Neu im Kino

"Gegen den Strom" ist Öko-Thriller und Komödie zugleich

Gabriele Schoder

Von Gabriele Schoder

Mi, 12. Dezember 2018 um 19:25 Uhr

Kino

Eine Chorleiterin mit Anarchopotenzial ist die zentrale Figur in "Gegen den Strom". Benedikt Erlingsson hat einen Umweltfilm der anderen Art geschaffen, der Öko-Thriller und Komödie zugleich ist.

Einer isländischen Chorleiterin um die 50, die im damenhaften Kleid zu den Proben einläuft, würde man ja allenfalls Harmoniesucht und einen gewissen Konservatismus unterstellen, aber wohl kaum anarchisches Potenzial. Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) besitzt jedoch ein gehöriges Maß davon. Das zeigt sich bereits in der ersten Szene von "Gegen den Strom", dem neuen Film von Benedikt Erlingsson: Wir sehen Halla mit Pfeil und Bogen auf freiem Feld, wie sie geschickt ein Stahlseil über die Hochspannungsleitungen schießt und auf diese Weise für einen großräumigen Stromausfall sorgt.

Der Sabotageakt ist nicht der erste und die Polizei sofort auf dem Plan, aber während sich Halla zwischen Felsen und unter bemoosten Vorsprüngen verstecken kann, wird ein dunkelhäutiger Tourist aus Südamerika verhaftet, der in aller Unschuld über die Insel radelt. Der tauchte übrigens schon in Erlingssons skurrilem Erstling "Von Menschen und Pferden" auf, mit dem der Isländer 2014 auf sich aufmerksam machte.

Diesmal erzählt er geradliniger, mit einem genau umrissenen, spannenden Plot, dennoch ist auch sein neuer Film, der wieder national wie international gefeiert und auf Festivals zwischen Hamburg und Havanna mit Preisen ausgezeichnet wurde, ein höchst ungewöhnliches Werk. Schon allein die Musik (Davið Þór Jónsson): Eine seltsame Combo mit Akkordeon, Schlagzeug und Sousaphon, manchmal auch mit einem Pianisten, und drei Sängerinnen in (ukrainischer) Tracht begleiten das Geschehen wie ein antiker Chor der absurden Art, kommentierend, spannungsverstärkend, ironisierend – aber schon bald nicht mehr irritierend.

Halla ist ja beides, Umweltaktivistin und Frau der Musik, und kann vom einen zum anderen wechseln wie ein Chamäleon. Der Chor scheint ihr aber nicht nur Tarnung für ihre Hardcore-Aktionen zu sein, sondern wirklich am Herzen zu liegen. Warum sie so gezielt die Infrastruktur ihres Landes beschädigt? Sie will einen geplanten Aluminiumdeal zwischen Island und China verhindern – und damit den Ausverkauf der Natur.

Hehre Ziele, martialische Methoden

Die Geschichte hat einen realen Hintergrund: Island errichtet in der jüngsten Vergangenheit verstärkt Kraftwerke und Überlandleitungen, um ausländischen Firmen seine üppigen Energieressourcen wie Wasserkraft und Geothermie zur Verfügung stellen zu können und sie besonders für die extrem stromintensive Aluminiumproduktion ins Land zu locken.

Dagegen kämpft Halla mit martialischen Mitteln. Der Regisseur lässt keinen Zweifel an seiner Sympathie für diesen weiblichen Robin Hood – und er zieht uns ganz auf seine Seite. Wenn etwa die Bevölkerung die unbekannte "Bergfrau", wie Halla sich in einem Bekennerschreiben nennt, für eine Terroristin hält, so gefährlich wie Al-Kaida oder der IS, für einen isländischen Anders Breivik gar: Dann fiebern wir umso mehr mit ihr und freuen uns, wenn sie mit Pfeil und Bogen die Drohne vom Himmel holt, von der sie mittels Wärmebildkamera aufgespürt wurde, und sie dann genüsslich zertrümmert.

Hallas Sabotagewerk bekommt neue Dringlichkeit, als überraschend ihr Adoptionsantrag bewilligt wird, den sie vor Jahren gestellt hat: In der Ukraine wartet ein kleines Mädchen auf sie, sie muss es nur bald abholen, sonst wird es anderweitig vermittelt. Mutter Erde oder Mutter Halla? Die Entscheidung ist klar, aber zuvor fährt die Ökoterroristin nochmal das ganz schwere Geschütz auf, um ihre Mission doch noch zu Ende zu bringen.

Der Film wird zum rasanten Thriller mit komödiantischen und schwarzhumorigen Elementen wie der Flucht im Viehwagen zwischen Schafböcken oder dem Running Gag mit dem armen farbigen Touristen, der immer zur falschen Zeit am falschen Ort ist. Mehr als einmal scheint Halla verloren, aber dann kann sie sich doch wieder retten, mit Bauernschläue, Glück und der Unterstützung eines potenziellen Vetters dritten Grades sowie ihrer Zwillingsschwester, die ebenfalls von der beeindruckenden Halldóra Geirharðsdóttir verkörpert wird.

"Gegen den Strom" ist ein Umweltfilm der anderen Art, witzig, warmherzig, unterhaltsam – und auf seine unkonventionelle, ja provozierende Weise sehr ernsthaft. Was für seine kriegerische Heldin auf dem Spiel steht, machen die Bilder von Kameramann Bergsteinn Björgúlfsson augenfällig: eine großartige, weite, unberührte Natur. Sie mit Flex und Sprengstoff retten zu wollen, ist sicher eine höchst fragwürdige Methode. Aber Chorgesang allein genügt halt auch nicht.

"Gegen den Strom" (Regie: Benedikt Erlingsson) läuft in Freiburg und Basel.
Ab 6 Jahren.