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10. Dezember 2011
Lebendiges Bild des Alten Gottenheim
In bürgerschaftlichem Engagement wurde das Buch "Gottenheimer Erinnerungen" verfasst.
GOTTENHEIM. Rechtzeitig zum Bücherherbst, der mit vielen Neuerscheinungen, Buchmessen, Lesungen und dem anschließenden Weihnachtsgeschäft wichtigsten Saison für den Buchmarkt, hat die Gemeinde reich bebilderte "Gottenheimer Erinnerungen herausgegeben". Das rund 180 Seiten starke Buch ist die Frucht einer mehrjährigen Arbeit, die von Mitgliedern der Bürgerengagement-Gruppe "Ortsgeschichte" geleistet wurde.
Die aus der Zukunftswerkstatt 2006 entstandene Gruppe hatte in den letzten Jahren Bilder, schriftliche und mündliche Erinnerungen gesammelt. Richard Hunn als Leiter und seine Mitstreiter Armin und Willi Schätzle sowie Anton Sennrich trugen über 1000 Fotografien zusammen, die ältesten dabei aus der Zeit vor und während des Ersten Weltkrieges. Dazu befragten sie ältere Mitbürger und suchten auch nach schriftlichen Aufzeichnungen in Gottenheimer Familien sowie nach Dokumenten in den Archiven der Gemeinde und der katholischen Pfarrgemeinde. Das Ziel war es dabei, ein möglichst auch am Alltag orientiertes Lebensbild des alten Gottenheims zu zeichnen, so wie es bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts bestanden hatte. Das ist in den gut lesbaren Texten auch gelungen, die mit vielen Zitaten der befragten Gottenheimer angereichert sind, einige davon sind auch im Dialekt wieder gegeben.
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Gemessen an der langen Geschichte des Ortes, dessen erste Erwähnung in einer Urkunde des Klosters Sankt Gallen sich dieses Jahr zum 925. Mal jährte, umfasst das Buch natürlich nur eine kurze Spanne Zeit. Aber am Beginn des Buches steht ein kurzer geschichtlicher Überblick, wobei sich die Anfänge im Dunkel der Zeitenwende von der Spätantike zum Frühmittelalter verlieren. Waren die Dorfgründer Zuwanderer aus den um das Jahr 500 von den Alamannen zu Gunsten der Franken geräumten nördlichen Gebieten, worauf vielleicht der häufige Familienname Hess hindeutet, aber auch der Name Hunn, wie es in einem kurzen Beitrag des Buches erwähnt wird? Oder gibt es doch einen Zusammenhang mit Goten und Hunnen, die ja im 5. Jahrhundert auch am Oberrhein unterwegs waren? Solchen Spekulationen kann das Buch natürlich nicht aufklären. Kurz gestreift wird die Zeit des 30-jährigen Krieges, als das Dorf am 17. Juni 1632 in Schutt und Asche gelegt wurde. Danach kamen neue Zuwanderer, von denen sicher viele der heute einheimischen Gottenheimer Familien abstammen dürften.
Ausführlicher werden die Revolutionsjahre 1848/49 geschildert, nicht zuletzt auch, weil sich aus dieser Zeit in Familien überlieferte Erinnerungern erhalten haben. So wird ein Lebensbild des späteren Gottenheimer Bürgermeisters Leo Schätzle gezeichnet, der nach er Niederschlagung der Revolution 1849 in die USA geflohen war. Die Darstellungen aus der Zeit der zwei Weltkriege enthalten einige solcher Lebensbilder, die weiteren Texte sind mit Schilderungen von Zeitzeugen oder ihren Nachfahren bereichert. Das macht die Lektüre sehr persönlich und anschaulich. Deutlich wird aber auch, dass selbst ein so unscheinbares Dorf wie Gottenheim von den Schrecken dieser Zeiten erreicht wurde. Da ist etwa das Schicksal des Ottmar Schwenninger, der als Soldat im Ersten Weltkrieg psychische Folgeschäden davontrug und später in den Euthanasieaktionen der Nazis in Grafeneck ums Leben kam. Dramatisch liest sich auch das Schicksal der nach Sibirien verschleppten Luise Schätzle. Und natürlich fehlen nicht Schilderungen der todbringenden Luftangriffe im Dezember 1944 und am 24. Februar 1945, als der Kirchturm zerstört wurde.
Den größten Raum gibt das Buch aber dem Leben und Arbeiten im Dorf in der Zeit bis vor rund 50 Jahren. Dazu kommen Erinnerungen an das Schulleben früherer Jahre, an die Kirche und an kauzige Originale, über die noch lange nach ihrem Tod Anekdoten erzählt wurden. Da dazu jede Menge anschauliches Bildmaterial zusammengetragen wurde, entsteht ein lebendiges Bild des alten Gottenheims. Die Einheimischen können hier vergessen Geglaubtes und Vertrautes wieder auffrischen, die seit den 50er Jahren Zugezogenen und die vielen Neubürger erfahren hier Vieles über ihre neue Heimat am Tuniberg. Kurzum – das Buch gehört eigentlich unter jeden Gottenheimer Weihnachtsbaum.
Autor: Manfred Frietsch
