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02. Oktober 2008
"Jetzt ist der Zeitpunkt, Weichen zu stellen"
BZ-Gespräch mit Volker Kieber, Bürgermeister von Gottenheim: Für 2009 bündeln sich Entscheidungen zu langfristigen Vorgaben der Ortsentwicklung
GOTTENHEIM Wie entwickelt sich ein Dorf vor dem Hintergrund des einsetzenden demographischen Wandels? Für Volker Kieber, seit nunmehr gut vier Jahren Bürgermeister der Gemeinde Gottenheim, ist dies eine der zentralen Herausforderungen der Kommunalpolitik. Die Sorge um ältere Bürger, die Ansiedlung von Familien und die Betreuung von Kindern sind Themen, die in dem Dorf am Tuniberg derzeit auch ganz aktuell auf der Tagesordnung stehen. Manfred Frietsch und Mario Schöneberg sprachen darüber mit dem Bürgermeister.
BZ: Herr Kieber, wie viele Einwohner wird Gottenheim im Jahr 2015 haben?Kieber: Derzeit haben wir etwas über 2500 Einwohner, doch für die Zukunft gibt es bei so kleinen Gemeinden keine genauen Prognosen vom statistischen Landesamt, sondern nur Durchschnittswerte für den Landkreis. Und demnach wäre die Zahl in Gottenheim leicht rückläufig, so auf 2400. Doch wir haben in der Gemeinde eine eigene Prognose, gerade auch wegen dem Baugebiet Steinacker/Berg. Schon allein von den 32 gemeindeeigenen Bauplätzen her sind 60 Kinder plus deren Eltern sicher, praktisch alles Zuzüge. Hinzu kommen noch die 110 privaten Bauplätze, so dass wir mit bis zu 400 neuen Einwohnern rechnen.
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BZ: Werden darunter auch Neubürger sein, die in einem "Arche- Haus" wohnen?
Kieber: Wir wollten mit den Arche-Leuten eigentlich schon einen Notartermin machen, doch sie möchten erstmal eine Bauvoranfrage beim Landratsamt abwarten, ob sie die vorgesehenen 20 Wohneinheiten auch genehmigt bekommen. Auch die Finanzierung für den Bauplatz steht schon, nur für das Gebäude selber werden noch Mittel gesucht.
BZ: Sie haben auch die Idee eines Generationenhauses im Bereich der Schule. Welche Entscheidungen müssen dafür getroffen werden?
Kieber: Generationenhaus würde ich das nicht nennen, eher Gemeinschaftshaus. Oder als Vision Familienzentrum. Aber das ist wirklich noch eine Vision. Dennoch ist es jetzt der Zeitpunkt, um für Gottenheim in diesem Bereich die Weichen neu zu stellen. Sowohl baulich als auch finanziell. Der Kindergarten hat großen Sanierungsbedarf, zugleich haben wir aber ein schönes Schulhaus, mit zwölf Räumen, aber nur fünf Schulklassen. Daher die Idee, den Kindergarten in die Schule zu integrieren und die Hauptschule mit derzeit nur zwölf Schülern in der kombinierten fünften und sechsten Klasse aufzugeben. Und das möglichst zum kommenden Schuljahr schon, also im September 2009. Damit wir dann umbauen und im Jahr darauf den Kindergarten in das Schulgebäude integrieren können.
BZ: Wie steht es mit der Kleinkindbetreuung, was sagt die Kirche als Kindergartenträger dazu?
Kieber: Eine Sanierung des Kindergartens würde 870 000 Euro kosten, ein Neubau rund eine Million. Auch daher liegen die Überlegungen in Richtung Schule nahe, die zur Hälfte leer steht. Wenn die Hauptschule ganz nach Bötzingen geht – ab Klasse 7 sind die Schüler ja jetzt schon dort – haben wir acht Räume frei. Ich bin mir im klaren, dass das kein einfacher Weg ist, es sind viele Menschen beteiligt, die muss man überzeugen. Das erste Ziel ist es, schon ab dem ersten Quartal 2009 in der Schule eine Kleinkindbetreuung anzubieten. Der Bedarf ist da, aber aktuell kann der Kindergarten das nicht leisten, denn wir haben auf verlängerte Öffnungszeiten umgestellt, so dass altersgemischte Gruppen mit Kleinkindern wegfallen. Die Kirche, als Träger des Kindergartens, hat angedeutet, sich an den Kosten mit bis zu fünf Prozent zu beteiligen. Wir müssen uns nun fragen, wollen wir das, oder machen wir es selber.
BZ: Was sagen der Gemeinderat und die Leute im Dorf dazu?
Kieber: Es gibt sicher einige, die sagen, wir machen doch nicht noch eine weitere Baustelle auf. Vom Gefühl her würde ich aber sagen, im Gemeinderat sind wir auf einem guten Weg. In der Schule haben wir später sicher auch die Möglichkeit, ein Mittagessen anzubieten, der Wunsch dafür ist auch bei Kindergarteneltern da. Schafft man so ein Angebot, könnten dort auch ältere Menschen essen. Wir dürfen ja nicht übersehen, dass es immer mehr allein lebende alte Menschen gibt. Ich denke, das Jahr 2009 wird ein Planungs- und Exkursionsjahr, wo wir viel anschauen werden, und das mit wissenschaftlicher Begleitung. Auf dieser Basis können wir dann entscheiden, was wir umsetzen können.
