Glauben Sie, dass Sie viel Pech hatten?

Barbara Schweizerhof

Von Barbara Schweizerhof

Do, 13. September 2018

Kino

DRAMA: Debra Granik gelingt in "Leave No Trace" die einfühlsame Erkundung einer Außenseiterperspektive.

Ein hervorragendes Beispiel, um die Zwänge der modernen Zivilisation auf den Punkt zu bringen, ist das standardisierte Testverfahren: eine Liste von Fragen, dazu entworfen, um sie von einem Computer nach algorithmischen Vorgaben auszuwerten, ganz effektiv und kalt. Wachen Sie nachts manchmal auf mit düsteren Gedanken? Denken Sie, dass Sie im Leben mehr hätten erreichen können? Glauben Sie, dass Sie viel Pech hatten?

Mit solchen Fragen sieht sich Will (Ben Foster) in Debra Graniks "Leave No Trace" konfrontiert – und versagt. Was ihm zu schaffen macht, ist das Setting: die demütigende Tatsache, von einer Maschine untersucht zu werden, und der Verdacht, der sich aus dem Fragenkatalog indirekt, aber deutlich herausschält, dass man ihm eine mentale Störung unterstellt. Von wegen effektiv – in dieser einen Szene macht der Film klar, dass solche Tests nichts aufklären können, sondern nur das bestätigen, was man vorher schon zu wissen glaubt.

In der Tat weiß auch der Zuschauer da schon längst, dass mit Will etwas nicht stimmt. Mit seiner 13-jährigen Tochter Tom (Thomasin McKenzie) lebt er als Obdachloser in den Wäldern. Man könnte glauben, dass sie campen. Völlig unaufgeregt offenbart die Kamera die Details ihres Lebens, das komplexe System an Ablagen unter Bäumen und Planen, in selbst gegrabenen Löchern und mit Laub getarnten Kisten. Man begreift, dass die beiden zwar provisorisch an diesem Ort leben, dass ihr Unbehaustsein aber nicht zeitlich begrenzt ist. Eines Tages werden sie von Rangern aufgespürt; es ist sicher nicht das erste Mal. Die folgende temporäre Trennung, samt der Befragung durch diverse Sozialarbeiter und der oben beschriebenen Untersuchung, empfinden sie beide als traumatisch. Dabei werden sie nicht schlecht behandelt, im Gegenteil, man versucht ihnen zu helfen, verschafft ihnen Unterbringung und Arbeit.

Granik gelingt die vorurteilsfreie Erkundung einer Außenseiterperspektive. Ben Foster macht in einem wunderbar beherrschten Auftritt sichtbar, dass für Will schon das reine Weiterleben einer beschwerlichen Wanderung gleichkommt. Seine Tochter liebt er so selbstverständlich, dass er ihr Recht auf Freiheit respektieren wird.

"Leave No Trace" (Regie: Debra Granik) läuft in Freiburg. (Ab 6)