Nicht einen einzigen Grenzverletzer gestellt

Ulrich Tromm

Von Ulrich Tromm

Sa, 21. Mai 2016

Grenzach-Wyhlen

Der in Grenzach-Wyhlen lebende Walter Huber wurde am Ende des Zweiten Weltkriegs unter anderem an der Eisernen Hand eingesetzt.

GRENZACH-WYHLEN. Walter Huber verschlug es zum ersten Mal im Alter von 18 aus dem heimischen Bayern nach Südbaden, ohne das der heute 90-Jährige damals wusste, wie ihm geschah. In seiner Biographie spiegelt sich ein Stück Zeitgeschichte und die Tragik einer Generation, die das NS-Regime in seinen Untergang hineinzog.

In den Reichsarbeitsdienst eingerückt hatte der damals 17-jährige gebürtige Münchner im Winter 1943/1944 Order, mit seinen Kameraden die Start- und Landebahn eines Militärflughafens bei Memmingen von Schnee zu räumen, ohne dass für den Fall eines jederzeit zu erwartenden alliierten Fliegerangriff für Bunkerschutzräume vorgesorgt wurde.

In Walter Hubers Rückschau wird deutlich, dass seine Generation in der Untergangsphase des NS-Regimes rücksichtlos als Verfügungsmasse eingesetzt wurde, wo immer Lücken klafften. Zum Gebirgsjäger avanciert wurde Walter Huber auf einer ungeschützten Terrasse auf der Zugspitze eingesetzt, es folgte eine Marschorder nach Südbaden. Der Befehl in Istein lautete, mit Sturmbooten über den Rhein ans französische Ufer überzusetzen, eine Gegenattacke von bloßem Symbolcharakter zu einem Zeitpunkt, als vorrückende französische Verbände das Elsass bereits sicher im Griff hatten. Hubers Truppe zog sich unverrichteter Dinge wieder auf das deutsche Rheinufer zurück.

Der vielleicht bizarrste Auftrag war die Sicherung der Grenze zur Schweiz auf dem unumzäunten Kleinen Fingers der Eisernen Hand zwischen Stetten und Inzlingen mit drei weiteren Kameraden und ohne jegliche Unterweisung in den Grenzschutz. Die Vier wechselten sich ab und gingen alleine auf Patrouille – mit der Weisung: "Schaut, dass niemand rüberkommt." Eine Karte, die Huber Aufschluss über die geografischen Gegebenheiten auf dem Maienbühl hätte geben können, bekamen er und seine Kameraden nie zu Gesicht.

Eine Art Schicksalsgemeinschaft verbanden Huber und seine Kameraden mit einem ihnen regelmäßig begegnenden schweizerischen Grenzschützer, der sich Hubers Wahrnehmung nach vermutlich ebenso merkwürdig vorkam wie die Vier.
Einen "illegalen Grenzverletzer" gestellt hat Huber während seines mehrwöchigen Wachdienstes auf dem Maienbühl im Winter 1944/1945 nach eigenen Aussagen nie. Denn wie auch? Wer immer über den kleinen Finger in die Schweiz flüchten wollte, musste nur das Passieren des einsamen Grenz-Patrouilleurs abwarten.

Eine weitere Station in Hubers südbadischer Odyssee war Schopfheim. Hier sollte der Jugendliche das letzte örtliche Aufgebot des NS-Regimes im Waffengebrauch unterweisen – den zum größten Teil aus alten Männern zusammengewürfelten lokalen Volkssturm. Huber agierte klüger als fanatische Nazis andernorts und gab die Parole aus: "Wir simulieren Kampfbereitschaft, wenn ein gefährlicher Befehlsgewaltiger auftaucht – ansonsten tun wir nichts."

Trost und Seelsorge wurden Huber auch nach Kriegsende nicht zuteil. Ein Gefühl der Dankbarkeit hegt er jedoch bis heute für Schule und Lehrer, die ihm ein Notabitur ermöglichten. So standen ihm Studium und eine berufliche Zukunft als Diplombrauingenieur offen, den das Schicksal erneut in die Region verschlug. Nur sah er die Lichter von Basel nicht mehr vom Maienbühl aus in der Ferne, sondern wurde ein Bürger der Stadt – und Betriebsleiter der Warteck Brauerei. Seit 1992 lebt er in Grenzach.