Die Lust an der Perfektion

Matthias Konzok

Von Matthias Konzok

Do, 06. Dezember 2018

Gewichtheben

Die Lörracherin Tabea Tabel gilt als Zukunftshoffnung des deutschen Gewichtheberverbandes / Ihr Ziel ist Olympia 2020.

LÖRRACH/LEIMEN. Kein Zucken. Nur ein dezentes Nicken. Und ein kurzes Blinzeln der dankenden Bestätigung in Richtung Jury. Ihre Mundwinkel ziehen sich nach oben, die weißen Zähne strahlen, die Augen sowieso. Ein schwereloses Lächeln zaubert sich auf Tabea Tabels Gesicht – und schon lässt sie die Hantel locker-flockig nach vorne abfallen. Dass daran noch immer jene 90 Kilogramm hängen, die sie – mit nur 75 Kilogramm Körpergewicht – gerade geschmeidig in die Höhe gewuppt hat? Geschenkt. Einzig das Vibrieren ihrer Arme zuvor verdeutlichte, welch immense Last auf ihr ruhte.

Es ist Vormittag in Ashgabat, der Hauptstadt Turkmenistans. In jenem fernen Land, zwischen Kaspischem Meer und Afghanistan, hat sich die Gewichtheber-Elite zur Weltmeisterschaft eingefunden. Tabel feiert in jenem strahlenden Moment im Reißen nicht nur einen erfolgreichen WM-Auftakt, sondern auch ein gelungenes Debüt bei den Seniorinnen. "Mit der Platzierung bin ich sehr zufrieden, mit der Leistung nicht so", wird sie später sagen, über Platz elf in der Klasse bis 76 Kilogramm und 220 kg im Zweikampf, der Kombination aus Reißen und Stoßen.

Auf Tabels Stimme liegt stets ein Lächeln. Eine aufgeweckte 22-Jährige mit positivem Lebensansatz. Was keinesfalls den Trugschluss zulässt, dass mehr Spaß als Fleiß im Spiel wäre. "Sie führt ein sportgerechtes Leben", sagt Bundestrainer David Kurch, der die Lörracherin am Bundesstützpunkt in Leimen betreut und ihre Akribie hervorhebt. "Tabea ist eine unserer wenigen Sportlerinnen im Verband, die das Zeug hat, international konkurrenzfähig zu sein", betont Kurch. An ihre Nachwuchserfolge – unter anderem Jugend-Europameisterin und Dritte der Juniorinnen-EM – müsse sie anschließen. Die WM war ein erster Schritt.

Über ihre Eltern fand Tabel zum Kraftsport, stemmte für den KSV Lörrach in der zweiten Bundesliga die Gewichte und steht seit Herbst 2017 im Erstliga-Kader des AC Mutterstadt. Als Sportsoldatin weiß sie um ihr Privileg. Nur selten muss sie zur Sportfördergruppe nach Bruchsal, ihr Training – acht Einheiten pro Woche – steht im Fokus. "Dafür bin ich der Bundeswehr dankbar", sagt Tabel, die einen weiteren Vorzug ihres Sports schätzt: bei Lehrgängen und Wettkämpfen die Welt zu entdecken. "In Ashgabat war es sehr verrückt, das hat mich schon umgehauen", sagt sie. Alles sei weiß gewesen. Sauber. Hochhäuser Reih an Reih. In der einstigen Sowjetrepublik ist Gigantismus allgegenwärtig. Nur "von den Leuten haben wir wenig gesehen, dafür viele Bilder des Präsidenten". Gemeint ist Gurbanguly Berdimuhamedow, der für seinen repressiven Herrschaftsstil berüchtigt ist.

Davon bekommen die Sportler nichts mit, der Zeitplan mit Training und Wettkämpfe ist prall gefüllt. Doch was trainiert der Heber all die Zeit? Ein Vorurteil: Die brauchen nur dicke Muckis. Weit gefehlt. "60 bis 70 Prozent sind Technik, der Rest Kraft", betont Tabel. Die Hantel am Körper entlang zu manövrieren "muss auf Zenti- und Millimeter passen". Präzisionsarbeit. Eine sensible wie komplexe Choreographie von Technik und Kraft, um Körper- und Hantelschwerpunkt stets nah zusammenzuhalten. "Diese Perfektion macht mir Spaß", sagt Tabel.

