Unseriöse Anbieter

Unfreiwilliger Wechsel des Stromanbieters – auf was muss der Verbraucher aufpassen?

Thomas Magenheim

Von Thomas Magenheim

Sa, 22. Dezember 2018 um 09:49 Uhr

Wirtschaft

Sechs Millionen Deutsche tauschen im Schnitt jährlich ihren Stromanbieter. Das geschieht oft unfreiwillig. Viele Wechsel werden trickreich bis illegal untergeschoben.

Am Anfang stand ein guter Gedanke: Damit Verbraucher vom Wettbewerb unter Energieanbietern profitieren, sollen sie unbürokratisch den Versorger wechseln können. Die Kehrseite der Medaille – das Wechselprozedere ist anfällig für Missbrauch. Bei Verbraucherzentralen melden sich immer mehr Geprellte, die plötzlich einen neuen Stromlieferanten haben, obwohl sie nie wechseln wollten. In einer Studie hat das Marktwächterteam Energie des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (VZBV) die Maschen unseriöser Werber unter die Lupe genommen. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Wie kann es überhaupt zu untergeschobenen Stromverträgen kommen?

Bevorzugter Weg in drei Vierteln aller Fälle sind Telefonanrufe. Die werden bisweilen als Umfrage, Gewinnspiel oder unverbindliche Energieberatung getarnt, sind aber nur darauf ausgelegt, einige wenige Daten zu erfragen, mit denen man den Wechsel eines Stromanbieters in die Wege leiten kann. Kunden bekommen das dann oft nicht mit, bis eine Auftragsbestätigung ins Haus flattert.

Welche Daten braucht man zum Wechsel?

Nötig sind nur Name, Adresse und Zählernummer eines Stromkunden, was man sich teils schon vorab über professionelle Datenhändler besorgen kann. Am Telefon reicht es dann mitunter, die Zählernummer herauszubekommen. In Mehrparteienhäusern, wo Stromzähler frei zugänglich sind, häufen sich untergeschobene Stromverträge, sagen Verbraucherschützer. Beweisen können sie aber nicht, dass vor Ort Zählernummern abgelesen werden.

Kann man untergeschobene Wechsel rückgängig machen?

Theoretisch schon. Aber die zeitaufwendige Arbeit dafür hat der Stromkunde. Zudem ist die Widerrufsfrist auf zwei Wochen beschränkt. Wer im Urlaub ist, versäumt sie leicht. Es gibt auch Fälle, in denen Betroffene erst durch Abbuchung von ihrem Konto oder Mahnungen von ihrem Wechsel erfahren. Auch lassen Altanbieter Kunden bisweilen nicht mehr zu ihren Ursprungskonditionen in einen Vertrag zurück. In der Praxis können Verbraucher ihre Rechte deshalb nur schwer durchsetzen und machen untergeschobene Stromverträge nur selten rückgängig. Wenn überhaupt, gelinge es erst nach Wochen, den Wechsel rückgängig zu machen.

Müssen Energielieferanten beim Wechsel keine Vollmacht eines Kunden vorweisen?

Nein. Die Vorlage einer solchen Vollmacht ist nicht Pflicht, um Wechsel schnell vollziehen zu können. In der Praxis fragen Altanbieter auch nicht danach. Zudem wurden Verbraucherzentralen Fälle geschildert, in denen Telefonmitschnitte von Werbeanrufen so manipuliert worden seien, dass sie eine Zustimmung des Angerufenen zum Anbieterwechsel angeblich belegen.

Wer steckt hinter ungewollten Wechseln?

Die Verbraucherschutzzentralen kennen Fälle, in denen Versorger selbst und direkt am Telefon aktiv geworden sind. Oft bedienen sie sich aber auch der Dienstleistung eines Vermittlers, auf den dann eventuelles Fehlverhalten gegenüber Kunden abgewälzt wird. Wie glaubwürdig solche Beteuerungen sind, ist eine andere Frage.

Wie häufig sind untergeschobene Wechsel?

Die Verbraucherschützer können das nur anhand der Beschwerden in ihren bundesweit 16 Verbraucherzentralen hochrechnen. Danach kommen sie auf eine niedrige bis mittlere sechsstellige Zahl jährlich, also auf bis zu einer halben Million Versuchen. Eine Umfrage hat ergeben, dass fast die Hälfte aller Deutschen über 18 Jahren schon einmal einen unerwünschten Telefonanruf erhalten hat, wobei Energieprodukte mit einem Viertel aller Fälle ganz oben stehen.

Tun sich einzelne Energieversorger besonders negativ hervor?

Die Verbraucherschützer verneinen das und nennen weder in der Studie noch auf Anfrage Namen von Anbietern. Wechselverträge unterzuschieben sei eine branchenweite Unsitte und nicht nur Spielwiese einiger weniger. Beschwerden über Stadtwerke gebe es bislang nicht.

Kann man dieses Unwesen unterbinden?

Ja, sagen die Verbraucherschützer. Dazu müssten Stromversorger im Wesentlichen nur verpflichtet werden, eine Vollmacht von Verbrauchern zum Vertragswechsel gegenüber dem Altanbieter vorzulegen. Noch besser wäre es, wenn telefonisch geschlossene Verträge grundsätzlich nachträglich schriftlich bestätigt werden müssten. Bis dahin könne der VZBV nur in besonders klaren Fällen einzelne Stromanbieter abmahnen und Verbrauchern zu äußerster Vorsicht raten.