Lesung in Freiburg

Gleich wird etwas passieren: Jennifer Clements Roman "Gun Love"

Bettina Schulte

Von Bettina Schulte

Di, 11. September 2018 um 19:29 Uhr

Literatur & Vorträge

Waffen sind immer im Spiel: In Jennifer Clements neuem Roman "Gun Love", aus dem die Amerikanerin in Freiburg liest, explodiert eine versponnene Existenz.

Die Gewalt sickert ganz langsam ein in diesen Roman – wie Gift, das sich in den Adern ausbreitet. Süßes Gift. "Meine Mutter war eine Tasse Zucker", lautet der erste Satz. "Man konnte sie jederzeit ausleihen. Meine Mutter war so süß, ihre Hände klebten immer wie nach einem Kindergeburtstag."

Es ist die Perspektive, die zählt. Die Ich-Erzählerin von Jennifer Clements Roman "Gun Love" ist ein heranwachsendes Mädchen, Pearl genannt, weil sie eine schneeweiße Haut hat und sehr helle Haare. Pearl scheint ein fast durchsichtiges Wesen zu sein, ihr haftet etwas Märchenhaftes, Poetisches, Verträumtes an – und das steht im krassen Gegensatz zu der Welt, in der Pearl aufwächst: am Rand eines Trailerparks in Florida, in einem alten Ford Mercury, den ihre Mutter zum 16. Geburtstag geschenkt bekommen hatte. Ein Jahr später hat Margot – benannt nach der berühmten Ballerina Margot Fonteyn – ihr begütertes Elternhaus mit ihrem Baby im Arm verlassen, weil dort, der Text deutet es nur an, Kälte statt Liebe herrschte und in jedem Zimmer eine Fliegenklatsche lag. In die verrohte, verwüstete Landschaft – neben dem auf ehemaligem Indianerland errichteten Wohnwagenpark liegt die Müllkippe der Stadt – bringt die Teenagermutter das bildungsbürgerliche Umfeld ihrer Kindheit mit. Die Erinnerung an ihren Klavierunterricht und einige kostbare Dinge aus dem Haushalt: Limoges-Porzellan, Silberbesteck und das Hochzeitskleid ihrer Großmutter.

Die zauberhaften Dinge, so scheint es, schützen Mutter und Tochter eine ganze Zeit lang vor dem Ort, an dem sie nicht leben wollten, aber hängengeblieben sind. Und es ist die Spannung zwischen der eigenwilligen lyrischen Poesie des Textes und der in ihn hineinbrechenden gesellschaftlichen Realität, die seinen Sog ausmacht: dass man gar nicht mehr aufhören kann zu lesen. Man ahnt, man spürt, dass etwas geschehen wird. Waffen sind immer im Spiel: Man schießt mit ihnen auf die Alligatoren im Fluss – und als zwei siamesische Alligatorenbabys zur kurzfristigen Attraktion werden, ist von ihnen eines Tages nur ein kleiner blutiger Fleck übriggeblieben.

Jennifer Clement weiß, worüber sie schreibt. Die amerikanische Autorin und Präsidentin des internationalen Schriftstellerverbands PEN lebt seit ihrer Kindheit in Mexiko. Man darf sie als engagierte Schriftstellerin bezeichnen. Ihr erster auf Deutsch erschienener Roman "Gebete für die Vermissten" (2014) wirft ein Licht auf die Schicksale gestohlener Mädchen in ihrem Land. "Gun Love" – gut dass man nicht versucht hat, diesen ambivalenten Titel zu übersetzen – richtet das Augenmerk auf den Waffenschmuggel aus den USA nach Mexiko: Er könnte das – verschwiegene – größere Problem sein als die illegalen Immigranten, denen Präsident Trump den Kampf angesagt hat.

Eines Tages entdeckt Pearl im Wohnwagen eines mexikanischen Paars eine Unmenge von Waffen. Ausgerechnet ein Pastor steckt hinter dem Geschäft, das mit Moral bemäntelt wird: Sammeln wir die Waffen von Bürgern ein, die eingesehen haben, dass man Konflikte nicht mit Gewalt lösen sollte. Mit involviert in die zynischen Machenschaften ist ein gewisser El, dem Pearls Mutter vom ersten Moment seines Erscheinens im Trailerpark an hörig ist. "Von da an musste er nur noch nach ihr pfeifen", kommentiert die Ich-Erzählerin bitter. Der Mann mit der melodischen Stimme vertreibt sie von der Seite ihrer Mutter und vom Vordersitz des Mercury. Von einem Tag auf den anderen verliert Pearl alles, was sie hatte.

Nein, es braucht keine spektakulären Amokläufe mit Dutzenden Toten, um den Finger in die Wunden der verheerenden Folgen des erlaubten Waffenbesitzes in den USA zu legen. Es braucht nur das Wissen darum, wie schnell alltägliche Situationen eskalieren können, wenn eine Schusswaffe im Spiel ist. Michael Moores Dokumentarfilm "Bowling for Columbine" hat die erschreckenden Zahlen erstmals einer breiten Öffentlichkeit zur Kenntnis gebracht: Mehr als 10 000 Tote fordert das Recht der Amerikaner auf Selbstverteidigung Jahr für Jahr.

Das Freiburger Carl-Schurz-Haus widmet sich dem Thema mit Jennifer Clements Lesung aus ihrem eben erschienenen Roman und einer ab 11. Oktober zu sehenden Fotoausstellung, die Überlebende von Schusswaffengewalt zeigt. "Gun Love" ist nicht nur seines brisanten Themas wegen empfehlenswert. Clements, von Nicolai von Schweder-Schreiner großartig ins Deutsche gebrachte – Sprache besticht durch hohe Musikalität. Wie kann man nur die abgrundtiefe Verlorenheit in einem heruntergekommenen Land in ein so dichtes Stück Literatur verwandeln.

Jennifer Clement: Gun Love. Roman. Aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner. Suhrkamp Verlag, Berlin 2018. 251 Seiten, 22 Euro.
Lesung: 14. September, 20 Uhr, Artjamming, Freiburg, Günterstalstr. 41. Moderation: Friederike Schulte.