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12. Oktober 2011

Marktpläne interessieren die Bürger

Gut besuchte Bürgerversammlung zu Gottenheimer Marktplänen / Die Lage am Ortsrand wirft aber einige Fragen auf.

  1. Gut besucht war die Bürgerversammlung zum Thema Einkaufsmarkt in Gottenheim. Als Standort ist das Bergle gegenüber dem Landmaschinenhandel vorgesehen. Links des jetzigen Feldwegs käme der Markt hin, rechts davon die Parkplätze. Foto: Manfred Frietsch

GOTTENHEIM. Die seit einem Jahr vom Gemeinderat verfolgten Überlegungen zur Ansiedlung eines Netto-Lebensmittelmarktes wurden am Montag einer Bürgerversammlung vorgestellt, zu der rund 150 Gottenheimer kamen. Nach den Informationen von Fachleuten gab es eine rege Diskussion. Vor allem ging es darum, ob ein solcher Markt die Grundversorgung am Ort verbessern und den im Ortskern vorhandenen kleinen Geschäften eher nutzen oder schaden würde.

Bürgermeister Volker Kieber erinnerte an die 2006 vorgenommene Bürgerbefragung der Gemeinde, bei der die Schaffung besserer Einkaufsmöglichkeiten das meist genannte Anliegen gewesen sei. Jetzt habe man mit dem Edeka-Markendiscounter Netto einen konkreten Interessenten, für den aber nur ein Platz im Gemeindegebiet in Frage komme: im Bergle, am Ortseingang von Bötzingen her, noch vor der S-Bahn-Linie.

Doch braucht Gottenheim überhaupt einen eigenen Einkaufsmarkt, und taugt die Gemeinde als Standort? Diese Fragen prüfte ein Gutachten der Freiburger Beratungsgesellschaft BBE, deren Chef Manfred Noppel zugleich dem Handelsverband Südbaden vorsteht. Joachim Schupp, BBE-Prokurist, erläuterte, dass die Kaufkraft der Gottenheimer Bevölkerung – sie liegt pro Kopf etwas höher als in Ihringen und vor allem in Bötzingen– etwa 5,3 Millionen Euro für Lebensmittelausgaben ergebe, sowie weiter jeweils knapp eine Million Euro Ausgaben für das Lebensmittelhandwerk sowie für Drogerieartikel und sonstige Waren des kurzfristigen Bedarfs wie Schreibwaren. Derzeit flössen aber rund 80 Prozent der Kaufkraft in Nachbarorte ab, in erster Linie nach Umkirch mit seinem großen Edeka-Markt und Aldi, gefolgt von Buchheim (neuer Edeka, Treff und Penny) sowie Bötzingen (Rewe, Treff). "Gegen diese Kaufkraftabflüsse müssen Sie sich wehren, wenn der Ort attraktiv bleiben will" meinte Schupp. So könnten mit einem Netto-Markt als Magneten im Bereich Lebensmittelhandel künftig 45 Prozent der Kaufkraft oder knapp 2,4 Millionen Euro am Ort bleiben, im Bereich Drogerieartikel etwa 20 Prozent oder rund 120 000 Euro. Hinzu käme noch eine Million Euro Kaufkraftabschöpfung von Kunden aus dem Umland, in erster Linie aus Wasenweiler sowie vom Durchgangsverkehr. Denn natürlich nehme der Marktstandort die erwartete Änderung der Verkehrsströme auf: Über die Hälfte des bisherigen Verkehrs auf der Hauptstraße wird entfallen, wenn im nächsten Jahr die B 31 neu von Umkirch bis zur Landesstraße 115 nach Bötzingen fertig sein wird. Dann läge der geplante Netto-Markt exakt an der neuen Route, die der durchfahrende Verkehr zwischen Breisach/Wasenweiler und Freiburg/Umkirch durch den Ort nehmen wird.

