Deutschland sucht den Superdoc

Michael Brendler

Von Michael Brendler

Mo, 29. Juni 2009

Gesundheit & Ernährung

Die AOK will den Ärzte-TÜV im Internet einführen. Das klingt nach einem unwiderstehlichen Angebot. Doch BZ-Redakteur Michael Brendler fragt: Kann man einem Arztbewertungsportal wirklich trauen?

Es klang nach einem unwiderstehlichen Angebot. "Wir bieten Ihnen die Integration unserer Gesundheits-Services in Ihren Online-Auftritt", lockte der Anrufer. "Sie stellen einen Link auf unsere Arzt-, Apotheken- und Heilpraktikersuche auf http://www.badische-zeitung.de wir zahlen Ihnen für jeden Arzt in Ihrer Region, der unseren Service bucht, einen einmaligen Fixbetrag von 30 Euro. Schauen Sie mal auf die Spiegel-Seiten, die haben das schon."

Viele können dieser verlockenden Offerte nicht widerstehen. Nicht nur der Spiegel, auch das Manager-Magazin, die Berliner Zeitung, T-Online, Bild oder die Märkische Allgemeine verlinken auf ihren Onlineseiten auf das Angebot der Imedo GmbH. Und bieten ihren Lesern damit die Möglichkeit, sich unter, laut Imedo 370 000 Ärzten, Apothekern und Heilpraktikern den jeweils am günstigsten gelegenen auszusuchen. Und nicht nur das. Empfehlungen anderer Patienten sollen vor allem auch helfen, den besten zu finden. Wer will, kann seinem Arzt eine Bewertung zwischen ein und fünf Sternen verleihen. Und damit anderen Suchenden Hinweise darauf geben, wo der freundlichste, pünktlichste oder am besten ausgestattete Mediziner zu finden ist.

"Was es momentan gibt,

ist eigentlich Murks."

Marcel Weigand von UPD
Aber tun Spiegel, Bild & Co ihren Lesern damit auch einen Gefallen?  "Nein", sagt Marcel Weigand von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland UPD. "Bei derartigen Arztbewertungsportalen bekommt man eher Fehl- als richtige Informationen. Was es momentan gibt, ist eigentlich Murks."

Weigand kritisiert nicht die Möglichkeit, schnell und übersichtlich die Adresse eines Arztes zu finden. Derartige Adressdaten sind bei Imedo wie bei vielen anderen Ärztebewertungsportalen von externen Anbietern eingekauft und in der Regel verlässlich. Was in den Augen der Verbraucherschützer keine Gnade findet, ist das Bewertungssystem der Portale. Zwar wurden, wenn man alle entsprechenden Angebote im Internet zusammennimmt, den 220 000 niedergelassenen deutschen Medizinern laut der unabhängigen Stiftung Gesundheit bereits 100 000 Noten erteilt. Damit hat aber nur jeder zweite Arzt im Schnitt von seinen Patienten einen Stern bekommen.

Lässt man den Blick über die einzelnen Portale schweifen, wurde die Mehrzahl der Mediziner überhaupt nicht bewertet. Und diejenigen, denen dieses zweifelhafte Vergnügen zuteilwurde, können wenn überhaupt nur auf ein, zwei, wenn es hoch kommt, drei Statements von Kunden verweisen.

"Zwei bis drei Aussagen bieten aber keine Orientierungshilfe für den Patienten", so Weigand. "Informationen lassen sich aus einer solchen Rangliste wahrscheinlich erst jenseits von 50 Bewertungen pro Arzt gewinnen." Ähnlich schätzt auch Martin Emmert den Servicewert der Portale ein. Er hat mit n Wissenschaftlern des Lehrstuhls für Gesundheitsmanagement der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg die im Internet zugänglichen Portale einer kritischen Prüfung unterzogen. Sein Fazit: Keines von ihnen könne "derzeit höheren Ansprüchen genügen". Qualitätskriterien würden vernachlässigt, oft ungeeignete Bewertungskriterien gewählt, so dass man "anhand keines dieser Portale die Qualität eines Arztes einschätzen kann".

"Schaut man sich die Beurteilungen genauer an, sind viele Ärzte entweder sehr gut oder sehr schlecht bewertet – in manchen Fällen möchte man nicht wissen, wer diese Bewertungen vorgenommen hat", sagt der Betriebswirt. Niemand hält Angestellte, Ehefrau oder den Arzt selbst davon ab, mit einer eigenen Bewertung den eigenen Rang nach oben zu korrigieren beziehungsweise das Gegenteil beim Konkurrenten zu tun. Auch Mehrfachbewertungen durch eine einzige Person sind möglich. Angesicht der schwachen Patientenbeteiligung können solche Manipulationsversuche das Ergebnis aber massiv verfälschen", so Emmert.

Die Krankenkasse AOK will es Anfang nächsten Jahres nun besser machen und ärgert die Ärzteverbände mit der Ankündigung, ein eigenes Bewertungsportal aufzubauen. Weigand begrüßt das Anliegen prinzipiell: "Wenn es gut gemacht ist, halten wir das für eine gute Idee – es gibt einen Riesenbedarf. Viele möchten wissen, wo und wie sie einen guten Arzt finden." Auch Emmert steht der Initiative positiv gegenüber: "Wenn die AOK wie angekündigt auf wissenschaftlich begründete Kriterien baut, ist das sicherlich eine Verbesserung."

Einiges deutet darauf hin, dass die Krankenkasse aus den Fehlern ihrer Vorgänger gelernt hat. Zwar sollen auch hier die Patienten die Noten verteilen, doch bevor sich nicht 30 bis 50 Stimmen angesammelt haben, so ist zu erfahren, wird das Zeugnis eines Mediziners nicht ins Netz gestellt. Für eine ausreichende Teilnehmerzahl soll die Mobilisierung der eigenen Mitglieder sorgen. Ein Ranking oder eine Kommentierung wird nicht möglich sein. Manipulationen dagegen sollen laut Plan dadurch unterbunden werden, indem den Kassenmitgliedern vor Abgabe ihres Urteils eine Registrierung abverlangt wird. Für Vertrauen soll auch die Zusammenarbeit mit der in dieser Hinsicht erfahrenen Bertelsmann-Stiftung und Wissenschaftlern sorgen.

"Sollte das Portal so umgesetzt werden, wird das sicherlich eine ganz andere Aussagekraft haben als die bisherigen Angebote", so Weigand. Ein Problem wird aber auch das beste Patientenportal nicht aus der Welt schaffen. Die meisten Benutzer haben weder Lust noch Zeit für Wartezeit, Vertrauenswürdigkeit und Ausrüstung Sternchen an den Arzt ihres Vertrauens zu verteilen. Andere Online-Befragungen deuten darauf hin, dass vor allem besonders frustrierte User gerne als Richter aktiv werden. Und dann eben gerne schlechte Noten verteilen. Über den besten Mediziner wird also der AOK Ärzte-TÜV möglicherweise demnächst gar keine Aussage treffen können. Aber immerhin über den am wenigsten schlechten.