Operette

Gelungen: "Les Aventures du roi Pausole" an der Musikhochschule Freiburg

Alexander Dick

Von Alexander Dick

So, 20. Januar 2019 um 20:00 Uhr

Theater

Gutes Theater mit wenigen szenischen Zutaten ist möglich: Alexander Schulin inszeniert Arthur Honeggers frivole Operette "Les Aventures du roi Pausole" an der Musikhochschule Freiburg.

Die richtig guten Operetten – die kann man schlecht nacherzählen. Schon gar nicht in ein, zwei Sätzen. Bei Arthur Honeggers "Les Aventures du roi Pausole" könnte man es dagegen versuchen: König hat 365 Frauen, ist trotzdem unbefriedigt und deshalb zumeist müde und dankt deshalb nach drei Akten ab. Sind die "Abenteuer des Königs Pausole", uraufgeführt 1930 an sozusagen geweihtem Operettenort, dem einstigen Theater Jacques Offenbachs, den Bouffes-Parisiens in Paris, ergo keine gute Operette? Zumal sie heute so gut wie keiner mehr kennt?

Antworten wir mal mit einem entschiedenen Jein: Dieses Stück mit seinen herrlich albernen Zoten und politischen Unkorrektheiten, mit seinen Lobpreisungen und Verknüpfungen von freier Liebe, Revolution und Machismo – es kann weder aus unserer Zeit noch aus Deutschland stammen. Arthur Honegger, der Franko-Schweizer, den viele nur noch über seine genialische Dampflokomotiven-Tondichtung "Pacific 231" kennen, hat mit dieser Vertonung eines ironisch-galanten Romans gezeigt, dass die Gattung Operette auch mitten in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts jenseits von Herz, Schmerz und Schmalz breitenwirksam sein konnte: Über 500 Mal wurde das Stück 1930 in Paris en suite gespielt.

Schade, dass das der aktuellen Freiburger Musikhochschulproduktion – der zweiten dieses Werks nach knapp 16 Jahren, nicht vergönnt sein wird. Denn der Leiter des Instituts für Musiktheater, Alexander Schulin, zeigt mit seiner Regiearbeit einmal mehr, dass gutes Theater mit wenig szenischen Zutaten möglich ist: Wenn es gelingt, das Potenzial der Akteure maximal auszuloten unter Ausschöpfen der Parameter Tempo, Ironie und musikdarstellerische Qualität. Tryphème, das Reich des hedonistisch veranlagten Königs Pausole, ist bei Schulin ein Zirkus (Bühne: Fabian Lüdicke). Und damit wären wir schon mitten in der Gegenwart. Politiker wie Pausole kennen wir zur Genüge: selbstverliebt, entscheidungsschwach, (amts)müde und trotzdem machtverliebt. Francesc Ortega i Martí verleiht ihm seinen beweglichen, hellen lyrischen Bariton und spielt ihn herrlich überdreht. Diese Leidenschaftlichkeit und Laune ist auch Markenzeichen all der anderen: Ob Rubén Olivares Jofré als hilflos-intriganter Minister Taxis in Dompteursuniform mit leuchtend-lyrischem Tenor – für die herrlich schrillen Kostüme zeichnet Yvonne Forster verantwortlich. Oder Luca Festner als im galanten Tenorfach ebenso wie im Bajuwarischen sicherer Bazi und Gigolo Giglio. Oder Tobias Schwarz als chargierender Ökonom und Meiereipächter.

In vokaler Hinsicht ist das alles echt hörenswert, auch bei den Chorensembles –besondere Akzente setzen die Sängerinnen: Zum Beispiel Alies Züfle als mit geschmeidigem, lyrischem Sopran ausgestattete Königstochter Aline: Ihr Lied an den schlafenden Papa gehört zu den musikalischen Höhepunkten. Julia Hilpert legt wunderbar zarte Emotion in ihre Königin Diane, Alina Kirchgässner setzt das Androgyn-Burschikose der Mirabelle auch mit stimmlichen Mitteln überzeugend um: Eine doppelt codierte Hosenrolle ist das; denn eigentlich ist Mirabelle eine Frau, die im Männerkostüm die Königstochter verführt, deren Reize als Frau auf Männer aber auch ihre Wirkung haben.

An dieser Figur werden die Doppeldeutigkeiten und Pikanterien dieses frivolen Stückes am Evidentesten. Da erkennt man den Urahn dieses Werks – Jacques Offenbach, den bitterbösen Satiriker auf Prüderie und Politik. Alexander Schulins Regieansatz unterstreicht diese Nähe auch mit der flotten Dialogfassung, die elegant zwischen dem französischen Original und dem Deutschen switcht. Wer’s zotig mag, darf sich an Sprüchen der Travestie-Figur Mirabelle "Ich habe als Bengel so meine Mängel" erfreuen. Und wer sein Herz an die Parodie verloren hat, darf sich an Zitaten aus Wagners "Tristan und Isolde" ergötzen. "Mild und leise..."

Wichtig in einer Operette ist die Bewegung. Und für die sorgen einerseits die Choreographien Emma-Louise Jordans sowie andererseits das Hochschulorchester. Claire Levacher weiß, dass diese freche Partitur auch rotzfrechen Blechs und eines launigen Vaudeville-Sounds bedarf, um richtig zu wirken. Und so entfalten die Damen und Herren im Graben im besten Sinne Vorstadttheaterqualitäten, tolle solistische Leistungen bis hin zur schmeichelnden Solovioline der Konzertmeisterin inklusive. Man braucht ein bisschen, bis man sich in diese schräge, manchmal auch sehr trockene Musik eingehört hat, aber besonders im zweiten und dritten Akt entzündet Honegger – und mit ihm Claire Levacher – ein musikalisches Feuerwerk: ob beim Bolero, beim hinreißenden Blues oder beim erotisch aufgeladenen langsamen Walzer mit seinen Chromatiken. Der bohrt sich ins Ohr, im Gegensatz zu den meisten anderen Nummern. Ein Grund, warum "König Pausole" so wenig über die Bühnen abenteuert? Vielleicht liegt’s aber auch einfach daran, dass richtig gut Operette heute kaum noch ein Stadttheater kann. Im Gegensatz zu Alexander Schulin und der Musikhochschule Freiburg.

Weitere Aufführungen: 21., 22. Januar