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13. November 2009 18:13 Uhr

Neue Erkenntnisse im Prothesenskandal

Arzt baute Gelenke nicht gemäß Anleitung ein

Der Orthopäde Marcel Rütschi hat eingeräumt, sich beim Einbau der inzwischen ausgetauschten Hüftprothesen nicht an die Anweisungen des Herstellers gehalten zu haben. Genau dies macht aber die Firma ihm zum Vorwurf und wälzt so die Verantwortung auf die Klinik ab.

  1. Marcel Rütschi Foto: privat

Drei Monate nach Bekanntwerden des Skandals um die möglicherweise fehlerhaften Hüftprothesen, die im Freiburger Lorettokrankenhaus eingebaut wurden, hat jetzt das Bonner Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, kurz Bfarm, erste Konsequenzen gezogen. Das Überwachungsinstitut stellte nun erstmals eine Urgent-Field-Safety-Notice, eine dringende Sicherheitsnotiz, des Herstellers der Duromprothesen in Netz. Eigene Fehler schließt das US-Unternehmen Zimmer in dem Schreiben weitestgehend aus. Stattdessen kündigt die Firma an, demnächst allen Operateuren eine Broschüre und eine DVD zukommen zu lassen. Das Ziel: Die Orthopäden sollen in die Operationstechniken für die Durom-Prothesen neu eingewiesen werden.

Übersetzt heißt das: Nicht wir, liebe Chirurgen, haben euch fehlerhafte Produkte geliefert, sondern ihr habt unsere Prothesen falsch eingebaut. An der Tatsache, dass inzwischen im Loretto-Krankenhaus bei 53 Patienten ein künstliches Hüftgelenk ausgebaut werden musste, sind nicht wir, sondern ihr schuld.

"NOCH FEHLEN ABSCHLIEßENDE UNTERSUCHUNGSERGEBNISSE"

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Genau über diese Fragen hatten sich in den letzten Wochen die Firma Zimmer und das Loretto in die Haare bekommen. Kein Wunder, es geht um viel Geld, wenn die Richter den Betroffenen wegen des operativen Austausch des fehlerhaften Kunstgelenks erwartungsgemäß ein üppiges Schmerzensgeld zusprechen sollten.

Endgültig entschieden ist die Angelegenheit trotzdem noch nicht: "Welche der möglichen Ursachen ausschlaggebend für das Versagen der Prothesen ist, ist abschließend noch nicht festgestellt", sagt Dirk Wetzel, Leiter der Abteilung Medizinprodukte des Bfarm. Der wichtigste Grund: "Noch fehlen abschließende Untersuchungsergebnisse".

Die Kritik richtet sich vor allem gegen das Lorettokrankenhaus. Dieses habe zwar die schadhaften Prothesen zu einem externen Gutachter geschickt, die Ergebnisse aber noch nicht nach Bonn geliefert. "Wir haben stets die Untersuchungsergebnisse blockweiße in Zyklen von zwei bis drei Wochen gemeldet", verteidigt sich die Klinik. " Die neusten Ergebnisse sollten im nächsten Block mitgeteilt werden."

Härter dürfte das Loretto der Vorwurf von Zimmer treffen, man habe die Skandalprothesen nicht richtig eingesetzt. Zwar verteidigt sich Orthopädiechef Marcel Rütschi selbstsicher: "Ich bestreite das, weil ich weiß, wie es geht. Ich habe schließlich schon 3500 Prothesen von dem gleichen Hersteller eingesetzt." Nur machte er dabei zuvor in einem Gespräch mit dem SWR keinen Hehl daraus, wie er operierte: "Da gibt es eine Operations-Anleitung aus dem Jahr 2006, man soll diesen Großkopf mit einem milden Hammerschlag fixieren, das ist sowieso völliger Schwachsinn; das funktioniert nie und das haben wir auch nie so gemacht", so Rütschi in dem Radiobeitrag. "2008 kam wieder eine neuen OP-Technik, in der man dreimal draufschlagen sollte, diesmal ein bisschen stärker. Praxis ist so, dass wir mindestens fünf bis zehnmal auf diesen Kopf schlagen."

Laut Auskunft der Fachleute des Bfarm hätte Rütschi bei einer vorliegenden Operations-Anleitung aber nicht einfach machen können, was er wollte: "Ein Anwenderfehler ist, wenn ein Arzt sagt, ich weiß das besser, ich mach es anders, als in der Bedienungsanleitung steht", sagt Wetzel. Laut dem Medizinrechtsanwalt Tobias Weimer übernimmt der Anwender sogar die straf- und zivilrechtliche Verantwortung, wenn er eine Prothese nicht entsprechend der festgelegten Zweckbestimmung und der Gebrauchsanweisung verwendet. Sehen die Richter das später ähnlich, könnte es fürs Loretto teuer werden. "Von Zimmer hat es weder jemals eine einheitliche noch eine verbindliche OP-Empfehlung gegeben", hält dem die Klinik entgegen. Weil diese sich im Laufe der Zeit mehrfach geändert hätte und stets "ohne Gewähr" veröffentlicht wurde.

Dass Rütschi sich angesichts einer als "schwachsinnig" erkannten Gebrauchsanweisung nicht gleich von der Durom-Prothese – von der offensichtlich nicht einmal der Hersteller wusste, wie sie richtig anzuwenden war – ab- und einem neuen Produkt zuwandte, begründet er so: "Das richtige Einsetzen einer Prothese ist ärztliche Technik, das hat nichts mit einer Empfehlung von Zimmer zu tun."

Autor: Michael Brendler