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12. Dezember 2009

GLOCKEN-KLANG: Glockenpaare aus alt und neu

Schon weggebracht zum Einschmelzen, entkamen zwei der alten Gottenheimer Glocken dem verheerenden Luftangriff von 1945

  1. Die Nummer 1 im Turm: die „Dreifaltigkeitsglocke“ ist die größte der vier Gottenheimer Kirchenglocken. Foto: mario schöneberg

  2. Messnerin Susanne Eberle mit Sohn Lukas vor der Schalttafel der Kirche mit der manuellen Glockensteuerung. Foto: Mario Schöneberg

GOTTENHEIM. "Alt und Jung begegnen sich" – dieser Name einer Bürgergruppe in Gottenheim passt auch für die vier Glocken im Turm der Sankt-Stephans- Kirche. Denn zwei von ihnen stammen aus der Erbauungszeit der Kirche, die anderen wurden vor 20 Jahren gegossen.

Die große "Dreifaltigkeit" ist mit ihren 1324 Kilogramm und einem Durchmesser von 1,26 Metern der Chef im Gottenheimer Glockenstuhl. Sie ist auch im Läutplan die Nummer eins und hat den Schlagton "es". Außerdem hat sie ein Schlagwerk, um die Uhrzeit anzuzeigen. Doch mit ihren 20 Jahren ist sie noch recht jung. Viel interessanter sind die Geschichten, die sich um die zwei mittleren Glocken ranken. "Gallus und Agatha" – benannt nach dem Gottenheimer Ortspatron Gallus und Agatha, einer weiteren Schutzheiligen der Kirche – und ihre unbenannte kleinere Schwester wurden am 4. November 1726 von den Brüdern die Rossier direkt vor der Kirche gegossen. Sie sind mit den Schlagtönen "ges" und "b" die Nummern zwei und drei im Läutplan, haben Durchmesser von 1,12 Metern sowie 88 Zentimetern und wiegen 780 und 450 Kilogramm.

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Aus welcher Legierung sie bestehen, weiß man nicht genau, berichtet Messnerin Susanne Eberle. Aber man erzähle sich, dass die Leute im Dorf damals einiges an Metall zusammengetragen haben, um für ihre gerade im Bau befindliche Kirche Glocken gießen zu können. In jedem Falle muss das Material dadurch nun so exotisch geworden sein, dass es nicht zur Waffenproduktion taugt. Die Glocken wurden zwar wie viele andere auch im Mai 1942 abgeholt um eingeschmolzen zu werden. Doch weil sie unbrauchbar waren, verbrachten sie die Kriegswirren in einem Hamburger Glockenlager und durften im Januar 1948 wieder zurück. Damit hatten sie doppelt Glück, denn der Gottenheimer Kirchturm, in dem zeitweilig eine Funkstation versteckt war, wurde 1945 bei einem Bombenangriff zerstört. Man vermutet zudem, dass eine kleine Glocke namens "Ave Maria" nicht abgeholt wurde und mit dem Turm zerstört wurde.

Auch die 1727 geweihte Kirche wurde schwer beschädigt. Bis zum Wiederaufbau 1953/54 war der Glockenstuhl auf dem Kirchhof aufgebaut. Der neue Glockenturm wurde mit 27 Metern etwas höher gebaut, die vier Glocken hängen nebeneinander unterm Dach und ihr Geläut ist weithin vernehmbar. Kleinste im Bunde ist "Petrus und Paulus" mit dem Schlagton "des". Sie wiegt 240 Kilogramm und hat einen Durchmesser von 74 Zentimetern. Sie wurde wie die große "Dreifaltigkeit" 1989 bei der Firma "Karl Metz" in Karlsruhe gegossen.

Zum Glück gebe es einen Läutecomputer, erzählt Susanne Eberle, 41-Jährige Mutter von fünf Kindern, die seit 12 Jahren als Messnerin in Sankt Stephan tätig ist. Nur ausnahmsweise müsse sie die elektrisch betriebenen Glocken per Hand ansteuern. Bei der Wandlung im Gottesdienst zum Beispiel, hier erklingt die Nummer drei. Außerdem hängt neben dem Computer ein genauer Plan, wann oder zu welchem Anlass welche Glocke wie lange zu läuten hat. Täglich von morgens um sechs bis abends um zehn wird viertelstündlich die Uhrzeit geschlagen. Morgens, Mittags und Abends erklingt das Angelusläuten, Samstag um 16 Uhr wird zudem der Sonntag eingeläutet. Eine halbe Stunde und zehn Minuten wird vor jeder Messe geläutet, bei einer Hochzeit erklingen die Glocken eins bis drei zehn Minuten vor Beginn, bei einer Taufe 15 Minuten vorher. Eins, drei und vier wiederum begleitet die Trauernden auf ihrem Gang zum Friedhof. Alle Glocken miteinander werden nur bei Hochfesten und zu besonderen Anlässen geläutet. Beim "Scheidläuten" erklingt für einen verstorbenen Mann zu Beginn die mittelgroße Glocke zwei, bei einer Frau die hellere drei.

Autor: Mario Schöneberg