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20. Juni 2011

Der Wutbürger empört sich gewalttätig

Mit Schillers "Wilhelm Tell" in der Inszenierung der Badischen Landesbühne Bruchsal startet der Gengenbacher Kultursommer.

  1. Schwüre und Bündnisse sind zahlreich in dieser Inszenierung (von links nach rechts): Sandra Pohl als Arnold von Melchthal, Hannes Höchsmann als Walther Fürst und Stefan Holm als Werner Stauffacher. Foto: Renate Tebbel

  2. Der Rütli-Schwur: „Wir wollen frei sein wie die Väter waren, in keiner Not uns trennen und Gefahr.“ Foto: PR

GENGENBACH. Trifft er oder trifft er nicht? Diese Frage steht immer wieder im Vordergrund, wann immer die Rede von Schillers "Wilhelm Tell" ist. Sicherlich, das Publikum weiß, Tell wird erfolgreich den Apfel vom Sohn seines Kopfes schießen, aber ein bisschen Spannung bleibt. Der Badischen Landesbühne Bruchsal gelang zum Auftakt des Gengenbacher Kultursommers mit "Wilhelm Tell" in jeder Hinsicht ein Treffer: Eine frische Darstellertruppe, fetzige Musik im Rap-Sound, eine zeitgemäße Ausstattung und ein schlichtes Bühnenbild überzeugten am Samstag Abend das Publikum in der vollbesetzten Stadthalle.

Das größte Verdienst dieser Inszenierung von Lothar Maninger ist jedoch, dass die Idee von Schillers Stück sehr deutlich wurde. Das ist die Frage, wie das allgemein gültige menschliche Rechtsempfinden mit der Gerichtsbarkeit einer bestimmten Zeit in Einklang gebracht werden kann. In der Geschichte des Schweizer Nationalhelden gelingt das nur mit Gewalt.

Das Stück beginnt am Vierwaldstätter See. Konrad Baumgarten ist auf der Flucht vor den Reitern des Vogts. Er wird von Wilhelm Tell gerettet, der ihn über den See nach Uri schifft. Die drei Kantone Unterwalden, Uri und Schwyz unterstehen dem Landvogt Gessler, der für Grausamkeit und Willkür bekannt ist. Seine Untertanen sollen einem auf dem Marktplatz aufgehängtem Hut ebenso die Referenz erweisen wie dem Vogt selbst. Tell verweigert sich und wird zum Tode verurteilt. Gessler bestimmt, dass er mit dem Leben davon kommen soll, wenn er den berühmten Apfel trifft. Der Armbrustkunstschuss gelingt. Doch was sollte der zweite Pfeil? Der zweite Schuss hätte dem verhassten Landvogt gegolten, meint Tell.

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Später lauert er ihm in der Gasse nach Küsnacht auf und ermordet ihn. Tells Rebellion ist der Startschuss zum Aufstand. Auf der Rütli-Wiese treffen sich die Genossen zum berühmten Eid: "Wir wollen frei sein wie die Väter waren, in keiner Not uns trennen und Gefahr."

Philipp Dürschmied spielt Wilhelm Tell mit schönem Understatement

Philipp Dürschmied spielt Wilhelm Tell mit schönem Understatement. So wird herausgearbeitet, dass Tell kein rachedurstiger und mordlüsterner Fanatiker ist, sondern ein Mensch mit feinem Rechtsempfinden und einer gesunden Empörung über das erlittene Unrecht. Dazu passt auch, dass Tell beim eigentlichen Rütli-Schwur gar nicht anwesend ist. "Der Stärkste ist am mächtigsten allein", lässt Schiller seinen Held sagen. Schiller verwebt hier zwei Aspekte: die persönliche Geschichte von Wilhelm Tell und die politische Konsequenz dieser Tat. Wenn die Motive auch unterschiedlich sind, führen sie am Ende zum gewünschten Ergebnis beider Seiten: Der verhasste Tyrann ist tot, einklagbare gesellschaftliche Strukturen werden geschaffen.

Schillers Stück lebt von einer Sprache, in der fast jeder Satz zu einem Sprichwort geworden ist, von der Axt im Haus, die den Zimmermann erspart, bis hin zu der hohlen Gasse, durch die der Gessler kommen muss.

Wie weit ist der Einzelne berechtigt, sich gegen staatliche Macht aufzulehnen? Dieser Frage geht die Badische Landesbühne auch in der nächsten Spielzeit mit "Michael Kohlhaas" nach. Es ist gerade heute wieder eine sehr aktuelle Frage. Der französische Schriftsteller Stéphane Hessel hat unlängst wieder mit seiner Schrift "Empört Euch" zum Widerstand aufgerufen. Der Badischen Landesbühne ist es gelungen, ein als ein bisschen verstaubt geltendes Stück auf sehr unterhaltsame Weise in das Hier und Jetzt zu bringen. Sehr herzlicher und verdienter Applaus für eine großartige Leistung.

Weiter geht’s mit dem Gengenbacher Kultursommeram Mittwoch 22. Juni mit dem Duo Arparimba mit Harfe und Marimbaphon um 20 Uhr in der Hukla-Lounge. Weiterer Informationen unter http://www.stadt-gengenbach.de

Autor: Renate Tebbel