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09. Februar 2012

42-stündiger Albtraum vor dem Jugendschöffengericht

Prozess gegen ein Trio aus der Punkerszene, das im Juli 2011 einen jungen Gengenbacher in Spaichingen misshandelte und erpresste.

  1. Die jungen Täter kommen aus der Punkerszene. Foto: dpa

GENGENBACH. Am Montag beginnt vor dem Rottweiler Jugendschöffengericht der Prozess gegen ein junges Trio aus der Punkerszene, das im Sommer 2011 einen damals 19-Jährigen Gengenbacher nach Spaichingen gelockt, dort 42 Stunden gefangen gehalten, erniedrigt, gequält und um Geld erpresst hatte. Die Anklage lautet auf erpresserischen Menschenraub. Der Offenburger Rechtsanwalt Reinhard Kirpes vertritt das Opfer aus Gengenbach, das seit dem Vorfall unter einer erheblichen Traumatisierung leidet, bei dem Prozess als Nebenkläger.

Eigentlich, sagt der Strafverteidiger Kirpes, übernehme er keine Nebenklagen. Doch in diesem Fall mache er wegen der Hilfsbedürftigkeit des Angeklagten eine Ausnahme. So wie im Jahr 2005, als er Angehörige der Opfer des dreifachen Kehler Frauenmörders Jacques Plumain vertrat. Das mittlerweile 20-Jährige Opfer habe sich selbst an Kirpes mit der Bitte um Rechtsbeistand gewandt.

Es begann alles ganz harmlos mit einer heutzutage nicht außergewöhnlichen Form der Kontaktaufnahme. Der 19-jähriger Mann aus Gengenbach lernte per Internet eine gleichaltrige Frau aus Spaichingen kennen. Erste gegenseitige Besuche im Juli 2011 verliefen normal, doch dann nahm das Unheil seinen Lauf.

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Bei der nächsten Verabredung holte die 19-Jährige den Bekannten mit ihren beiden Freunden aus der Punker-Szene am Bahnhof ab. Bald kam es zum Streit. Die beiden 20-jährigen Männer zwangen den Gast unter Androhung von Schlägen, ihre Wohnungen zu putzen. Dann nötigten sie ihn, mit zur Freizeitanlage "Ententeich" zu gehen, wo sie ihn brutal zusammenschlugen. "Alle drei traten auf ihn ein und erniedrigten ihn", sagte damals ein Polizeisprecher. Der Mann aus der Ortenau habe sich aus Angst in sein Schicksal ergeben. Die Nacht musste er auf dem Boden in einer Ecke verbringen.

Am nächsten Tag wurde er unter massivem Druck gezwungen, dem Trio in die Stadt zu folgen und ein Handy zu kaufen, das die Täter dann an sich nahmen. Danach musste er nach Tuttlingen mitgehen, um ein Laptop zu kaufen. Als es klappte, musste der Eigentümer das teure Stück abgeben.

Die beiden Täter ließen ihr Opfer kopfüber von einer Brücke baumeln

Bei der Rückkehr nach Spaichingen wurde der junge Ortenauer erneut an den Ententeich geführt, wo seine drei Peiniger wieder grundlos auf ihn einschlugen. Dann zogen sie ihn über das Geländer einer Brücke und ließen ihn dort eine Zeit lang mit dem Kopf nach unten hängen. Die beiden Punker hielten ihn an den Füßen fest, drohten ihn fallen zu lassen. Zurück in der Wohnung quälten ihn die drei Täter, indem sie beispielsweise seinen Kopf in eine Mülltonne drückten, und zwangen ihn abermals, die Nacht sklavisch in einer Ecke auf dem Fußboden zu verbringen.

Am nächsten Tag wurde er freigelassen. Er fuhr mit dem Zug nach Offenburg zurück und erstattete Anzeige bei der Polizei. Die traf auf "eine total vermüllte Wohnung und Zustände, wie man das hier bisher nur aus dem Fernsehen kannte", berichtete ein Sprecher auf Anfrage. Das gesuchte Trio war spurlos verschwunden und schlief fortan offenbar im Freien und unter Brücken, wie sich später herausstellte. Erst Wochen später gelang den Fahndern die Festnahme.

Bei den Tätern handelt es sich um drei junge Menschen, die keinerlei Beziehungen zu ihren Familien mehr hatten und von der Jugendpflege betreut wurden. Die Frau kommt aus Spaichingen, die beiden Männer von außerhalb des Kreises Tuttlingen. Alle drei waren in der Punker-Szene aktiv.

"Bei der Vernehmung haben sie keinerlei Reue gezeigt", erklärte ein Beamter, der fassungslos ist "über diese Art der Verrohung" und "über die Gleichgültigkeit gegenüber anderen Menschen". Sie seien nicht fähig zu irgendwelchen Mitgefühlen und hätten sich gegenseitig beschuldigt. Ein richtiges Motiv sei nicht zu erkennen. Jetzt sitzen sie wegen dringenden Tatverdachts des erpresserischen Menschenraubs in Untersuchungshaft. Der junge Mann aus Gengenbach war durch die Schläge und Tritte so schwer verletzt worden, dass er im Krankenhaus behandelt werden musste. Die psychischen Verletzungen seien allerdings so schwerwiegend, heißt es bei der Polizei, dass sie nicht so schnell geheilt werden können. Erschwerend komme hinzu, dass Therapieplätze für derart traumatisierte Patienten derzeit schwer zu finden seine, berichtet Reinhard Kirpes, der seine Nebenklagevertretung für den jungen Gengenbacher gestern bei einer Pressekonferenz öffentlich machte. Wegen des spektakulären Falls hätten bereits Fernsehteams von RTL und Sat 1 bei ihm um Stellungnahmen angefragt. In deren Boulevard-Formaten sehe er aber keine angemessene Plattform für diesen Fall.

Autor: Ralf Burgmaier und Lothar Häring