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24. März 2017

Gesungener Blutrausch

Katholische Bezirkskantorei mit einer starken Johannespassion.

  1. Matthias Degott Foto: Veranstalter

GENGENBACH. Es war eine packende Aufführung von Bachs Johannespassion, am Sonntag in der Kirche Sankt Martin in Gengenbach durch die Katholische Bezirkskantorei Ortenau. Bezirkskantor Matthias Degott dirigierte mit gewohnt ruhiger Hand, dennoch machte er die emotionalen Extreme des Werks deutlich. Dazu bei trug die Qualität seines Chors, der Solisten und des Orchesters "Capella Sophie von der Pfalz".

Da ist diese Wellenbewegung der Streicher zu Beginn, in das eine fallende Melodielinie der Holzbläser gepflanzt ist. Die "Capella" spielt auf barocken Originalinstrumenten, überall ist Obertonsirren. Später bei den Arien, die den Schmerz der Gläubigen über die Leiden Jesu zum Inhalt haben, entfalten diese Reibungen eine unglaubliche schmerzliche Wirkung.

In dieser Wellenbewegung des Beginns – eine Art religiöser Ursuppe, entsprechend dem griechischen "Chaos" vor der Erschaffung der Welt? – leuchtet das dreifache "Herr" auf, in fallenden Intervallen, ehe über eine Koloratur bei "unser Herrscher" die alte Tonhöhe wieder hergestellt wird. Der Jubel ist verhalten. Steht doch Jesus, dem Herrn, die Passion bevor. Bach selbst verliert wenig Zeit mit dem Vorspiel. Die zagende Szene im Garten Gethsemane und Jesu Verhaftung werden knapp abgehandelt, Matthias Degott kürzt sogar noch etwas. Er legt – wie Bach selbst – die Konzentration auf den Prozess gegen Gottes Sohn. Der ist nun weniger ein Kampf zwischen Pilatus und Jesus. Wolfgang Newerla, Bass, singt den Jesus voller Würde, wie entrückt, bereit den Kelch zu trinken, wie bitter er auch sei. Wohl gemerkt: Dies ist ein Oratorium, keine Oper. Und doch bringen diese Szenen jede Menge Emotion. Der ausdrucksstarke Bassbariton Johannes Fritsche ist ein toller Pilatus. Die Würde Jesu scheint ihn zu irritieren. Er will ihn nicht verurteilen und kämpft mit den Bürgern Jerusalems um dessen Leben. Das sind turbulente Szenen, musikalisch höchst dramatisch. Hier Pilatus, dort das Volk, dem der Chor Stimme verleiht und das nach einer blutigen öffentlichen Hinrichtung schreit – sie wollen diesen Prediger und angeblichen Wunderheiler am Kreuz leiden sehen. Der furiose chorische Klangwirbel des "Kreuzige! Kreuzige!" ist eindrücklich gesungener kollektiver Blutrausch.

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Dem stehen die schmerzlichen Arien entgegen, "Zerfließe, mein Herz" von der Sopranistin Cornelia Samuelis voller Innigkeit, oder die von tiefster Schmerzlichkeit geprägte Tenorarie "Mein Herz, in dem die ganze Welt bei Jesu Leiden gleichfalls leidet" Florian Cramer war nicht nur ein grandioser, höchst präsenter Evangelist. Sein Ausdruck in den Arien hatte eine feine Balance zwischen Gefühl und Gefasstheit. Ausgezeichnet auch Lena Sutor-Wernich, die mit der Alt-Arie "Es ist vollbracht" stimmig zwischen Schmerz und Erleichterung changiert.

Diese Aufführung der Johannespassion wirft auch ein Licht auf die Zeit des Barock mit ihrem Gefühlsüberschwang, ihrer Betonung der "Affekte" in der Musik wie in der Dichtung, ihrer Grausamkeit, ihrem Mitleid und nicht zuletzt ihrer religiösen Inbrunst.

Autor: Robert Ullmann