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Ein großer Markt als Kundenmagnet könnte auch den ansässigen Kleinhandel sowie Bäcker, Metzger, Apotheke und örtliche Dienstleister fördern, wenn Kunden den Marktbesuch mit weiteren Einkäufen und Erledigungen verbinden. Der Standort, darauf berief sich Bürgermeister Volker Kieber, liege für über 40 Prozent der Gottenheimer maximal einen halben Kilometer entfernt. Gedacht ist an eine Verkaufsfläche von 800 Quadratmetern, 74 Parkplätze und ein Sortiment von etwa 4500 Artikeln. Käse, Wurst und Fleisch gäbe es nur abgepackt. Anders bei Backwaren: Hier wäre ein Backshop im Eingangsbereich vorgesehen. "Da müsste der örtliche Bäcker rein" meinte Schupp, was wohl heißen sollte: Geschähe dies nicht, käme eine der großen Bäckereiketten.

Ausführlich nahmen Stadtplaner Bernd Fahle und Landschaftsarchitekt Michael Glaser zur Wahl des Standorts Stellung. Eine zentralere Lage, etwa Bolzplatz an der Schule oder Bahnhofsbereich, sei aus Platzmangel und wegen anderer dort von der Gemeinde verfolgter Infrastrukturpläne nicht möglich. Und das Gelände am Hinterfalterweg jenseits der Gleise, zwischen Bahnhof und Gewerbegebiet, scheitere an der fehlenden Straßenanbindung und sei zudem ein Überschwemmungsgebiet. Der insgesamt bis zu 5500 Quadratmeter umfassende Eingriff ins Bergle mit seinen kleinteiligen Gärten und Feldern als Teil des regionalen Grünzugs sei wegen des Anliegens der Grundversorgung vertretbar. Dafür sorge man für ökologische Ausgleiche an anderer Stelle, erklärte Glaser. Bürgermeister Kieber ergänzte später auf eine Frage hin, dass auf der Westseite der Bötzinger Straße (L 115) ein Fußweg über die Bahnlinie so angelegt werde, dass man problemlos zum Markt laufen könne.

Wenn auf der S-Bahn-Strecke in einigen Jahren der Viertelstundentakt komme, werde es lange Schließzeiten der Bahnschranken mit entsprechenden Fahrzeugschlangen geben, meinte ein Bürger. Planer Fahle meinte dazu, dies geschehe, auch wenn kein Markt dorthin komme. Einige Bürger bezweifelten, dass wegen der trennenden Wirkung der Bahnlinie viele Bürger zu Fuß oder mit dem Rad kommen würden. Der Markt sei vor allem auf Autokundschaft ausgelegt, diese aber werde kaum noch zusätzlich Metzger, Bäcker, Kleinhändler und Dienstleister im Ort aufsuchen, zumal es dort ungünstige Parkbedingungen gebe. Wenn diese aber verdrängt würden, fehle ihre Qualität und man sei von Netto abhängig, jedoch ohne Garantie, dass dieser Markt langfristig bleibe.

Gemeinderätin Miriam Engelhardt vermisste die ernsthafte Suche nach Alternativen für die Sicherstellung der Grundversorgung. Gerade für die zunehmende Zahl alter Menschen müsse man etwa überlegen, organisierte Einkäufe zu ermöglichen. Sie stellte auch in Frage, dass die Marktansiedlung auch auf Kunden von außerhalb setze, wenn gleichzeitig – wie Schupp und Fahle selbst erklärt hatten, in vielen Gemeinden Vorhaben der Neuansiedlung oder Vergrößerung von Märkten laufen, wie in Bötzingen, Ihringen oder Umkirch.

Andere Bürger plädierten dafür, jetzt die Chance, einen richtigen Markt zu bekommen, nicht verstreichen zu lassen. Gerade weil man sich dann Einkaufsfahrten nach auswärts ersparen könne, würden vielleicht mehr Leute auch die Zeit finden, die kleinen, auf hohe Qualität ausgerichteten Anbieter im Ortskern aufzusuchen. "Die anderen Gemeinden lachen uns aus" warnte Walter Hess unter viel Beifall davor, die Marktansiedlung zu verschlafen.

Bürgermeister Kieber erklärte, man werde im Gemeinderat weiter beraten. Er zeigte sich zuversichtlich, dass man alle nötigen Grundstücke bekommen könne.

Autor: Manfred Frietsch