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07. Juli 2008

Auch Vergessen kann man lernen

Dank seinem Gedächtnis kommt der Mensch mit sich und der Welt zurecht – aber er sollte es nicht überfordern/ Von Anita Rüffer

  1. Es gehört zum Alltag: Kopfzerbrechen über Gedächtnislücken Foto: Avenue

Was ist bloß in den Mann gefahren? Redet mit seinem Arzt plötzlich fließend Latein. Dabei ist es Jahrzehnte her, dass der heutige Topmanager als Schüler zum Spaß mit seinen Kumpels lateinisch palaverte. Manisch-depressive Zustände haben den 50-Jährigen mitsamt seinem Gedächtnis jetzt in eine Ausnahmesituation gebracht und längst Verschüttetes wieder an die Oberfläche gespült. Andere können sich noch so sehr anstrengen, und die banalsten Dinge wollen ihnen partout nicht einfallen, auch wenn ihnen das Wort, der Name schon auf der Zunge liegen.

Für den Bielefelder Neurowissenschaftler Hans-Joachim Markowitsch ist das Gedächtnis "einer der komplexesten Gegenstände der Psycho- und Neurowissenschaften". Es ist kein statisches Gebilde und nicht angeboren, sondern wird im Lauf eines Lebens erworben und im ununterbrochenen Dialog mit der Umwelt erweitert und neu geordnet. "Ohne Gedächtnis kein Menschsein", sagt Professor Michael Berger, ärztlicher Direktor der Abteilung Psychiatrie und Psychotherapie an der Freiburger Uniklinik: Ohne Gedächtnis kein Lernen, keine Sprache, keine Bewegung. Das Gedächtnis ist die Voraussetzung, dass ein Mensch mit sich und der Welt zurechtkommen kann.

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Aber das ist keine isolierte Funktion. Das Gedächtnis steht in einer Wechselwirkung mit Intelligenz, Stimmung, Wahrnehmung und Konzentrationsfähigkeit. Unter Stress neigt es zum Versagen: Wer am Geldautomaten schon zweimal die falsche PIN-Nummer eingegeben hat, gerät in Panik, und die richtige fällt ihm erst recht nicht mehr ein.

Die Vorstellung von Gedächtnisschubladen im Gehirn, in denen einzelne Informationen fein säuberlich geordnet wie im Archiv der Badischen Zeitung abgelegt sind, gilt Gedächtnisforschern inzwischen als überholt. Vielmehr sind 80 Milliarden Nervenzellen dabei, sich in unendlichen Variationen zu Netzwerken zu verschalten und über das gesamte Hirn hinweg Ensembles zu bilden, in denen Wissen, Gefühle, Erinnerungen gespeichert werden. "Es gibt keine festgelegten Hirnareale, in denen bestimmte Gedächtnisinhalte abgelegt sind", erklärt Michael Hüll, Leiter des Zentrums für Geriatrie und Gerontologie an der Freiburger Uniklinik. Die "Adressen", bei denen etwas zu suchen ist, sind im Hippocampus gespeichert, der zentralen Schaltstation des limbischen Systems. Sie sollte keinen Schaden erleiden, sonst ist kein Zugriff auf die "Festplatte" mehr möglich.
Die unendliche Fülle der gespeicherten Daten ständig abrufbereit zu haben, würde jeden Menschen überfordern. "Das Vergessen ist wichtig, um funktionstüchtig zu bleiben", tröstet Michael Berger über Erinnerungslücken hinweg. Wer möchte schon wie Kim Peek – bekannt geworden als Rain Man in der Verfilmung mit Dustin Hoffman – den Inhalt von 20 000 Büchern auswendig wissen? Der Mann mit einem Intelligenzquotienten von knapp über 50 gehört zur Spezies der sogenannten Idiots Savants, minderbegabten Menschen mit monströsen Gedächtnisleistungen, die aber zur Bewältigung ihres Alltags völlig untauglich sind.


