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13. Juni 2012

Gesucht: Neues Fundament für die Felsenkirche

Das Pfarrer-Ehepaar Walz kehrt heute von seinem fünfmonatigen Besuch aus Namibia zurück / Das Zusammenleben von schwarzen und weißen Christen verbessert.

  1. Suzan Ndjaleka, die Bürgermeisterin von Lüderitz (rechts), dankte Pfarrer Karlfrieder Walz dafür, dass er einen Gottesdienst in der Lüderitzer Ovambo-Gemeinde übernommen hat. Sie ist Mitglied dieser vor allem von Schwarzen besuchten Gemeinde. In der Mitte Ovambo-Dolmetscherin Aune Paulina. Foto: Privat

  2. Irmela Walz mit Sesilia Jyambo, die das Ehepaar Walz als „Eltern“ adoptierte. Rechts: Paulus Haufiku, Leiter des Jugendchores der Ovambo-Gemeinde. Foto: Privat

MAULBURG/LÜDERITZ. Fünf Monate sind wie im Flug vergangen. Heute wollen Karlfrieder und Irmela Walz aus Afrika ins Wiesental zurückkehren. Ein arbeits- und erlebnisreicher Aufenthalt in Namibia liegt hinter dem in Maulburg lebenden Ruhestandspfarrer und seiner Frau. Beide ziehen in ihrem letzten Brief eine positive Bilanz der ehrenamtlichen Arbeit für die deutsche evangelisch-lutherische Gemeinde in Lüderitz. Doch auch die noch ungelösten Probleme der Lüderitzer Christen, die ihre Gottesdienste in der weltberühmten Felsenkirche feiern, spricht Karlfrieder Walz offen an.

Auf der Haben-Seite seines ehrenamtlichen Arbeitsbesuchs in der einstigen deutschen Kolonie verbucht Pfarrer Walz vor allem, dass es im Vorfeld der Feiern zum 100-jährigen Jubiläum der Lüderitzer Felsenkirche gelungen sei, die verschiedenen evangelischen Gemeinden der Stadt miteinander ins Gespräch zu bringen.

Festgottesdienst bringt schwarze und weiße Christen zusammen

Zu dem "sehr schönen Festgottesdienst" seien am 19. Mai nicht nur die deutschstämmigen Farmer aus dem Umland und Vertreter der katholischen Kirche, sondern auch die vor allem von schwarzen Christen geprägten Nama- und Ovambo-Gemeinden gekommen. "Sie alle waren mit Chormusik, Lesungen und Gebeten beteiligt", freut sich Karlfrieder Walz. Mutig genug: Einer der schwarzen Pfarrer nutzte die Gelegenheit vor großem Publikum "an die schwierigen Anteile der deutschen Kolonialgeschichte in Lüderitz" zu erinnern. Inzwischen gebe es Pläne, dass die Pfarrer der schwarzen Pfarrgemeinden in der Felsenkirche regelmäßig Predigten in englischer Sprache halten sollen. "Auf jeden Fall hat die Vorbereitung des Jubiläums die verschiedenen evangelischen Gemeinden in Lüderitz enger zusammen geführt", ist sich Walz sicher. So sei es etwa gelungen mit Geld der deutschen Lüderitzer Gemeinde der Ovambo-Partnergemeinde, die eine neue Kirche mit viel Eigenarbeit gebaut hat, 40 neue Kirchenbänke zu kaufen. Diese Gemeinde – zu deren Mitgliedern auch die Lüderitzer Bürgermeisterin Suzan Ndjaleka zählt – wünsche sich Kontakt zu einer evangelischen Gemeinde in Deutschland, freut sich Karlfrieder Walz. Alles in allem hat das Pfarrerehepaar bei seinem Namibia-Aufenthalt extrem wertvolle menschliche Kontakte zu Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe geknüpft. Immer wieder ging es hinaus aus der 12500-Einwohner-Stadt Lüderitz auf Besuch bei den deutschstämmigen Farmern in der Umgebung. Die riesigen Farmen liegen einsam und sind auf sandigen Pisten zumeist nur nach strapaziösen Fahrten durch einsame Halbwüstenlandschaft zu erreichen. "Bei den Farmbesuchen ist viel Nähe entstanden. Es kam zu sehr persönlichen Gesprächen zum Glauben, zum Leben und zu familiären Sorgen",erinnert sich Pfarrer Walz. Dieser Tage ist das Ehepaar zur letzten Farm-Fahrt nach Helmeringhausen und zur entlegenen Farm Duwisib gestartet. "Auf dem Weg dorthin – rund 400 Kilometer – sind wir gebeten worden, noch andere Farmen zu besuchen, auf denen die Menschen die Abgeschiedenheit besonders empfinden", schreibt Pfarrer Walz.

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Bei Besuchen in den einst komplett von der weißen Gemeinschaft abgeriegelten Wohnvierteln der Schwarzen rund um Lüderitz, gab es zugleich auch sehr berührende Kontakte mit der nach wie vor diskriminierten und von Massenarbeitslosigkeit geplagten Mehrheitsbevölkerung. Eine junge Ovambofrau habe die Besucher aus Deutschland dabei als ihre Eltern bezeichnet, schreibt das Pfarrer-Ehepaar gerührt. Bei allen Begegnungen sei es ausgesprochen herzlich zugegangen. Walz: "Das fröhliche Miteinander machte die Hautfarbe unbedeutend". Manches, wenn auch nicht alles erreicht hat Pfarrer Walz in den zurückliegenden fünf Monaten: Vor allem das Ziel in der deutschstämmigen Gemeinde, die seit 15 Jahren ohne eigenen Pfarrer auskommen muss, ein funktionierendes Gemeindeleben wiederzubeleben, habe sich als undurchführbar in der kurzen Zeit erwiesen. Ein "Neuanfang mit einem funktionierenden Kirchenvorstand, mit Bibelgesprächskreis und geselligen Gemeindetreffen ist nicht gelungen", schreibt Pfarrer Walz.

Der Neuanfang der Lüderitzer Gemeinde steht noch aus

Auch habe er – anders als erhofft – in der Seniorenarbeit keine neuen Impulse setzen können, nicht zuletzt weil die Leiterin der Einrichtung "eher kirchenfeindlich eingestellt" sei. Walz Eindruck von der deutschstämmigen Christengemeinde? Die "eher zurückhaltenden" Lüderitzer mit deutschen Wurzeln setzten einen Schwerpunkt der Gemeindeverantwortung in den Erhaltung der Felsenkirche als Museum und nationalem Denkmal.

Was dem Ehepaar Walz von diesem neuerlichen Afrika-Erlebnis bleibt, zählt auch die Erinnerung an eine großartige Landschaft, aneinzigartige Sonnenuntergänge, wilde Pferde und an durch die Steppe hüpfenden Oryx-Antilopen. Die Erfahrungen von Nähe und Freundschaft zu den Farmern und den beiden schwarzen Gemeinden", hat dem Pfarrer Kraft gegeben. Walz: "Ich spüre schon jetzt die Sehnsucht in mir dieses faszinierende Land mit vielen wundervollen Menschen wieder zu besuchen."

Autor: Robert Bergmann