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04. August 2008

Kurvenkrank und wellenwund

Der Mensch ist für lange Auto- und Überfahrten nicht gemacht. Aber er kennt Rezepte gegen die Reisekrankheit / Von Michael Brendler

  1. Auf Fahrt oft nicht nebenwirkungsfrei: Lesen Foto: rasdfadas

  2. Für viele das Anfangsstadium der Krankheit: Ausgelassenheit und Urlaubsvorfreude. Nun heißt es Aufpassen und Vorsorgen. Foto: fotolia, gmS

Selbst Lord Nelson hatte einst Schwierigkeiten, seine fünf Sinne zusammenzuhalten. Und der Mann sollte immerhin ein Empire retten. "Ich bin so schrecklich seekrank, dass ich meinen Kopf nicht mehr aufrecht halten kann", gestand er in einem Brief seiner Geliebten. Weit und breit war auf dem Weg über den Atlantik kein Apfelbäumchen in Sicht, unter das sich der Admiral legen konnte – das erklärte Lieblingsrezept des britischen Seehelden gegen die Übelkeit ab Windstärke drei. Am Ende erreichte er dennoch pünktlich am 21. Oktober 1805 die südspanische Küste, machte – bis ihn eine Kanonenkugel das Leben kostete – sogar eine einigermaßen gute Figur an Deck und putzte die Franzosen weg. Was wieder einmal beweist: Das beste Mittel gegen die Übelkeit auf See, im Auto oder Flugzeug ist die Ablenkung.

200 Jahre später sind noch ein paar andere leidlich erfolgreiche Hilfsrezepte dazugekommen. Im Griff hat die Menschheit die Seekrankheit, die Kinetose, wie sie der Fachmann nennt, trotzdem nicht. Noch immer wird auf atlantischen Überfahrten jeder vierte Patient krank. Und aus dem Quälgeist der Weltenentdecker und Matrosen ist ein Massenphänomen geworden. Seitdem er Auto und Flugzeug entwickelt hat, überfordert der Mensch sein Hirn regelmäßig. Denn zumindest den Kern des Problems hat die Wissenschaft inzwischen durchdrungen: Unsere Gattung braucht den Bodenkontakt. Wir sind für die passive Fortbewegung in großen schwimmenden, rollenden oder fliegenden Gefährten einfach nicht gemacht.

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Die Ursachen


"Wenn die Wahrnehmungen der Augen, des Gleichgewichtsorgans und der Sinnesrezeptoren in Muskeln und Sehnen nur stark genug sind", erklärt der HNO-Chefarzt Wolfgang Stoll von der Uniklinik Münster, "kann jeder eine Kinetose entwickeln – es entsteht ein Sinneskonflikt." Die einen sind nur müde, anderen wird sogar übel und schwindelig, und besonders hart Bestraften droht sogar der Kreislaufkollaps. Die Ursache ist immer dieselbe: Im Gehirn laufen Sinneseindrücke ein, die in kein gelerntes Schema oder Muster passen.

Bewegt sich der Mensch, erhält sein Denkorgan darüber auf drei verschiedenen Wegen Kenntnis. Gleichgewichtsorgane in beiden Ohren registrieren die Beschleunigung. Rezeptoren in den Muskeln und Sehnen die neue Stellung der Glieder. Und das Auge die veränderte Umgebung. Wenn das Schiff aber schaukelt, während die Beine auf scheinbar festem Grund stehen, wenn das Buch im Auto ruhig im Schoss liegt, während sich der Wagen in die Kurven legt und wenn ein optisch unverändertes Flugzeug plötzlich ins Luftloch sackt, passen die Informationen von Augen, Ohren und Gliedern plötzlich nicht mehr zusammen.

Nach zwei bis vier Tagen allerdings, auch das hat die Wissenschaft herausgefunden, hat sich der Matrose an das Auf und Ab der Wellen gewöhnt. So sehr, dass ihn das schwankende Gefühl sogar begleitet, wenn er wieder festen Boden unter den Füßen hat. Wer dann aber drei Monate die Planken meidet, hat wieder auf seinen Festlandmodus geschaltet. Er wird bei der nächsten Seereise wahrscheinlich wieder leiden müssen.

Jedem Zehnten sind Kinetosen sogar völlig fremd. Darunter Säuglingen. Erst nach zwei Lebensjahren ist der Mensch in der Lage, sich von seinem Gleichgewichtsorgan verwirren zu lassen. Danach aber ist er ihm hilflos ausgeliefert: Kinder zwischen zwei bis zwölf gelten als besonders empfindlich für Kinetosen aller Art. Mit acht Jahren beträgt das Übelkeitsrisiko auf der Ferienfahrt 80 Prozent. Unter Erwachsenen ist nur jeder 25. betroffen. Senioren über 50 dagegen gelten wiederum als besonders mobilitätsstabil. Der Grund: Das Gleichgewichtsorgan ist unsensibler geworden.

Besonders übelkeitsgefährdet sind Frauen, besonders wenn sie migräneanfällig sind. Hochrisikozeiten sind Schwangerschaft und der Menstruationsbeginn. Offensichtlich spielen also auch bei der Reiseübelkeit die Hormone eine Rolle.

Ebenfalls nicht ohne Einfluss ist die Psyche. Dafür spricht nicht nur, dass auch mit Scheinmedikamenten der Reisekrankheit in der Hälfte der Fälle beizukommen ist. Auch im direkten Test konnten israelische Forscher an Marine-Kadetten zeigen, dass diese sich weit besser als ihre Kameraden fühlten, wenn man ihnen vor Reiseantritt eingeschärft hatte, sie seien immun gegen die Seekrankheit. Ängstliche und introvertierte Menschen wiederum leiden häufiger.


Die Gegenmittel


Im Auto hat der Mensch sein Schicksal noch am ehesten selbst in der Hand. Das sicherste Mittel ist, sich ans Steuer zu setzen. Denn nun laufen zwar immer noch widersprüchliche Sinneseindrücke im Kopf ein, die Bewegung wird aber selbst in Gang gesetzt und geplant – meist reicht das schon, um Ordnung in das Gefühlschaos zu bringen. Ist der Platz schon besetzt, empfehlen Ärzte den Beifahrersitz. Mit Gegenständen, die auf einen zurasen, kommt das Gehirn besser zurecht, als mit solchen, die am Seitenfenster vorbeiflitzen.

Schlimmer noch als eine Serpentinenstrecke, die so Ratschlag Nummer drei unbedingt zu meiden ist, soll für den Mobilitätssensiblen der Stop-und-Go-Verkehr sein. Damit dabei der Kopf weniger durchgeschüttelt wird, muss nicht gleich ein verbeamteter Kopfhalter her, wie ihn sich mittelalterliche Könige oft auf Seereisen gönnten. Es reicht schon, seinen Kopf an die Rückenlehne zu pressen. Auch Liegen scheint das Elend zu mildern – vor allem auf dem Rücken mit freier Sicht durchs Fenster. Und wenn dies alles nicht möglich ist: Nicht nur Nelson hat bewiesen, dass gegen die Abwechslung als Antiemetikum wenig ankommt – vor alle bei Kindern können Singen, Erzählen und Spielen Wunder bewirken.

Autor: Von Michael Brendler