Frohnatur auf dem Beschleunigungsstreifen

Jakob Schönhagen

Von Jakob Schönhagen

Fr, 10. August 2018

Gewichtheben

Die Lörracherin Tabea Tabel ist eine der großen Hoffnungen des deutschen Gewichtheberverbandes / Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 beginnt im Herbst.

GEWICHTHEBEN. Die Lörracherin Tabea Tabel ist eine der großen Zukunftshoffnungen des deutschen Gewichtheberverbandes. Für die Bundesliga-Akteurin beginnt diesen Herbst die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio.

Sobald die Stange fliegt, weiß sie Bescheid. Reicht die Beschleunigung, stimmen die Winkel, reicht es für einen regulären Versuch, hat man das anvisierte Gewicht gestoßen, gestemmt oder gerissen. Der Moment der scheinbaren Schwerelosigkeit der mit unzähligen Gewichten bepackten Olympiastange ist der Lackmustest eines jeden Versuchs. Tabea Tabel hat ihn bereits unzählige Male bestanden. Die 21-jährige Lörracherin wurde im Frühjahr zur deutschen "Gewichtheberin des Jahres 2017" gewählt.

"Tabea kann international konkurrenzfähig sein"

Für die Olympischen Spiele 2020 in Tokio ist sie eine der großen Hoffnungen des deutschen Verbandes. In einem Sport, der hierzulande nahezu ausschließlich männerdominiert ist, sorgt sie für seltene Freudensprünge im weiblichen Bereich. "Momentan läuft alles wirklich gut", sagt die Gewichtheberin strahlend. "Sie ist eine unserer wenigen Sportlerinnen im Verband, die das Zeug hat, international konkurrenzfähig zu sein", betont Bundestrainer David Kurch.

Tabea Tabels Qualifikationsmarathon für die Olympischen Spiele beginnt diesen Herbst mit der Weltmeisterschaft in Turkmenistan. Die Vorbereitungen laufen auf Hochtouren. Acht Trainingseinheiten die Woche bolzt die Sportsoldatin. Momentan weilt die Stabsunteroffizierin der Bundeswehr mit der Nationalmannschaft im Trainingslager in Schweden. Für die Schönheit Skandinaviens aber hat die Vorzeigeathletin wohl kaum die nötige Muße. In der ersten Vorbereitungsphase auf die Weltmeisterschaft Anfang November muss Tabel an den Grundlagen feilen: hohe Wiederholungszahlen bei mittlerem Gewicht. Kraft, Technik, Beine, Rücken. Zur Ruhe kommt Tabel momentan nicht. Übersäuerte Muskeln aller Orten. "Tabea arbeitet akribisch", lobt der Bundestrainer.

"Jetzt aber ist Feierabend", freut sich die Hochveranlagte. Tabel ist eine Frohnatur. Kein Satz ohne Lachen. Was passt. Grund zur Freude hatte die Stoß-Spezialistin zuletzt zuhauf. Ihr Wechsel aus der zweiten Bundesliga vom KSV Lörrach in die Belletage zum AC Mutterstadt hat sich rentiert. Mit dem Club gewann sie direkt die Bronzemedaille in der Bundesliga. Die erfolgreichste Platzierung für den Bundesligadino seit dem Wiederaufstieg 2012. Auch kommende Saison startet sie für den Athleten-Club.

Auf sich gestellt hat Tabel seit dem Wechsel ebenso geglänzt. In ihrer Gewichtsklasse zählt sie mit ihren 97 Kilogramm im Reißen und 121 Kilogramm im Stoßen – erstere ist die dynamische, vor allem auf Technik ausgelegte, letztere die etwas langsamere, dafür auf maximale Gewichtsverschiebung ausgelegte Variante des Gewichthebens – zu den besten in Deutschland. "Ihre große Stärke ist ihre Maximalkraft", sagt Kurch, der Tabel seit diesem Jahr hauptverantwortlich betreut, "nur manchmal bekommt sie die PS noch nicht voll auf die Straße."

Angefangen hat bei dem immer zu lachenden Muskelpaket alles mit muskelbepackten Eltern. "Die haben Bodybuilding gemacht und mich immer mitgenommen", erzählt Tabel. Mit zwei Jahren saß sie im Babykorb neben den Geräten, mit sechs stemmte sie alleine erste Gewichte. Die eigenen vier Wände, einen Steinwurf entfernt von der Hantelstation des Fitnessstudios. Früh übt sich. Und in der Tat ging Tabel seit dem gewichthebetechnisch durch die Decke. Bei der Jugend-Europameisterschaft vor vier Jahren holte sie die Goldmedaille, vergangenes Jahr bei der U-23-EM Bronze in allen Disziplinen. Im Reißen, im Stoßen und in der kombinierten Version, dem Olympischen Zweikampf. Auch mehrfache deutsche Meisterin im Jugendbereich kann sie sich nennen.

Die Herausforderung derzeit: den großen Sprung vom Juniorinnen- in den Aktivenbereich packen. Dazu wohnt Tabel im nordbadischen Sandhausen und trainiert in Leimen am Bundesleistungszentrum.

Ihre erfolgreichsten Jahre haben Gewichtheber zwischen 25 und 30 Jahren. In Tokio also wird die Lörracherin am Anfang ihrer goldenen Jahre sein. "Ich kann auch noch die nächsten Olympischen Spiele mitnehmen", scherzt die Frohnatur. Vorerst aber heißt es Schwitzen in der Sommersonne Schwedens. Stangen wollen in die Luft befördert, Spitzenwerte überboten werden. Ob Tabea Tabel die hohen Erwartungen in sie erfüllt, bekommt sie jedes Mal sofort zurückgemeldet. Sobald die Stange fliegt, wird sie es wissen.