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12. Juli 2011

Gala-Menü aus Zootieren, Fledermäusen und Ratten

"Ereignis Essen" im Gengenbacher Museum Haus Löwenberg .

  1. Der Künstler Raymond E. Waydelich (links) bei der Ausstellungseröffnung mit dem Gourmet-Starjournalisten Wolfram Siebeck und dessen Ehefrau Barbara vor der Menükarte des Gala-Diners für Ernest Hemingway und Ava Gardner. Foto: GEZ

GENGENBACH. Im neuen Gesicht erstrahlt das restaurierten Museum Haus Löwenberg, das die Fülle der Besucher kaum aushält. Noch mehr Fülle bieten die unzähligen Exponate aus der Sammlung Ernst Birsner, der als Koch in großen Hotels und späterer Leiter des Burda-Kochstudios Bücher und Objekte zum Thema Kochen zusammengetragen hat und dazu tausende von historischen Menükarten aus der ganzen Welt. Reinhard End, bewährter Kurator der Ausstellung, nannte diesen zentralen Ausstellungsteil "den ersten Gang".

Zu dem fiktiven Menü gehören im zweiten Gang die Bilder des bekannten Food-Fotografen Michael Wissing, der über hundert Bücher rund um die Kochkunst gestaltet hat und mit Johann Lafer oder Ferran Adrià zusammenarbeitet. Sein Großfoto eines weißen Hasen mit roter Spur ist ein hochästhetisches, modernes Memento Mori – ein Gedenkbild.

Der dritte Gang gehört den 20 Künstlern: unterschiedlich in Qualität und Bekanntheit tragen sie doch alle thematisch bei zu den Erkenntnissen über Genuss und Völlerei sowie über das Essen im Allgemeinen, seine historischen Fakten und Rituale, seine gesellschaftliche Bedeutung und Bewertung und seine Gestaltung, die häufig von Kunst umgeben und geprägt war. Sehr schnell erkennt man, wie wenig ein mögliches Vorurteil greift, dass hinter diesem Thema sich eine Marketingidee verbergen könnte oder das Essen heute eine vergleichsweise höhere Bedeutung hätte. Vielmehr hat das Ehepaar End aus den vielen, ungeheuer reizvollen Dokumenten aus vergangener Zeit sehr liebevoll und präzise quasi eine Art Bilderbuch erstellt, das sie mit Texten versehen und um Kunstwerke ergänzt haben.

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In einer besondern Anordnung haben die beiden alte Koffer mit Reisedokumenten und Speisekarten versehen um die Schiffsreisen der Schifffahrtgesellschaft Lloyd und ihren Komfort zu vermitteln. Zwischen den unglaublich reichhaltigen und luxuriösen Delikatessen, die auf den alten, hochgradig verzierten und kunstvoll gestalteten Menükarten oder auf Art-Déco-Lithos von grandiosen Kuchenarchitekturen nachzuvollziehen sind, taucht dann ein frecher zeichnerischer Kommentar von Tomi Ungerer auf oder ein total erfundenes Menü von Gauguin.

Saftige Zitrusfrüchte in Öl zeigt Christine Lichthardt, während der große, leise Fritz Klemm sich mit kargen Gefäßen begnügt. Man muss sich Zeit nehmen, um sie alle zu entdecken, Otmar Alt und Jan Peter Tripp, Barbara Klemm sind die bekanntesten heutigen Künstler, unter welchen sich R.E. Waydelich etwas Besonderes einfallen ließ. Seine Speisekarten wurden aus Zitaten in surrealistische Gedichte transformiert und dekoriert mit einer Schönen der belle époque, die einen Fisch als Handtasche trägt und als Wasser speienden Hut – eine umgedrehte Tasche von Louis Vuitton. So nimmt man dem ewig Witzelnden kaum ab, was tatsächlich zutrifft: sein Gala-Menü aus Zootieren, Fledermäusen und Ratten wurde tatsächlich serviert, als Paris im 1870er-Krieg tagelang hungerte.

Kein Hungern, aber auch kein Genuss: in der preussischen Charité um 1740, deren Speiseplan die Ausstellung ebenfalls dokumentiert. Garnicht gehungert haben die Gäste des Zaren bei der Krönung 1883. Die Karten für 3000 Gäste entwarf Wasnetzow, der Künstler der Tretiakow-Galerie. Sie verspeisten ohne Reue 13 Gänge mit Salzwiesenlamm, Trüffelhähnchen und Gänseleberauflauf, böhmische Fasanen und vieles mehr. Ähnlich dinierten der badische Großherzog, die bayrischen Prinzen, der deutsche Kaiser und der englische Hof seit je und im Ritz, im Savoy und im Carlton ist es noch heute so für die gut situierten Liebhaber der Haute Cuisine.

Museum Haus Löwenberg Gengenbach; Bis 20. November, Donnersatag bis Sonntga 14 bis 18 Uhr ; von 26. November an täglich Führungen. Weitere Auskünfte und das Begleitprogramm zur Ausstellungim Internet unter http://www.museum-haus-loewenberg.de, oder unter Tel. 07803-930 141

Autor: Georgis Zwach