"Entscheidung treffen nur Fachleute"

Ralf Staub

Von Ralf Staub

Mi, 10. Juli 2013

Grenzach-Wyhlen

BZ-INTERVIEW mit Georg Lutz, Fachbereichsleiter Umwelt beim Landratsamt und Vorsitzender der Altlastenbewertungskommission.

GRENZACH-WYHLEN. Seit bekannt ist, dass mit den Chemiealtlasten in der Kesslergrube unterschiedlich verfahren werden soll, wächst die Kritik auch an der Altlastenbewertungskommission des Landes, die im Frühjahr die Grundsatzentscheidung getroffen

hat, dass sowohl die Totalräumung, wie sie die Firma Roche für ihren Teil vornehmen will, als auch die Einkapselung, wie sie BASF vorhat, nicht zu beanstanden sind. Ralf Staub hat beim Vorsitzenden der Kommission nachgefragt. Georg Lutz, promovierter Chemiker, ist zugleich der Fachbereichsleiter Umwelt beim Landratsamt Lörrach.

BZ: Herr Lutz, viele Menschen in Grenzach-Wyhlen können nicht nachvollziehen, warum die Räumung einer Grube gleichwertig sein soll mit einer Einkapselung. Der Schweizer Altlastenexperte und Chemiekritiker Martin Forter hat gar Zweifel an der Kompetenz der Kommission geäußert. Wie sind Sie zu Ihrer Entscheidung gekommen?
Lutz: Die Äußerungen von Herrn Forter bezüglich der Kompetenz der Kommission will ich nicht kommentieren. Aber ich kann erläutern, wer alles in der Kommission sitzt: Das sind die Altlastenexperten der Landesanstalt für Umweltschutz in Karlsruhe, des Regierungspräsidiums und des Landesamts für Rohstoffe, Geologie und Bergbau. Auch wir als Landratsamts sind mit verschiedenen Fachleuten und Altlastenexperten vertreten und haben gleichzeitig den Vorsitz in der Kommission. Die Kommission setzt sich also aus einer breiten Sparte von Fachleuten wie Geologen, Hydrologen, Chemikern und Technikern zusammen. Die Kommission kann Altlasten insofern profund beurteilen. Es ist für alle in der Kommission auch nicht die erste Altlast, die bewertet wird. Die rechtlich Grundlage ist dabei das Bundesbodenschutzgesetz. Und das lässt sowohl die tatsächliche Beseitigung als auch die Sicherung in Form einer kompletten Einkapselung zu.

BZ: Sitzen auch Vertreter der Industrie in der Kommission?
Lutz: Nein. Die Firmen und die von ihnen beauftragten Ingenieurbüros wurden von uns eingeladen, um ihre Sanierungskonzepte vorzustellen, die intensiv erörtert wurden. Bei der Entscheidung der Kommission haben aber dann weder die Firmenvertreter noch die Ingenieurbüros ein Mitspracherecht. Die Entscheidung treffen nur die Fachleute aus der Verwaltung.


BZ: Woher kamen denn die Vorschläge, auf welche Weise saniert werden soll?
Lutz: Die Vorschläge kommen von den Untersuchungsbüros, im Übrigen alles renommierte und erfahrene Firmen. Die würden sich hüten, uns irgend etwas unterjubeln zu wollen. Wir sind so kompetent aufgestellt, nicht taugliche Sanierungskonzepte würden wir sicher als solche erkennen und zurückweisen. Interessant ist auch, dass beide Fachbüros, also auch das von Roche beauftragte, zu dem Schluss kommen, dass eine Einkapselung der BASF-Grube unter den gegebenen Umständen die beste Lösung ist.

BZ: Die Kommission hat ihre Grundsatzentscheidung zu einem Zeitpunkt getroffen, als die Diskussion um die Ansiedlung der Firma Zimmermann noch in vollem Gange war und davon ausgehen musste, dass die Entsorgungsfirma kommt. Tatsächlich aber hat der Gemeinderat eine Veränderungssperre beschlossen, die – Stichwort Industriekläranlage – Einiges auf den Kopf stellt. Müsste die Kommission nicht unter den veränderten Prämissen neu beraten?
Lutz: Nein, auch ohne das Zimmermann-Projekt wäre die Entscheidung über die Sanierungsvarianten und deren Zulässigkeit so ausgefallen. Die Kläranlage und die anderen Infrastrukturanlagen sind auf dem Gelände, die Gemeinde und die BASF benötigen die Kläranlage. Selbst wenn der industrielle Teil nicht mehr benötigt wird, die kommunalen Teile braucht die Gemeinde weiterhin. Falls die Gemeinde allerdings tatsächlich neue Wege gehen sollte, könnte man neu nachdenken – in Abhängigkeit von einer ganz anderen Nutzung des Geländes.

BZ: Ist es dann nicht zu spät, wenn die Altlast erst einmal eingekapselt ist? Dann ist doch BASF aus dem Schneider?
Lutz: Nein, die Einkapselung ist in jedem Fall eine geeignete Sicherung der Altlast und die BASF ist auch verpflichtet, für die dauerhafte Sicherung zu sorgen. Weit in die Zukunft gedacht – eine ganz andere Nutzung des Geländes unterstellt – könnte man natürlich über einen Totalaushub nachdenken und die Einkapselung als ersten Schritt der Grubensanierung ansehen. Aber nochmals: Vom Bodenschutzgesetz her sind im Falle der Kesslergrube das Ausräumen und die Sicherung als gleichwertige Methoden anzusehen.

BZ: Wir liegen hier ja im Rheingraben, einer Erdbebenzone. Ist das auch in die Entscheidung der Kommission eingeflossen?
Lutz: Die Altlasten liegen jetzt seit gut 40 Jahren in der Grube. Jetzt werden sie komplett eingekapselt – die Wände sind einen Meter dick. Wenn sich ein so starkes Erdbeben ereignet, dass dieses Bauwerk Risse bekäme, dann wäre dies sicher eines unserer kleinsten Probleme: Denken Sie nur daran, was bei einem solchen Erdbeben an Schäden an Gebäuden, Krankenhäusern, Gewerbe- und Industrieanlagen aufträten – mit allen Folgen für die Bevölkerung. Erdbebensicherheit ist bei Atomkraftwerken sicher ein relevantes Thema, aber nicht bei einer gesicherten Deponie.

BZ: In der Hirschackergrube sind bei der Hotspot-Sanierung die Bereiche der Grube ausgehoben worden, wo die besonders kritischen Stoffe lagerten. Warum macht man dies in der BASF-Grube nicht?
Lutz: Das ist auch geprüft worden, kommt aber hier nicht in Frage, weil sich diese Bereiche nicht so eindeutig festmachen lassen.

BZ: Demnächst beginnt das Anhörungsverfahren für die Sanierung der Kesslergrube. Erwarten Sie fundamental neues?
Lutz: Wir gehen davon aus, dass wir alle Aspekte ausreichend berücksichtigt haben. Wenn es doch neue, stichhaltige Aspekte geben sollte, dann werden wir diese berücksichtigen.

Zur Person: Georg Lutz (55 Jahre alt), ist promovierter Chemiker. Er arbeitet seit 2005 beim Landratsamt Lörrach und ist Leiter des Fachbereiches Umwelt.