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17. Juli 2010

"Die Menschen sind sehr herzlich"

BZ-INTERVIEW mit Julika Lang aus Gottenheim, die noch bis Ende August an einer Schule in Kolumbien unterrichtet.

  1. Eine Gottenheimerin in Kolumbien: Julika Lang inmitten der Kinder, die sie während ihrer Zeit in Südamerika unterrichtet. Foto: privat

GOTTENHEIM. Am 30. September letzten Jahres stieg die 20-Jährige Julika Lang aus Gottenheim in ein Flugzeug, das sie für zwölf Monate nach Südamerika, ins ferne Kolumbien, bringen sollte. Dort unterrichtet sie in einem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst seit zehn Monaten Englisch, Informatik und Sport an einer Schule in einem Armutsviertel nahe der Millionenstadt Cali. BZ-Mitarbeiterin Charlotte Schulze nahm zu ihr Kontakt auf und sprach mit ihr über ihre Erlebnisse.

BZ: Welche Erwartungen hattest du an deine Zeit in Kolumbien, welche haben sich erfüllt, was hat dich überrascht?
Lang: Ich habe mir vor meiner Reise nicht bewusst ausgemalt, wie es werden könnte, um mir Enttäuschungen zu ersparen. Ich wollte einfach alles auf mich zukommen lassen. Ich hätte jedoch nicht gedacht, dass ich so schöne menschliche Beziehungen zu den Leuten haben würde. Die Menschen hier sind unglaublich gastfreundlich und herzlich. Ich bin mittlerweile nicht nur "die deutsche Freiwillige", auch nicht in meinem Lehrerkollegium, sondern ein Teil von ihnen, von Kollegen und Schülern als Lehrerin anerkannt. An so etwas habe ich vor meiner Reise nicht zu denken gewagt.

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BZ: Vor deinem freiwilligen Dienst in Kolumbien hat dich das Thema Gewalt beschäftigt. Verständlich, wenn das Ziel der Reise ein Land ist, welches eine sehr hohe Anzahl an Gewaltverbrechen hat. War diese Sorge berechtigt?
Lang: Ja, ich denke schon. Es ist tatsächlich so, dass die Gewalt hier allgegenwärtig ist. Kinder gehen in der Schule mit Steinen aufeinander los, eine Mutter will ihr Kind vor der Klasse mit einem Rohrstock bestrafen, weil es geklaut hat. Am Anfang habe ich mich gefragt: Wie können kleine Kinder sich so weh tun? Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass alle diese Kinder die Gewalt jeden Tag zu Hause erleben. Auch haben viele von ihnen schon Schreckliches erlebt, zum Beispiel ein Familienmitglied verloren. Ich denke, es ist wichtig, in der Schule nicht nur mit den Kindern, sondern auch mit den Eltern über Gewalt zu reden. Ich selbst wurde dreimal überfallen. Es ist zwar ärgerlich, trotzdem fühle ich mich sicher und bewege mich frei, denn die meisten Menschen wollen dir nichts Böses tun.
BZ: Welche Erlebnisse haben dich besonders geprägt?
Lang: Von der Sorte gab es sehr viele. Aber es waren besonders die Begegnungen mit den Kindern, die mir viel Freude bereitet haben. Zum Beispiel war ich zwischenzeitlich anderthalb Monate an einer deutschen Schule. Als ich dann wieder zu meiner Klasse in Montebello zurückkam, sind meine Schüler auf mich zugerannt, haben mich umarmt und glücklich "profesooooora Julika" gerufen. Das war für mich wie ein Nach-Hause-Kommen.
BZ: Kolumbien ist eines der vielen Schwellenländer der Welt. Bezeichnend für diese sind häufig soziale Ungleichheiten und eine große Schere zwischen Arm und Reich. Kannst du das bestätigen?
Lang: Ja, leider. Als ich an dem erwähnten Colegio Aleman, einer Privatschule für die reiche Oberschicht von Cali, war, habe ich mich sehr oft über die Ignoranz der Wohlhabenden gegenüber den Missständen in ihrem Land geärgert. Aber es gibt natürlich auch jene, die durch Spenden und Projekte gegen die Armut anzukämpfen versuchen. Leider sind das noch viel zu wenige. Es ist ein Teufelskreis, aus dem man nur schwer ausbrechen kann. Arme bleiben arm, Reiche reich.
BZ: Was nimmst du aus dieser Zeit für deine Zukunft mit?
Lang: Ich habe hier in Kolumbien sehr viel gelernt. Zum Beispiel lasse ich mich nicht mehr so leicht aus der Ruhe bringen. Die Kinder haben mich gelehrt, geduldig zu sein. Ich werde für mein weiteres Leben auf jeden Fall sehr viel mitnehmen.
BZ: Bevor du nach Kolumbien gegangen bist, wolltest du Lehrerin zu werden. Hat sich dieser Berufswunsch jetzt bestätigt?
Lang: Auf jeden Fall. Ich bin von diesem Beruf begeistert. Besonders freue ich mich auf bessere Unterrichtsverhältnisse in Deutschland. Hier in Kolumbien muss ich vor die Türe des kleinen Klassenzimmers treten, damit die Schüler was sehen können, wenn sie etwas von der Tafel abschreiben sollen. Auch ist es oft eine große pädagogische Herausforderung, die Kinder in Schach zu halten.
BZ: Am 31. August heißt es für dich Abschied nehmen. Wird bei dir die Wehmut, dieses Land nach einem Jahr zu verlassen, oder die Freude nach Hause zu kommen überwiegen?
Lang: Ich denke, der Abschied von den Kindern, der Schule und meinen kolumbianischen Freunden wird mir sehr schwer fallen. Als ich nach Kolumbien kam, habe ich einen Kulturschock erlitten. Alles ist sehr laut in der Stadt: Autos hupen und qualmen, Männer schreien einem Komplimente hinterher. Wenn ich nach Deutschland zurückkehre, werde ich aber um einen erneuten Kulturschock wohl auch nicht herumkommen. Hier sind die Menschen eher anonym. Aber ich werde mich wohl schnell wieder einleben. Natürlich freue ich auch auf zu Hause, auf meine Familie und Freunde, mein Pferd, deutsches Brot, Apfelkuchen und auf die Jahreszeiten. 12 Monate Sommer immer bei Temperaturen um die 30 Grad können doch ganz schön anstrengend sein.

Autor: csc