Hirschacker geht in Kontrollphase

Verena Pichler

Von Verena Pichler

Do, 24. Mai 2018

Grenzach-Wyhlen

Zweistufige Sanierung ist abgeschlossen / Hydraulische Anlage zur Grundwassersicherung wird abgeschaltet / Kritische Fragen.

GRENZACH-WYHLEN. Zwölf Jahre, nachdem der Beschluss gefallen war, die Hirschackergrube zu sanieren, ist der zweistufige Prozess abgeschlossen und die hydraulische Grundwasserreinigungsanlage wird abgebaut. Das hat die Altlasten-Bewertungskommission Ende April entschieden. In den kommenden drei Jahren wird die ehemalige Kiesgrube, in der in den 50er und 60er Jahren tonnenweise Müll entsorgt wurde, noch fachtechnisch überwacht.

Am Dienstag stellten Landratsamt und das zuständige Ingenieurbüro HPC die Untersuchungsergebnisse einem durchaus kritischen Publikum vor.

Darunter Martin Forter, der wohl zu den schärfsten Kritikern des Sanierungskonzepts gehört. Der Geograf hatte sich mit Greenpeace Schweiz dafür eingesetzt, dass die Hirschackergrube – wie nun ein Teil der Kesslergrube – total saniert wird. Stattdessen entschied die Altlasten-Bewertungskommission eine Sanierungskombination.

Die Sanierung

Dazu gehörte der Aushub des belasteten Materials an zwei Hotspots sowie eine hydraulische Grundwassersicherung, die von 2008 bis 2016 gelaufen ist. Diese Anlage wurde Ende 2016 probeweise abgeschaltet, es folgte eine Grundwasseruntersuchung und toxikologische Screenings (die BZ berichtete). Aufgrund dieser Ergebnisse wird die Anlage nun abgebaut, es folgt ein dreijähriges Monitoring.

"In der Gesamtbewertung wäre es uneffektiv und uneffizient, die hydraulische Sicherung weiter fortzusetzen", bilanzierte Geologe Thomas Osberghaus vom zuständigen Ingenieurbüro HPC. Denn: Die Menge an Schadstoffen, die mit dem Grundwasser herausströmt, liege unterhalb der zulässigen Grenzwerte, so Osberghaus, der sich am Dienstag alle Mühe gab, das komplexe Thema auch Laien verständlichen zu machen.

Altlast sei nicht gleich Altlast – Sanierung nicht gleich Sanierung. "Um die Hirschackergrube zu verstehen, muss man ein Verständnis für die Geologie entwickeln", erklärte Osberghaus. Die Grube liege auf einer sogenannten Festgesteinsschwelle, gleich darunter folgen Schichten aus stark zerklüftetem Muschelkalk. Dieses Material sei durchlässig, so dass ein großer Teil der Schadstoffe bereits beim Einbringen in die Grube durchgesickert sei. "Ausbaggern allein hätte nicht gereicht", so Osberghaus.

Die Belastung

In der Hauptsache geht es um sogenannte leichtflüchtige, halogenierte Kohlenwasserstoffe (LHKW). Deren Grenzwert liegt bei zehn Mikrogramm pro Liter. 2003, noch vor der Sanierung, war diese Konzentration erheblich überschritten und das Grundwasser selbst weit weg von den Hotspots stark belastet. Im Februar 2018 – also nach der Abschaltung der hydraulischen Sicherung – lag der Wert im selben Kontrollfeld bei durchschnittlich 1,4 Mikrogramm pro Liter.

Neben den sogenannten LHKW wurden drei kritische, pharmazeutische Stoffe festgestellt (Crotetamid, Cropropamid, Pyrithyldion). "Auch hier wurden die Grenzwerte nicht überschritten", so Osberghaus. Darüber hinaus hat ein umfassendes Screening 196 weitere Stoffe angezeigt, die in dem Gebiet vorkommen. "Davon sind vermutlich zehn Substanzen relevant", so Osberghaus. Einige davon konnten nicht klassifiziert werden. "Wir kennen die Struktur dieser Stoffe nicht", so der Geologe. Durchgeführte Toxizitätstest – unter anderem mit Wasserflöhen und Fischeiern – hätten jedoch ergeben, dass die Belastung durch diese Stoffe sehr gering sind.

Die Kritik

Gerade dieser Punkt der Ausführungen warf Fragen auf. "Es fällt mir schwer zu glauben, dass nur 196 Stoffe gefunden wurden", so Peter Donath. Er war 1978 als Umweltbeauftragter der Firma Ciba bei der ersten Teilsanierung dabei. "Wir reden da über tausende Substanzen, die verfüllt wurden", so Donath. Osberghaus verwies darauf, dass untersucht werde, was im Grundwasser vorkomme. Der Chemiker Steffen Ruppe lobte zwar das engmaschige Verfahren, aber: "Bei der Angabe von Konzentrationen bei unbekannten Stoffen muss man vorsichtig sein", so Ruppe, der dem Vortrag ebenso interessiert folgte wie Greenpeace-Aktivist Martin Forter sowie Thomas Dix und Markus John vom Verein Zukunftsforum.

John und Forter verstanden vor allen Dingen eines nicht: Dass der Abgleich mit dem Trinkwasser nicht stattgefunden hat. "Das wäre doch elementar gewesen", befand John. Gerade weil unbekannte Stoffe gefunden wurden, deren Auswirkungen auf die Gesundheit heute noch nicht bekannt seien. "Sie reden von Grenzwerten", so John Richtung Osberghaus und Georg Lutz, Fachbereichsleiter Umwelt beim Landratsamt. Damit richte man sich nach dem Status quo. "Man kann auch von der Beweisstrategie hin zur Vorsorgestrategie gehen."

Lutz gab John und den übrigen Fragestellern recht, was das bleibende Gefühl der Unsicherheit anbelangt. Aber: "Wir haben beim Hirschacker eine Menge gelernt und sind bereits über die Norm hinausgegangen."