Ein Stück mit Geschichte

Gerne wieder: Der Guernsey Pullover

Ronja Vattes

Von Ronja Vattes

Sa, 28. Juli 2018

Reise

GERNE WIEDER:Eine Insel, ein Pullover und seine Geschichte.

ie unterschiedlich die Menschen doch ticken! Die einen sind stets auf der Suche nach dem Unbekannten, die anderen zieht es Jahr für Jahr an denselben Urlaubsort oder sie machen den gleichen Wochenendausflug. Autoren der BZ schreiben in unserer Serie "Gerne wieder", warum es sie immer wieder an den gleichen Ort zieht. Viel Vergnügen!

WMeine Güte, wir wären glatt dran vorbeigefahren, an dieser unscheinbaren Industriehalle irgendwo im grünen Nirgendwo der kleinen Kanalinsel Guernsey. Kein großes Schild, kein Werbebanner weist darauf hin, dass hier etwas produziert wird, das inzwischen an eingeweihte Fans überall auf der Welt geliefert wird: ein Pullover, der schlicht "The Guernsey" genannt wird. Doch es ist nicht einfach nur ein Pullover, es ist ein geschichtsträchtiges Teil. Und Marketingexperten würden es im Werbesprech als "Statement" bezeichnen, wenn jemand beschließt, einen solchen zu tragen.

Mit Marketing haben sie es dort allerdings nicht so. Die Maschinen, auf denen der Pullover produziert wird, sehen aus wie Überbleibsel aus der industriellen Steinzeit. Ein verblichenes Plakat erklärt, was es mit dem Pullover und seiner Herstellung auf sich hat. Eine Weltkarte, gespickt mit Stecknadeln dokumentiert, von wo überall der Guernsey schon bestellt wurde. Denn das Internet mit seinen Möglichkeiten haben sie dann doch schon entdeckt. Und dort kommt der Auftritt wesentlich professioneller daher.

Was aber macht diesen Pullover aus eher kratziger Wolle, der am häufigsten in klassischem Blau anzutreffen ist, so besonders? Das ist, wie so oft, die Geschichte dahinter. Und die zeigt: Menschen können ja so praktisch sein. Besonders dann, wenn die Not am größten ist und man improvisieren muss. Anders ist es wohl nicht zu erklären, weshalb findige Insulaner einst auf die ausgefuchste Idee zu diesem Pullover kamen. In Zeiten, als noch nicht jeder Hunderte von Klamotten sein eigen nannte, das Geld knapp war und die Waschmaschine nicht erfunden, wollte die Anschaffung eines Kleidungsstücks gut überlegt sein. Qualität musste es sein, praktisch sollte es sein.

So entstand über Jahrzehnte die Form und Machart des Pullovers: Ein gerade und vorne wie hinten gleich geschnittenes Strickstück, das in früherer Zeit noch komplett von Hand gestrickt wurde, inzwischen aber auf jenen altertümlichen Maschinen produziert wird, die der Hausherr bei einem Rundgang durch die Halle zeigt.

Entstanden ist ein Seemannspulli, der allen Härten trotzt: Dick und schwer wärmt er an kalten Tagen, lässt an wärmeren aber noch genug Luft hindurch. Das Material ist leicht ölig, so dass der Träger einen Regenschauer trocken übersteht. Was in früheren Tagen aber noch viel wichtiger war: Man wusch ihn nie. Die Fischer trugen ihn bei der Arbeit auf dem Boot, wischten sich daran vorn ihre schmutzigen Hände ab. Und wenn sie abends ins Pub oder sonntags in die Kirche gingen, drehten sie die dreckige Seite einfach auf den Rücken – dem symmetrischen Schnitt sei Dank.

Das machen heute wohl nur die Wenigsten, doch von Waschen wird ausdrücklich abgeraten. Ein feuchter Lappen genügt. Und auf Guernsey wird der traditionelle Guernsey sowieso zu jeder Gelegenheit getragen: Beim Spaziergang an der schroffen, aber oft nebligen Küste, zum Markttag im Küstenstädtchen St. Peter Port – oder eben auch zur Premiere des neuen Kinofilms "Deine Juliet" über Guernsey.