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26. Juli 2011
Genialische Gewänder
STIMMEN I: Jamie Cullum und seine Band setzten einen gelungenen Schlussakkord der Lörracher Marktplatzkonzerte 2011.
Der Konzertflügel musste einiges aushalten am Sonntagabend: Mit dem Knie und mit dem Hintern bediente Jamie Cullum die Tasten, er sprang auf das Instrument, und dann wieder spielte er zärtlich die ergreifendste Ballade oder ein Solo, das an Virtuosität nichts zu wünschen übrig ließ. Der 31-jährige Engländer zeigte sich als mitreißender Entertainer und grandioser Musiker, der Show und musikalisches Können, Unterhaltung und Kunst, Pop und Jazz ganz mühelos versöhnte.
Den Anfang machte auf der großen Stimmen-Bühne die Lörracher HipHop-Band Mulattenpack mit viel Groove und deutsch gerappten Texten. Essa Suwareh, genannt Bill, und Leo Fairii, der in Wahrheit Christoph Seger heißt, sind die Frontmänner der Band, die ziemlich umfangreich ist. Doch wohl aufgrund des kurzfristigen Engagements waren mit den beiden nur ein Schlagzeuger und eine Sängerin mit auf der Bühne, der Rest der Musik kam aus dem Off. Gegründet wurde die Band, wie Leo Fairii erzählte, nach einer Hausdurchsuchung, weil sie im Verdacht standen, mit Drogen zu handeln. Der Verdacht erwies sich als falsch, doch das Ereignis, durch das Fairii seinen Job verlor, hat die beiden offenbar nachhaltig geprägt. In der Art der Gangster-Rapper gingen mehrere Songs gegen Staat und Polizei, in einem verarbeiteten sie die Durchsuchung und den Umstand, dass Fairii seither in einer Metzgerei arbeitet. "Ich schlachte Bullen – meistens tu’ ich’s in der Nacht", rappte er. Zweideutigkeit erwünscht. Aber auch den alltäglichen Rassismus, wenn der aus Gambia stammende Bill an Diskothekentüren abgewiesen wird, machten die beiden zum Thema, ebenso wie die demütigende Situation als Asylbewerber: "Mein Leben ist geduldet und nicht in meiner Hand. Als einer von zu vielen nennt man mich Asylant." Vielleicht war dem Publikum Manches zu drastisch, die Musik zu reduziert und einmal mehr unpassend zum Hauptact, so dass nur wenige Zuhörer mitgingen.
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Jamie Cullum riss die geschätzt knapp 2000 Besucher auf dem Marktplatz hingegen mit seinem Eröffnungsstück vom ersten Moment an mit. Nach drei mehr oder weniger verregneten Konzerten blieb es am Sonntag trocken, aber recht kühl. "Wenn euch kalt ist, kopiert alles, was ich mache", rief Cullum dem Publikum zu, zog beim zweiten Song Jackett und Krawatte aus, beim dritten das Hemd und fegte im T-Shirt wie ein Springteufel über die Bühne. Dass er sich zugleich als hervorragender Pianist erwies und als ausdrucksstarker, am Jazz geschulter Sänger, machte seinen Auftritt zum Erlebnis. Popsongs und Jazznummern, eigene und gecoverte Songs verband Cullum zu einem harmonischen Ganzen, die Songs anderer spielte er, als wären es seine eigenen, indem er sie in ein neues Gewand steckte und in seinem Stil interpretierte. Fetzige Nummern mit viel Groove von der Band standen einträchtig neben berührenden Balladen wie "If I ruled the world". Auf das verjazzte Beatles-Stück "Come together" folgte Rihannas "Don’t stop the music", zu dem Jamie Cullum ein atemberaubendes Piano-Solo hinlegte, und der Jazz-Klassiker "What a difference an day makes" von Dinah Washington mit einem großartigen Flügelhorn-Solo. Dazwischen machte Cullum Späße über die Gäste auf der Terrasse des Drei König Restaurants oder brachte den ganzen Marktplatz dazu, in die Hocke zu gehen und auf sein Kommando aufzuspringen. "Für das werdet ihr mich nicht mögen", meinte er. Und doch machten alle mit.
Jamie Cullum gelang eine organische und faszinierende Mischung aus Entertainment und musikalischem Können – ein sympathischer, genialer Chaot, der die Zuhörer immer wieder überraschte – und auch seine eigenen Bandmitglieder, die nicht immer wussten, welchen Song er als nächstes anstimmte. Das faszinierte Publikum forderte mehrere Zugaben, die der spielfreudige Cullum bereitwillig gewährte, und in seinen beiden letzten Zugaben zeigte er nochmals die ganze Bandbreite seiner Musik auf: Hart, laut und rockig brachte die Band "The Wind cries Mary", im Original von Jimi Hendrix, und ganz zum Schluss spielte Jamie Cullum solo am Piano die schöne Ballade "Grand Torino", den von ihm selbst komponierten Titelsongs des gleichnamigen Films mit Clint Eastwood. Jazz? Pop? Es war das eine wie das andere, es war beides in einem, und es war ein gelungener Abschluss der Marktplatzkonzerte 2011, den Jamie Cullum und seine Band da am Sonntagabend im Lörracher Stadtzentrum ablieferten.
Autor: Thomas Loisl Mink


