Die Besitzer holten sich theologische Zustimmung vor der Anschaffung

Juliana Eiland-Jung

Von Juliana Eiland-Jung

Fr, 08. Juni 2018

Gengenbach

Frühe Protestanten gelten zuweilen als bilderfeindlich / Doch wenn die Bilder theologisch-pädagogischen Zwecken dienten, drückten sie ein Auge zu.

GENGENBACH. Der Ausstellungskatalog zu den Gengenbacher Passionsteppichen, die jedes Jahr für einige Zeit im Museum Haus Löwenberg öffentlich gezeigt werden, wurde in den vergangenen vier Jahren immer wieder aktualisiert. Nun sind die Forschungen weitgehend abgeschlossen, der Forschungsband soll 2020 veröffentlicht werden. Die von einem internationalen Team unter der Leitung der Berner Professorin für Textile Künste, Birgitt Borkopp-Restle, und dem Hasslocher Kunsthistoriker Hanns Hubach erarbeiteten Ergebnisse wurden immer wieder in Vorträgen vorgestellt (die BZ berichtete).

Wer wollte, konnte also hautnah miterleben, wie die ursprünglich von Hanns Hubach geäußerten Vermutung, die der katholischen Kirchengemeinde Gengenbach gehörenden Tapisserien mit Motiven der Passionsgeschichte könnten evangelischen Ursprungs sein, immer besser belegt werden konnte.

Jetzt fasste Hubach diese Forschungsergebnisse noch einmal zusammen und betonte, dass nur durch die intensive Zusammenarbeit mit Experten, Museen und Sammlern von textiler Kunst rekonstruiert werden konnte, dass es mit großer Wahrscheinlichkeit zwei weitgehend identische Serien mit jeweils 36 Tapisserien gegeben hat, die wohl alle im Raum Straßburg um 1600 für evangelische Auftraggeber gefertigt worden waren.

Dass diese Reformatoren durchaus keine Bilderstürmer waren, sondern Bilder in einem "didaktisch-erzieherischen Konzept" und als Anregung zur selbständigen Bibellektüre der Gläubigen erlauben wollten, lässt sich an der Kombination von Bild, Text und Bibelstellenangabe auf den Tapisserien nachweisen, so Hubach. Während von der katholischen Seite im Konzil von Trient (1545 bis 1563) Laien die Bibellektüre bei Androhung harter Strafen verboten wurde, forderten evangelische Geistliche das selbständige Bibelstudium ein. Doch schon Luther wusste, was sein "Betbüchlein" auch beweist: Bilder sind als didaktisches Mittel wichtig, vor allem in der "Unterweisung der Einfältigen". Anders als katholische Altarbilder sollten die evangelischen Bilder aber nicht angebetet und nicht in profanem Umfeld verwendet werden. Tapisserien, die man leicht transportieren, auf- und abhängen kann, kamen dieser Forderung entgegen. Und so konnten wohlhabende evangelische Adlige ihre Prunkräume mit diesen nach den Juwelen wertvollsten Besitztümern schmücken, ohne damit gegen ihre Glaubensregeln zu verstoßen. Dass sie sich dessen mehrfach schriftlich vor der Anschaffung (oder Übernahme eines Erbes oder Geschenks) bei den Kirchenoberen rückversicherten, ist einer der Mosaiksteine, aus denen sich die Forschung zu den Gengenbacher Passionsteppichen zusammensetzt.

Weitere Teppiche in New York, Paris und Straßburg

Hanns Hubach hatte zu seinem Vortrag auch Abbildungen von weiteren Exemplaren der knapp 20 erhaltenen Tapisserien dabei, ergänzt durch im gleichen Zeitraum und wahrscheinlich ebenfalls in Straßburg gewirkten evangelischen Bildteppichen. Das Museum Löwenberg in Gengenbach erscheint damit in einer Reihe mit Museen in Straßburg, Paris oder dem Metropolitan Museum of Art New York, wo weitere Teppiche hängen, von denen einige in der derzeitigen Ausstellung zu sehen sind.

Immer wieder fasziniert die Feinheit der Arbeiten, der hohe künstlerische, theologische und kunsthandwerkliche Anspruch. Der Überblick und der Gesamtzusammenhang, in dem die Gengenbacher Passionsteppiche nun interpretiert werden können, lässt sie noch faszinierender – und wertvoller – erscheinen als zuvor.

Die Ausstellung "Passion. Leidenschaft" ist noch bis zum 17. Juni im Haus Löwenberg zu sehen. Dienstag bis Freitag 11 bis 17 Uhr, Samstag, Sonn- und Feiertag 13 bis 18 Uhr, Führungen Sonn- und Feiertag 16 Uhr. Am Sonntag, 10. Juni 2018, hält Thomas Breyer-Mayländer um 17.30 Uhr einen Vortrag über "Die Lust an Abwertung und Hassrede in Politik und Gesellschaft". Thomas Breyer-Mayländer ist Professor für Medienmanagement und Prorektor für Marketing und Organisationsentwicklung an der Hochschule Offenburg und Autor des Buches: Ein Quantum Wahrheit: Postfaktischer Populismus als Herausforderung für unsere repräsentative Demokratie. http://www.museum-haus-loewenberg.de