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16. April 2016

Tragbare Familienerbstücke

Glottertäler Mädchen gehen am Sonntag in Tracht zur Erstkommunion – und sind stolz darauf.

  1. Eva-Maria Wisser (links) und Leonie Herbstritt gehen am Sonntag in Tracht zur Erstkommunion. Foto: Sophia Hesser

  2. Die Archäologin, die Innovative und die Grande Dame: Stefanie Kunert, Ulrike Tscherter und Mathilde Blattmann (von links) schneidern Trachten in Glottertal. Foto: Sophia Hesser

  3. Foto: Sophia Hesser

  4. Mathilde Blattmann hat das Schneidern von der Mutter gelernt. Foto: Sophia Hesser

  5. Den Schäppel trugen Frauen früher auf dem Kopf, heute ist es der weiße Rollenkranz (Bild rechts). Foto: Sophia Hesser

GLOTTERTAL. Wenn am Sonntagmorgen die Glocken der St. Blasiuskirche in Glottertal erklingen, feiern zwanzig Kinder ihre Erstkommunion. Stolz sind sie nicht nur auf ihren Festtag, sondern auch auf ihre Kleidung. Die Jungen tragen meist Anzug, die Mädchen gehen in Tracht, nämlich mit einem blauen Rock, einer weißen Schürze und einem sogenannten Rollenkranz auf dem Kopf. Auch an anderen Feiertagen ist die Glottertäler Tracht der Frauen häufig zu sehen – dafür sorgen Schneiderinnen, die die Tradition am Leben erhalten.

Die Tracht

Anders als in vielen Dörfern wird die Glottertäler Tracht von den Frauen nicht nur in Vereinen getragen; an Sonn- und Feiertagen gehört sie zur üblichen Garderobe einiger traditionsbewusster Frauen. Obwohl die Grundelemente – Rock, Mieder, Jacke, Hut – immer gleich sind, ist doch keine Tracht wie die andere. Besonders die kleinen in Reih und Glied aufgesetzten Perlmuttknöpfe und die Stickereien auf dem Mieder der Glottertäler Tracht fallen auf. Der Fantasie der Näherinnen und Besitzerinnen sind keine Grenzen gesetzt – die Stickereien stellen Blumen dar, oder Weinreben, sind in Gold gehalten oder farbig. Auch die Anordnung der kleinen Knöpfe kann schlicht sein oder ein Zickzackmuster darstellen. Das ärmellose Mieder ist meist aus Samt – egal ob in Grün, Blau, Rot oder Schwarz. Den kleinen Stehkragen zieren Stickereien und Spitze. Die Puffärmel einer weißen Bluse ragen unter dem meist hochgeschlossenen Mieder hervor. Sie sind mit einem Faltenmuster, dem sogenannten Waffelsmok, und Spitze verziert, die häufig in der Familie der Trägerin hergestellt wird.

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Der Rock ist aus einem farbigen Wollstoff und meist wadenlang geschnitten – mal setzt er sich farblich vom Mieder ab, mal ist das gesamte Kleid einfarbig. Aufgesetzte Zierbänder und zum Abschluss eine Zickzack-Borte schmücken den Rock. Darüber trägt die Glottertälerin eine Schürze, meist mit einem farbigen Blumenmuster. Der sogenannte Peter ist eine kurze Jacke aus Samt, Seide oder einem Wollstoff. Sie hat zahlreiche Verzierungen – am Ärmelende und am Kragen. Auf dem Kopf tragen die Frauen einen weißen Strohhut, der mit schwarzem Samt und farbigen Blüten besetzt ist. Lange Samtbänder fallen über den Rücken der Trägerin.

Die Männertracht – schwarze Hosen mit bunt bestickten Hosenträgern, weißes Hemd, Trachtenjacke und meist auch Hut – ist nur noch im Glottertäler Vereinsleben präsent.

Die Näherinnen

Damit die Frauentracht nicht in Vergessenheit gerät, bedarf es einiger fleißiger Hände. Schneiderinnen im Ort ändern tragbare Familienerbstücke ab, ergänzen fehlende Teile der Tracht oder schneidern ein Kleid nach Wunsch neu.

Erst im vergangenen Jahr hat sich Ulrike Tscherter mit ihrer Schneiderei "Ä Stück Schwarzwald" selbstständig gemacht. Bereits ihre Mutter Erna Schafferer hat Glottertal mit Trachten ausgestattet. Ihre Tochter hatte aber zunächst andere Pläne: "Ich wollte nie nächtelang nähen, wie meine Mutter", erzählt Tscherter. Ihre Trachten, die sie an besonderen Tagen und bei Auftritten ihrer Zithergruppe getragen hat, hat sie jedoch immer selbst genäht. Nach einer Ausbildung zur Damenschneiderin arbeitete sie lange beim Theater.

"Ich wollte wieder kreativ sein", erzählt Tscherter. Daher näht sie nun wieder Trachten für andere – so etwa in diesem Jahr für ein Erstkommunionkind. Tscherter stellt auch Taschen, Handyhüllen, Flaschenkühler oder Schlüsselanhänger aus Wollfilz her. Kleine Elemente, wie etwa Zierbänder mit den trachtentypischen Blumen, machen die Accessoires dann zu einem Stück Schwarzwald.

