Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.
30. Juni 2012
Goldjunge im Glashaus
Daniel Herdrich hat bei den Special Olympics die Judo-Goldmedaille geholt/ Kellner mit Schmiss.
LÖRRACH. Wenn’s sein muss, legt er jeden auf die Matte. Doch sein Lieblingslied ist "Ein bisschen Frieden" von Nicole. Vor kurzem hat Daniel Herdrich bei den Special Olympics in München die Goldmedaille im Judo abgeräumt. Seit 33 Jahren trainiert er die Kampfsportart. Tagsüber arbeitet der 42-jährige Kellner im Glashaus – ein integratives Bistro auf dem Chesterplatz. Eigentlich war er gerade im Begriff Gläser zu polieren, aber jetzt macht er einen kleinen Judo-Exkurs.
Noch ehe sein Chef weiß, wie ihm geschieht, schnappt sich Daniel dessen Oberarm, legt ihn über die Schulter und beugt sich nach vorne. Thomas Bossert, Betriebsleiter des Glashauses, verliert das Gleichgewicht. Seine Füße baumeln jetzt in der Luft. Er hängt quer über Daniels Rücken. "Daniel, lass mich wieder runter", ruft er.Ja, auf die leichte Schulter nehmen sollte man Daniel Herdrich nicht, sonst macht er es – und das kann schmerzhaft enden. Kürzlich hat der 42-jährige Kellner mit Down-Syndrom bei den Special Olympics in München Gold geholt. Das war sein Tag. Sein Vater klatschte laut, seine Mutter strahlte und eine la Ola-Welle rollte durch das Publikum – alles nur für ihn. Seit 33 Jahren trainiert er Judo – jede Woche. Zu Hause stemmt er Hanteln.
Werbung
Wenn ihn jemand angreife, könne er sich wehren, sagt Daniel. Notwendig sei es aber noch nie gewesen, sich zu verteidigen. Die meisten sind ihm wohlgesonnen. Bei seinen Arbeitskollegen ist Daniel jedenfalls sehr beliebt.
Bevor um 11 Uhr im Glashaus seine Schicht beginnt, holt er sich erstmal eine heiße Schoki und setzt sich an den Tisch rechts neben der Treppe im ersten Stock. Er nippt dann an seiner Tasse, während unten schon das Geschirr klappert. In der Ruhe liegt die Kraft. Wenn er schließlich den weißen Tassenboden sieht, schaltet er sein Handy aus, steht auf, bindet seine Schürze um, geht runter zum Tresen und klemmt sich den Geldbeutel an seinen schwarzen Gürtel. Der Gürtel, den er im Judo trägt, ist braun. Das bedeutet ihm viel, er ist Ausdruck all dessen, was er schon erreicht hat. Symbol seiner Disziplin und seines Könnens. Und er erinnert ihn an seine Mannschaft. Seine Freunde. Daniel lebt allein, doch er ist gern unter Menschen.
Früher hat er im ersten Stock gespült, doch irgendwann zog es ihn hinunter zu den Gästen. Sein Chef war einverstanden. "Daniel ist halt ein alter Charmeur", sagt Bossert. Ab und zu bekämen die Kolleginnen spontan einen Schmatz auf die Wange. Wenn er einen guten Tag habe, massiere er auch mal verspannte Nacken.
Noch nie habe sie in einem gastronomischen Betrieb gearbeitet, wo die Stimmung so gut sei, sagt Daniels Kollegin Doris Eckstein. Die Bayerin war schon überall: in Bierzelten und in 5-Sterne-Hotels. "I wui nirgends anders mea hin", sagt sie. Auch Ute Schmidt geht es so. So viel Freude macht der 33-jährigen Kellnerin der Job, dass sie ganze vier Ordner über das Glashaus angelegt hat. Voller Zeitungsausschnitte und Fotos. Seit sechs Jahren gehört Daniel zu dieser Truppe. Wie viele hier war er von Anfang an dabei. "Er ist unser Mitarbeiter mit dem größten Freizeitstress", sagt Bossert. Er trainiert Judo, spielt Boccia, telefoniert mit seiner Cousine, bastelt und backt mit seiner Mutter.
Draußen haben sich gerade zwei Damen hingesetzt. Daniel biegt mit einem Lappen um die Ecke und putzt den Tisch ab. Dann nimmt er die Bestellung auf. Dazu beugt er sich ganz dicht über den Notizblock und schreibt erstmal in großen Lettern die Tischnummer auf. Er hat seine eigenen Rituale. Kaum drinnen sagt Doris Eckstein: "Daniel, kannst du die Sechs noch mit Besteck eindecken? Danke." Gut, dass er sich immer die Tischnummer notiert. Auf dem Weg nach draußen balanciert er auf seinem sehnigen Armen ein Tablett. Die Frauen lächeln dankbar – zwei Gläser Wasser. Gott sei Dank. Es ist heiß heute.
Wenn Daniel im Urlaub ist, fragen sie nach ihm. Er gehört zum Glashaus, aber er reist eben auch gern. In New Orleans hat er an einer Häuserwand ein überlebensgroßes Bild von Elvis Presley gesehen. Das hat ihn beeindruckt. Doch Rock ’n’Roll-Legende hin oder her: Im Glashaus gibt es nur einen King.
Autor: Nadine Zeller