Balance zwischen wichtigen und unwichtigen Fakten

"Das gesunde Gehirn hält die Balance zwischen wichtigen und unwichtigen Informationen", sagt Berger. Dass ich gerade ein Glas Wasser getrunken habe, wurde zwar als elektrischer Reiz ans Hirn gesendet, ist aber nach Sekunden wieder vergessen und gelangt nicht ins Langzeitgedächtnis. Wohl aber das Wissen um London als Hauptstadt Großbritanniens, vor allem wenn sich daran die Erinnerung an eine erste Liebe knüpft. So intensiv ist der Reiz, dass er sich materiell als morphologische Verknüpfung von Zellen irgendwo im Hirn niedergeschlagen hat.

Gedächtnisforscher erkennen eine Hierarchie der Gedächtnisinhalte: Als das komplexeste gilt das autobiografisch-episodische Gedächtnis. Daneben gibt es das Fakten- oder Wissensgedächtnis. Im prozeduralen Gedächtnis sind Bewegungsabläufe wie Autofahren oder Klavierspielen gespeichert. Die Erinnerung daran muss nicht jedes Mal wieder bewusst hervorgekramt werden. Forscher haben herausgefunden, dass bei der Gedächtniskonsolidierung der Schlaf eine wichtige Rolle spielt. Bei Menschen mit chronischen Schlafstörungen, haben Studien gezeigt, ist auch das Gedächtnis beeinträchtigt. Dass das Gedächtnis keine über alle Zweifel erhabene, sondern eine extrem manipulierbare Instanz ist, davon wissen zum Beispiel Richter ein Lied zu singen: Nicht, dass Zeugen bewusst lügen würden. Aber je öfter sie vernommen werden, desto zweifelhafter erscheinen oft die Aussagen. "Wir arbeiten an unseren Erinnerungen so, dass sie plausibel erscheinen", erläutert Michael Hüll. Wenn sie besonders belastend sind wie nach sexuellem Missbrauch oder einer Vergewaltigung, werden sie häufig ganz ausgeblendet. So konnte sich ein Familienvater, der seine ganze Familie getötet hatte, tatsächlich an nichts mehr erinnern.

Dass man zum Kühlschrank läuft und sich absolut nicht daran erinnern kann, was man eigentlich holen wollte, ist wohl jedem schon mal passiert und kein Anlass zur Besorgnis. Die Gedächtnisspezialisten erkennen darin alltägliche Abrufblo-ckaden, denen man mit dem sogenannten Priming, gezielten Hinweisreizen, beikommen kann (Was hast du vorher gemacht? Wo bist du losgelaufen?). Dramatisch können die Abrufblockaden bei einer Depression werden. Manche Patienten können sich nicht mal mehr an die Namen ihrer Kinder erinnern. Weshalb Depression manchmal nicht von einer beginnenden Demenz zu unterscheiden ist.

Wenn Hinweisreize den Erinnerungen nicht mehr auf die Sprünge helfen und sich Ausfälle des biografischen Gedächtnisses häufen, deutet das auf strukturelle Veränderungen des Gehirns hin. Weil Durchblutungsstörungen, Alzheimer oder zu viel Alkohol die Verbindungen zwischen den Nervenzellen zerstört haben, kann das Gehirn keine Erinnerungen mehr festhalten.

In der Gedächtnissprechstunde wird getestet, ob es noch normal ist, wenn ein 60-jähriger zwar noch die 20 Kilometer zu seinem Enkel mit dem Auto fahren kann, im Urlaub im Hotel aber den Weg von seinem Zimmer bis zur Rezeption nicht mehr findet. Für Michael Hüll ist das ein eindeutiges Zeichen für eine frühe Alzheimererkrankung: "Der Mann kann die neuen Informationen einfach nicht mehr speichern."
Abendvorlesung: "Phänomen Gedächtnis – wie funktioniert es, wann versagt es und wie kann man ihm auf die Sprünge helfen" mit den Professoren Michael Berger und Michael Hüll am kommenden Mittwoch, 9. Juli, 19.30 Uhr im Hörsaal der Uni-Frauenklinik, Freiburg. Freier Eintritt.

Autor: Von Anita Rüffer