Auf schwankendem Boden

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Di, 19. Juni 2018

Gengenbach

"Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit" der Landesbühne Bruchsaal beim Gengenbacher Kultursommer.

GENGENBACH. Noch premierenfrisch kam die Inszenierung der Badischen Landesbühne Bruchsal zum Kultursommer nach Gengenbach: Pierre Augustin Caron de Beaumarchais‘ "Der tolle Tag oder Figaros Hochzeit", bekannt vor allem durch Mozarts Opernfassung, kam als knallig überzeichnetes Boulevardstück daher, bei dem die Grundopposition zwischen dem alternden Grafen Almaviva und seinem Diener Figaro an die ewigen Auseinandersetzungen zwischen Tom und Jerry erinnerten.

Zuerst irritiert der Klamauk mit den lustigen Kostümen: Wirtschafterin Marcelline (Evelyn Nagel) ist ein "dicker brauner Käfer", Gärtnerstochter Fanchette (Nadine Pape) erinnert irgendwie an Biene Maja, und die beiden Gerichtsdiener Doppelklau und Gimpelwitz (Colin Hausberg, Tobias Karn) sind ein Komikerpaar von Gnaden. Die Damen tragen Reifrock-Gerippe, und die Haarpracht des tumben Basilio hat sich seinem Magisterhut angepasst. Ein rundes Bett und drei Drehtüren sind die Kulisse, die für allerlei Klamauk taugt.

Doch die Oberfläche hat Tiefe, denn sobald in dieser grellbunten Boulevardkömödienszenerie einer ganz normal redet, wie es Figaro zunehmend tut, horcht man auf: "Adel, Reichtum, Rang und Würden – was hat er (Almaviva) denn geleistet, all das zu verdienen? Er hat sich die Mühe gegeben, geboren zu werden! Sonst nichts! Ich musste in meinem Leben mehr Fleiß und Verstand aufbringen, als die ganze Regierung in hundert Jahren". Eine im Jahr der Uraufführung 1785 – vier Jahre vor der französischen Revolution – politisch brisante Aussage mit Sprengkraft, vor allem von einem Autor, der da schon aus einfachen Verhältnissen durch Heirat in den niederen Adel aufgerückt war.

Quintessenz der Inszenierung (Arne Retzlaff): Das allgemein Übliche und Akzeptierte ist der helle Wahn – die ehrlichen Gefühle eines Dieners zu einer Dienerin das Gegenbild dazu. Die Vormachtstellung des Adels ist absurd – die Liebe, und sei sie noch so unvernünftig, ist es nicht. Das rechtliche und politische Fundament des Staates wackelt wie das Bett, das als Podest bei der Gerichtsverhandlung dient: Die gesellschaftliche Ordnung steht nicht nur symbolisch auf wackeligem Boden.

Körperbetont und slapstickhaft bewegen sich die Schauspieler auf der Bühne, Sprachwitz und Timing stimmen perfekt. Stefan Holm gibt seinem Grafen Almaviva Bitterkeit mit, Markus Hennes als Figaro ist nicht nur bauernschlau, sondern authentisch, Sina Weiß (Susanne) und Cornelia Heilmann (Gräfin Almaviva) agieren auf einer Ebene miteinander. Wer sich im Publikum auf das comichafte der Inszenierung einlassen konnte, und das waren die allermeisten, erlebte einen sehr amüsanten Theaterabend. Großer Applaus.