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20. Juli 2012

Bregenz

Glanerts Oper "Solaris": Wirrwarr im Weltall

Opernuraufführung in Bregenz: Detlev Glanerts "Solaris".

  1. Eine Herausforderung für den Bühnenbildner: Die Raumstation, die den Planeten Solaris umkreist. Foto: dpa

16 Monate dauerte der Flug. Und nun ist der Psychologe Kelvin auf der Raumstation eingetroffen, die den Planeten Solaris umkreist. Für die Forscher dort bedeutet die Konfrontation mit den Rätseln im All die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit. Doch kaum ist Kelvin angelangt, realisiert er: Da ist etwas faul. Seltsame Dinge ereignen sich. Selbstmorde, der totale Wirrwarr. Die Station verrottet. Am seltsamsten sind die "Gäste", die die teils versoffenen, teils paranoiden Wissenschaftler nächtens heimsuchen: die inzestuös begehrte Mama den einen, der "Zwerg", das wortverdrehend krähende Komikpotenzial, den anderen, und die – zurückhaltend formuliert – stark übergewichtige Schwarze kümmert sich um die Leiche eines Selbstmörders. Das kommt, sehr im Groben, im Roman "Solaris" (1961) des polnischen Science-Fiction-Schriftstellers Stanislaw Lem vor, und dergleichen begibt sich auch im Opernlibretto, das Reinhard Palm für den Komponisten Detlev Glanert (Jahrgang 1960) schrieb. Die nicht gerade stürmisch, aber mit konstanter Zustimmung aufgenommene Uraufführung eröffnete die Bregenzer Festspiele. Die Inszenierung wird an die koproduzierende Komische Oper Berlin weitergereicht.

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"Das Vergangene ist niemals tot. Es ist nicht einmal vergangen.": Das Faulkner-Zitat stellten die Autoren der Partitur voran. Und das gilt vor allem für die Liebesgeschichte, die "Solaris" für den Komponisten zuallererst in sich birgt. Auch Kelvin hat bald seinen nächtlichen Gast: seine einstige Geliebte Harey, die sich 19-jährig aus Frust das Leben nahm, weil es mit der Kommunikation zwischen den Beiden überhaupt nicht klappte. Obwohl der Wunsch, erneut Hand an sich zu legen, sie beherrscht, kommen sie sich wieder näher. Und doch, am Schluss ist sie weg, aufgelöst, zerstört. Kelvin wird vom Plasmameer des Planeten verschluckt. Seine Erkenntnis zuvor: "Menschen suchen wir, niemanden sonst. Wir brauchen keine anderen Welten, wir brauchen Spiegel."

Ein Opernstoff par excellence, sollte man meinen, Spannung pur. Aber ach: Es bleibt bei einer merkwürdig spannungsarmen, undramatischen und in sich immerzu ähnlichen Reihung der Ereignisse. Und: viel Papier in den Dialogen. Dazu: Eine Oper, die fesseln will, darf nicht in der Wiederholung ihrer Mittel aufs Ende hin ab- und wegsacken. Das Regieduo Moshe Leiser / Patrice Caurier arbeitet quasi vom Blatt und verausgabt sich allzu ausschließlich in der solide-überraschungsarmen Nacherzählung der komplexen Vorgänge. Der bedauernswerte Bühnenbildner kann schlechterdings nur hinter den von Lem übernommenen phantasiesprühenden planetarischen Beschreibungen zurückbleiben. Christian Fenouillats Station: ein keimfreier Raum der Luken und der geheimnisvoll verschlossenen Kajütentüren. Kein Wurf also.

Am wenigsten ist dafür der Komponist haftbar zu machen, und schon gar nicht sind es die fabelhaften Wiener Symphoniker mit dem Kölner Generalmusikdirektor Markus Stenz im Graben. Wie sie den sphärisch zarten Aufstieg der Musik aus dem dreifachen Pianissimo, wie sie zweieinhalb Stunden später den gehauchtesten aller Opernschlüsse hinflüstern, das beweist höchste Klangsensibilität. Glanert geht’s im Übrigen wie den allermeisten seiner Kollegen: Mahler geistert allenthalben herum. Glanerts Kunst, die instrumentalen Farben schillern zu lassen, zeigt sich hier aufs Neue. Meisterlich, wie er den Planeten sich vom ersten Silbengestammel bis zur intakten Sprache chorisch äußern lässt. Der Prager Philharmonische Chor (Einstudierung: Lukas Vasilek) leistet dazu perfekte Hilfestellung.

Glanert ist in der häufigen Nähe zu seinem Lehrer Hans Werner Henze auch jetzt wieder der hörerfreundliche Musiker, der weder die avantgardistisch gesonnenen Naturen verärgert noch die Normal-Abonnenten verschreckt. Zudem ist er ein ausgesprochen gewiefter Stimmenkomponist: Gäbe es die Vortragsbezeichnung – man könnte das Ergebnis ein recitativo cantabile nennen. Will sagen: Der ariose Disput herrscht vor. Aber auch ein betont eloquenter, beweglicher orchestraler Vorwärtsdrang, der einen Rossini von heute suggeriert. Und einmal grinst alles: wenn Glanert sich urplötzlich als songfreudiger Kurt-Weill-Adept entpuppt.

Die Sänger danken ihm die Zuneigung wie die pflegliche Behandlung. Dietrich Henschel überragt alle anderen. Er bietet eine absolut makelfreie baritonale Gestaltung des Kelvin. Er versteht es auch, Gedanken singend nachvollzuziehen. Mit Vorzügen sind freilich auch Marie Arnets lyrisch-intensiver und nur in der dramatischen Zuspitzung etwas angespannter Harey-Sopran und in den Partien der Forscher der Tenorbuffo Martin Koch und der Bassist Martin Winkler ausgestattet.
– Weitere Aufführungen sind am 22. (11 Uhr) und 25. Juli. Tel. 0043/5572/4076.

Autor: Heinz W. Koch