sie für 140 Euro angeboten. Ideellen Wert haben unsere CDs dennoch: Über die Jahre habe ich sie fein säuberlich auf den PC gezogen – sicher ist sicher, denn Musikscheiben haben auch nicht das ewige Leben. Allerdings würde es mir im Traum nicht einfallen, heute zu Hause eine "Bravo-Hits" anzuhören. Vielleicht geht es nur um das Gefühl zu wissen, dass die Möglichkeit bestünde. Ein paar wenige Momente gibt es aber doch, in denen ich meiner Nostalgie freien Lauf lasse: Bei 90er-Partys in Freiburg oder Basel stehe auch ich auf der Tanzfläche und freue mich wie ein kleines Kind, wenn alle – ja, wirklich alle – Hits wie "Rhythm is a Dancer" von Snap oder "Everybody" von Backstreet Boys mitgrölen. Ein bisschen Trauer schwingt dann aber auch immer mit, weil mir eines bewusst wird: Die Songs sind vor über 20 Jahren erschienen – ich werde alt!Sarah Trinler Ein Ohrstöpsel für jeden
Es gibt Ereignisse im Leben, die vergisst man nicht. Den ersten Kuss, also so einen richtigen, den ersten Herzschmerz, die erste große Klassenfahrt. Die Bilder aus dieser Zeit sind längst verblasst, geblieben ist die Musik. Der Soundtrack des Jahres: Die "Bravo-Hits Best of 94". Die Scheibe hat sämtliche Umzüge überdauert. Das ist nicht nur erstaunlich, sondern auch ein bisschen peinlich, immerhin mache ich heute einen großen Bogen um die Charts. Damals aber war genau das der große Renner. Alle kannten die Songs. Und wann immer Whigfields "Saturday Night" anspielte, kamen auch die einstudierten "Moves" dazu. Aber es war nicht alles da-ba-da-dam. Immerhin boten Marusha und Scooter auch erste Einblicke in die elektronische Musikszene. "Hyper, Hyper". Das hatte was. Allerdings nicht für jeden. Ich erinnere mich noch gut daran, wie der Sound des wasserstoffblondierten Frontmanns H.P. Baxxter im Take-That-Lager wenig Zustimmung fand. Die Mädels wollten lieber schmachten, und dazu bot das Album ausreichend Gelegenheit. Rückblickend wird klar: Die One-Hit-Wonder haben die Jugend nicht überlebt, geblieben sind allein die Hymnen von Aerosmith und Guns N’ Roses, bei denen ich auch heute noch das Radio voll aufdrehe. Vielleicht war der eigentliche Wert der "Bravo-Hits" nicht unbedingt, dass alle sie kannten, sondern dass es diesen bunt gemischten CDs irgendwie gelungen ist, Raver, Nerds und Träumer zusammen an den Discman zu binden. Ein Ohrstöpsel für jeden.

Julia Jacob

Bravo Hits 100 SME Media (Sony), 16. Februar, ab 19,99 Euro