BZ: Gerade für alte Menschen, aber auch für Familien, ist die Infrastruktur am Ort wichtig. Ihr Versuch, vor zwei Jahren eine Markthalle zu etablieren, hat jedoch keine Fortsetzung gefunden. Woran lag das?
Kieber: Die Nahversorgung ist ein echtes Manko in der Gemeinde. Die Markthalle war der Versuch, örtliche Betriebe einzubinden, ohne Konkurrenz von außen. Die Leute reden heute noch davon ! Gescheitert ist es letztlich an der Doppelbelastung für die Betriebe. Gespräche mit Supermarktketten scheitern immer an der zu geringen Einwohnerzahl, auch gibt es hier Angebote in Umkirch und Bötzingen. Vielleicht versuchen wir mal einen Wochenmarkt.
BZ: Noch mal der Blick auf 2015. Gottenheim hat dann ein großes Neubaugebiet, aber viele leer stehende oder wenig genutzte Anwesen im Ortskern. Wie kann man da gegensteuern?
Kieber: Da haben wir als Gemeinde wenig Handhabe. Da ist der Gesetzgeber gefordert, Steuerungsmöglichkeiten zu schaffen, um gegen Leerstand vorzugehen. Wir werden im Gottenheim demnächst mal eine Bestandsaufnahme machen, denn ich kenne jetzt schon genug Beispiele! Oft haben die Bewohner der Anwesen aber auch kein Geld um zu investieren, also um für sich eine kleiner Wohneinheit zu schaffen und den Rest zu vermieten. Dabei gäbe es genug Nachfrage von außen, gerade nach kleineren Wohneinheiten. In jedem Fall werden wir keine weiteren neuen Bauflächen erschließen, wenn im Dorf Wohnraum leer steht.
BZ: Ein großes Anliegen von Ihnen ist das bürgerschaftliche Engagement. Wie haben sich die Bürgergruppen entwickelt?
Kieber: Die haben es oft nicht leicht. Zum Beispiel Alt und Jung begegnen sich machen einen tollen Job, leider sind es nur wenige, die sich hier engagieren. Ich hoffe, dass hier auch das Arche-Projekt Verstärkung bringen wird. Gut läuft die Bürgerscheune, eine wirkliche Bereicherung für die Gemeinde. Eher im Hintergrund arbeitet die Gruppe Dorfgeschichte, die Gruppe Naturschutz, bestehend aus nur zwei Personen, hat schon einiges bewegt und in Sachen Dorfverschönerung/Tourismus sind besonders die Landfrauen engagiert. Viele Mitglieder haben zudem Patenschaften für Baumscheiben übernommen. Die Gruppe schöner Spielraum Kindergarten hat viel erreicht, und ist nun in einer anderen Gruppe aufgegangen. Was wir unbedingt verbessern müssen, ist, dass die Gruppen sich regelmäßiger austauschen. Die Gemeinde muss die Arbeit der Ehrenamtlichen zudem mehr und besser begleiten.
BZ: Das Landschaftstheater "das doppeltes Karottchen", die erste Weinprinzessin aus Gottenheim und die Stadtwette – haben diese Höhepunkte des Jahres eine nachhaltige Wirkung für Gottenheim?
Kieber: Ich denke ja. Das Theater hat Gottenheim viel bekannter gemacht, es kommen seitdem mehr Leute ins Dorf. Aber es hat auch die Identifikation der Bürger mit ihrem Ort gestärkt. Gerade bei der Stadtwette hat man das gesehen, früher wäre es nicht möglich gewesen, so viele Menschen zusammen zu bringen. Doch mit dem neuen Wir-Gefühl haben sich die Leute gesagt, wir Gottemer schaffen das. Und fürs Rathausteam war die Organisation echtes Teambuilding. Und die Weinprinzessin, das wird hier auch als eine echte Auszeichnung für unsere Winzer verstanden. Denn seit einigen Jahren versucht die Genossenschaft, die Qualität im Weinbau, der fast ausschließlich ja im Nebenerwerb betreiben wird, zu stärken.
BZ: Erfolg hat Gottenheim auch als Gewerbestandort. Geschieht dies auf Kosten der Nachbarn?
Kieber: Wenn man das regional betrachtet, haben sich die Strukturen sogar verbessert. Innovative Firmen aus de Region können hier bei uns ihre Produktionsabläufe verbessern und schaffen so auch zusätzliche Arbeitsplätze. Vorher hatten sie echte Flächenprobleme. Außerdem sind die Firmen auf mich zugegangen, nicht umgekehrt, ich habe niemanden abgeworben. Dennoch stehen wir natürlich auch im Wettbewerb. Aber auch darum muss sich die Infrastruktur bessern. Warum sollten nicht auch die Firmen mit uns bei der Kleinkindbetreuung kooperieren? Und ein Mittagstisch in einem Gemeinschaftshaus, der könnte auch für Beschäftigte aus dem Gewerbegebiet von Interesse sein.
zur Person: Volker Kieber (46) ist Forstingenieur und seit September 2004 Bürgermeister von Gottenheim. Dort wohnt er auch mit seiner Frau und zwei Kindern.
Autor: schö
