"Schwachstellen ausgenutzt"

Geständnis: Ex-Dekan aus Lahr räumt Betrug ein

Mark Alexander

Von Mark Alexander

Do, 11. Oktober 2018 um 18:02 Uhr

Lahr

Der frühere Lahrer Dekan hat im Mannheimer Betrugsprozess gestanden. Bald soll ein Urteil fallen. Zuhörer aus Lahr sind von den Aussagen des Angeklagten indes nicht überzeugt.

Der ehemalige Lahrer Dekan E. hat am Donnerstag am Landgericht Mannheim ein Geständnis abgelegt. Dabei räumte er ein, kirchliche Organisationen betrogen und das erschlichene Geld privat verwendet zu haben. Die Voraussetzung für eine Verständigung mit dem Gericht ist somit gegeben. Eine Freiheitsstrafe von rund vier Jahren wird wahrscheinlich. Während der Anwalt des Geistlichen ein Umdenken bemerkt hat, waren Besucher aus Lahr am Donnerstag enttäuscht. Sie vermissen ehrliche Reue.

Das sagt der Angeklagte

Allzu viele Worte braucht E. zunächst nicht. Etwa fünf Minuten genügen ihm, dann hat er seine Erklärung verlesen. Das genügt den Richtern nicht. Sie haken nach, wollen wissen, ob er bewusst betrogen hat. Nach einer Pause wird E. am Mittag konkreter. "Ich bin vom richtigen Weg abgekommen und habe mich strafbar gemacht", sagt der katholische Priester. Er war auch als Unternehmensberater aktiv und steht wegen Betrugs und Untreue mit einem Gesamtschaden von 228 000 Euro vor Gericht. Er habe das Vertrauen seiner Mitarbeiter und die Schwachstellen in der Struktur des Lahrer Caritasverbands ausgenutzt. E. habe seine strategischen Bemühungen für den Verband ("Der stand vor der Zahlungsunfähigkeit") mit seiner Funktion als Pfarrer, Dekan und Ratsvorsitzender in Verbindung gebracht. Nachdem er den Verband wieder in ruhigeres Fahrwasser gebracht hatte, habe er begonnen sich selbst finanziellen Nutzen zu verschaffen. Dass dies nicht rechtens war, habe er gewusst, gibt er auf Nachfrage des Gerichts an. Rechnungstexte habe er frei erfunden und bewusst verschleiert, dass er selbst der Empfänger war. Das Geld habe er für private Zwecke ausgegeben, zum Beispiel für Reisen.

Erst auf Nachfrage gibt er zu, gewusst zu haben, dass er Vorschüsse für Pilgerprojekte und Geld aus der Barkasse der Pfarrgemeinde nicht sofort habe zurückzahlen können. Stattdessen habe er es mit seinem Privatvermögen vermischt. "Meine private Situation war zu angespannt." Der Angeklagte räumt auch ein, seine freundschaftlichen Beziehungen zum Ursulinenkonvent in Mannheim ausgenutzt zu haben, um an Geld für ein Projekt zu kommen, das gar nicht existierte. Er bedauere sehr, dass dadurch großer – auch immaterieller – Schaden entstanden sei. Er wolle nun alle Möglichkeiten nutzen, diesen wieder auszugleichen. "Ich hoffe, dass die Personen, deren Vertrauen ich missbraucht habe, mir irgendwann verzeihen können."

Das sagt sein Anwalt

"Er hat angefangen umzudenken. Er bewertet das jetzt anders", sagt sein Anwalt Edgar Gärtner. In der Untersuchungshaft, die im Dezember wegen Flucht- und Verdunklungsgefahr angeordnet worden ist, habe E. begonnen, die Vorgänge aufzuarbeiten. Zwei früheren Caritas-Mitarbeitern habe er kürzlich Briefe geschickt, um sich zu entschuldigen. Beim Verlesen seiner Erklärung sei E. nervös gewesen, im Vier-Augen-Gespräch zeige sein Mandant aber deutlich mehr Emotionen als vor Gericht, sagt Gärtner der BZ. In U-Haft verhalte er sich tadellos. E. verstehe sich gut mit dem Gefängnispfarrer. Er pflege noch engen Kontakt zu Mitgliedern des Jesuitenordens, dem er vor seiner Lahrer Zeit angehört hatte. Bei einer möglichen Freiheitsstrafe von rund vier Jahren bekäme E. das knappe Jahr in Untersuchungshaft angerechnet, sagt Gärtner.

Das sagen Zuhörer

Zuhörer bewerten die Aussagen anders. "Ich bin enttäuscht", sagt eine Frau aus Lahr im Gespräch mit der BZ. "Das Geständnis war nichtssagend, ich vermisse Reue und ehrliche Emotionen." Die Frau kennt E., weil sie früher ehrenamtlich für den Caritasverband gearbeitet hat. Sie beschreibt ihn als intelligenten Mann, als guten Prediger. "Er konnte sehr gut reden und argumentieren." Diese Fähigkeiten habe er genutzt, um Kontrollgremien auszuhebeln, um Mitarbeiter zu manipulieren. "Es gibt Leute, die jetzt psychisch am Boden sind." Er habe auch die Vernetzung der Pfarrgemeinden untereinander behindert, sagt die Frau der BZ.

Dem Caritasrat hätten neben dem Vorsitzenden E. zeitweise ein Ex-Oberbürgermeister, ein Ex-Stadtkämmerer und Bankenvertreter angehört. Es habe aber so viele personelle Wechsel gegeben, dass E. am Ende freie Hand hatte. Die Frau fragt sich, warum das Erzbistum Freiburg nicht genauer kontrolliert hat. E. habe doch so oft auf eine angebliche Absprache mit Freiburg verwiesen. Sie fragt sich, warum im Stiftungsrat der Pfarrgemeinde nichts beanstandet wurde. Und sie fragt sich, wo das viele Geld abgeblieben ist, das E. eingenommen hat. Er habe Lebensgefährten gehabt, auch im Ausland. Ein ausschweifender Lebensstil des Priesters sei ihr aber nicht aufgefallen.

Ein anderer Zuhörer bemüht ein Bild, vergleicht die Strukturen mit Bahngleisen, die E. eigenmächtig erweitert hat. "Am Ende wusste nur noch er, wo es lang geht." "Wir beten für ihn", sagt er der BZ. Dabei meinte er nicht das Strafmaß: "Wir beten, dass er zur Einsicht kommt."

So geht es weiter

"Wir gehen davon aus, dass wir uns im Rahmen der Verständigung bewegen", sagt Richter Oliver Ratzel am Mittag. Das Gericht hatte ein umfassendes Geständnis als Voraussetzung für eine Verkürzung des Verfahrens gefordert. Dabei steht eine Freiheitsstrafe von etwa vier Jahren im Raum. Am Donnerstag, 18. Oktober, soll noch ein Polizist als Zeuge verhört werden. Anschließend könnten die Plädoyers gehalten und das Urteil gefällt werden.