Bundestrainer Kurch: "Tabea kann sehr gut Kraft entfachen"

Und die Lörracherin verfügt über ein besonderes Talent, "sie kann sehr gut Kraft entwickeln, sie entfachen", erklärt Kurch. Die Zugbewegung "hat Tabea drauf, nur verliert sie danach manchmal die Hantel". Schnellkräftig sei sie, es gelte, "ihre Kraft auf die Hantel zu übertragen". Als in Ashgabat 95 Kilo aufgelegt sind und Tabel wieder nickt, blinzelt, lächelt und locker-flockig abwirft, verzückt sie die Kommentatoren: "Wow. Das sah super elegant aus. Genauso gut wie der erste Versuch – wenn nicht sogar besser." Das englischsprachige Duo schwärmt mit ruhiger Stimme und distinguierter Aussprache, derart anmutig, als würden sie im nächsten Moment an einer Tasse Earl Grey nippen, serviert von einem Butler. Mehr Technik als Kraft am Mikrofon. Wie auf der Bühne. Dort rächt sich gnadenlos, wenn Millimeter zur Perfektion fehlen. Bei 98 Kilogramm, eines unter ihrem Bestwert, muss Tabel abbrechen – ein minimaler technischer Fehler beim Aufstehen bringt das austarierte System unaufhaltsam ins Wanken.

Der Applaus bleibt aus. "Sie haben Schulklassen busweise zu den Wettbewerben gefahren", erzählt Tabel über volle Tribünen. Im Stoßen scheitert sie nach zwei gültigen Versuchen an ihrer Bestleistung (122 kg). Es war einer der seltenen Momente ohne strahlende Augen. Doch ihr Lächeln kehrte zurück. Beim WM-Debüt kratzte Tabel gegen die fast durchweg ältere Konkurrenz an den Top-Zehn, war drittbeste Europäerin und gewann die B-Gruppe. Ein Erfolg mit Nebenwirkung: Dopingkontrolle. Aus Deutschland ist sie das gewohnt, mindestens einmal im Monat. "Das finde ich auch sehr gut", betont Tabel. Doch "sollte das überall so sein".

Europa hat sie bereist, auch in Japan war Tabel. Dorthin will sie 2020 zurück: Olympia in Tokio. Die Qualifikation ist eine Herausforderung, "Tabea muss über 18 Monate bei mehreren Wettkämpfen ihr Potenzial nachweisen", erklärt Kurch. Gefordert wird eine Platzierung unter den Top-Acht der Weltrangliste ihrer Klasse, fünf Plätze werden über die Kontinentalranglisten vergeben. Es gilt, bei EM, WM und (inter-)nationalen Wettbewerben zu punkten. 220 Kilogramm ist ihre Bestmarke im Zweikampf, "fünf bis zehn Kilogramm muss sie draufpacken, um 2019 konkurrenzfähig zu sein", sagt Kurch. Im April steht die EM in Georgien an. Bis dahin heißt es: üben, üben, üben. Mal "in gesenkten Wochen", so Tabel, wenn Entlastung angesagt ist, mal in "hohen Wochen" mit Belastung, "da wird richtig geschrubbt". Es ist ein sensibel abgestimmtes Programm. Da passt die DM, die am Freitag in Roding beginnt, heuer nicht rein. Es geht nicht ums Titelhamstern, sondern um: Olympia.

Als Ausgleich widmet sich Tabea Tabel der Musik. Sie hat ein Faible für Rockmusik, spielt Gitarre und Schlagzeug. In einer Band? "Leider nicht", sagt sie, mit Bedauern und doch gewohnt lebensfrohem Unterton. Dafür fehle ihr die Zeit. Doch die, die kommt vielleicht später.

Alle Serienbeiträge finden Sie unter: http://mehr.bz/bewegteregion