Wie viele Trachten sie schon genäht hat, kann Mathilde Blattmann gar nicht mehr sagen. Mit 15 Jahren machte sie eine Ausbildung zur Trachtenschneiderin. Ihre Finger machen die Arbeiten fast von alleine. Selbst die zarten Stickereien am Mieder macht die heute 80-Jährige noch ohne Vorlage oder Schablone. "Es sieht eben nicht so perfekt aus, wie wenn es die Stickmaschine macht", sagt sie. Blattmann würde jede ihrer geschneiderten Trachten wieder erkennen: "Es gibt keine Tracht zwei Mal – jede ist anders." Die Mode habe sich in all den Jahren immer wieder geändert: "Es gab mal die Minimode – es muss in den 70er Jahren gewesen sein – das war nicht schön", sagt Blattmann. Jetzt sei die Tracht wieder wadenlang und somit festlich und das sei sie eben auch – eine Kleidung nur für besondere Festtage. Mittlerweile macht Blattmann nur noch kleine Änderungen. Die Augen machen nicht mehr mit. "Es ist toll, dass es jetzt junge Schneiderinnen gibt", sagt sie mit einem Leuchten in den Augen.

Stefanie Kunert kommt regelmäßig zu Mathilde Blattmann und lauscht den Geschichten von früher. "Die Techniken muss sie mir nicht mehr beibringen, mich interessiert das Wissen von historischen Gegebenheiten der Tracht", so Kunert, die seit mehr als zehn Jahren in Glottertal lebt. Als sie frisch in den Ort kam und bekannt wurde, dass sie Kostümbildnerin ist, war schnell klar, dass sie eine Nachfolgerin der Näherinnen im Ort sein könnte.

Seither hat sie zahlreiche Trachten genäht, Änderungen vorgenommen oder, wie sie selbst sagt, "Archäologie betrieben". Alte Trachten aus allen Himmelsrichtungen des Schwarzwalds sammelt sie und nimmt sie auch hin und wieder auseinander. "Wenn man dann ein Stück altes Bettlaken aus Leine als Stickunterlage in einem Mieder wiederfindet, zeigt das doch, dass alles wiederverwertet wurde und egal wie arm man war, man doch großen Wert auf eine schöne Tracht legte", erzählt Kunert begeistert.

Die Erstkommunion

Stefanie Kunert hat in diesem Jahr die Trachten von Leonie Herbstritt und Eva-Maria Wisser kommunionstauglich gemacht. Leonies Tracht hat bereits ihre Mutter Claudia zur Kommunion getragen und musste deshalb angepasst werden. Ein blauer Rock und eine weiße Schürze sind bei der Erstkommunion ein Muss. Eva-Marias Tracht und der Peter wurden kleiner gemacht, damit sie am Weißen Sonntag richtig sitzen. Dann werden die Mädchen auch einen Rollenkranz tragen – einen Kranz aus weißen Blüten und zahlreichen Perlen, die in Strängen auch über die Ohren und Schläfen hängen. Weiße Bänder fallen über den Rücken. Das Haar wird zu zwei Zöpfen geflochten und in diese werden schwarze Bänder eingearbeitet.

Dass in diesem Jahr alle zehn Erstkommunionmädchen die Tracht tragen, ist etwas Besonderes. Denn nicht alle möchten das, weiß Gemeindereferentin Veronika Scherzinger von der Seelsorgeeinheit An der Glotter. Deshalb rate sie den Eltern im Vorfeld immer, dass die Mädchen Tracht und Rollenkranz einmal zur Probe tragen sollten. "Sie sollen sich nicht verkleidet fühlen", sagt Scherzinger. Auch sei es eine Kostenfrage: "Ein Rollenkranz kostet etwa 200 Euro." Dennoch habe sie das Gefühl, den Mädchen sei es wichtig, die Tracht tragen zu dürfen.

Am Sonntagmorgen treffen sich die Kommunionkinder beim Gemeindehaus Im Severin. Die Trachtenkapelle Glottertal geleitet sie dann in die Kirche und gibt im Anschluss an den Gottesdienst ein Platzkonzert. "Bei uns ist es selbstverständlich, dass alle Musiker die Tracht tragen", erzählt Christoph Maier, Vorsitzender der Kapelle. Auch die Männer halten sich daran und tragen die bunten Hosenträger, die meist die Frauen in den Familien mit Blumen oder Weinreben besticken. Und das ist aufwendig: "Meine Mutter saß einen ganzen Winter jeden Abend an der Arbeit", erzählt Maier.

Mehr Bilder zur Glottertäler Tracht gibt es unter mehr.bz/tracht16

SWR-dreh über Trachten

Das SWR-Fernsehen hat in den vergangenen Tagen in Glottertal einen Filmbeitrag zum Thema "Glottertäler Trachten" gedreht. Dabei wurden auch die Näherinnen begleitet. Die Sendung wird am Pfingstmontag, 16. Mai, von 18.30 bis 19 Uhr im SWR Fernsehen ausgestrahlt.  

Autor: max

Autor: Sophia Hesser