Grenzgebiete des Menschlichen

Andreas Kohm

Von Andreas Kohm

Mi, 24. Oktober 2018

Literatur & Vorträge

Neue Gedichte von Esther Kinsky, die mit "Hain" in diesem Jahr den Preis der Leipziger Buchmesse gewonnen hat / Lesung in Freiburg.

Zurück, jetzt und voraus, fast ein undurchdringlicher Verhau der Zeiten, die in diesem Gedichtband von der Autorin und Übersetzerin Esther Kinsky durchschritten werden, oder besser: bei jedem Wiederlesen dichter werden und lautlich zusammenwachsen, bis nicht mehr auszumachen ist, worin und wohin wir uns bewegen. Dabei scheint alles ganz einfach zu sein in diesen verschatteten Ausblicken auf ein weit entferntes Hinterland, am südöstlichen Rand Europas, wo vielleicht "heimkehr" und Rückzug möglich sind, am Rand der eigenen und fremden Sprachen, der Sprachlosigkeit, des Unsagbaren auch: "so liegt das land/verkrümmt zum spruch des horizonts://the lie of the land stillestille/nichts schweigt wider nichts". Da ist bereits Winter und Frühling und Sommer fern.

Jahreszeiten, die die Gedichte in drei Zyklen, ungarisch überschrieben mit den Gattungswörtern KÖ, NÖVÉNY und KÖKÉNY für Stein, Pflanze und Schwarzdorn, als große, verhaltene, gegenwärtige Erinnerungsbewegungen aufrufen, nur um festzustellen, dass die Suche nach "spuren" vergeblich ist in "diesem land das sich entzieht sich nicht wiedererken-/ nen läßt kein wieder als dieses einst (…) noch in der luft dieses/ eineinst und will nicht vergehn". Immer nur das spurlose Verschwinden macht sich bemerkbar und dass "once’pon die zeit entfällt uns so leicht". Wenn die Landschaft eine Trauer trägt, die das Ich hineinliest als Vorzeichen, als Ahnung, als latente Angst vor dem dunkel Sich-Ankündigenden, trotz des scheinbaren Schutzes, den das Gewohnte und oftmals ritualhaft Wiederholte zu bieten scheint. Als könne ein Bannzauber um dieses "gewesenheitsgelände" gelegt werden mit einem "Verzeichnis der vergessenen Dinge", wie nebensächlich sie auch sein mögen. Oder der gegen Hundeangriffe im mehrfachen Sinne ‚aufgehobene‘ Stein: als verbürge er jetzt in märchenhafter Verschränkung von Vergangenheit und Zukunft Hoffnung, "um dereinst des einst zu gedenken hier unser/ retter onestone".

Doch was die Gedichte Kinskys zu leisten vermögen, ist so schmerzhaft wie sehnsuchtsvoll die Vergegenwärtigung der "ankunft" im vertrauten "haus": in der Auszeit eines temporären dörflichen Lebens mit sinnhaften Handarbeiten wie die Befreiung des Gartens vom Wildwuchs des Frühsommers, mit dem "staunen" über die spätsommerliche Fülle der vegetabilen Farben und Formen, aber auch dem offensichtlich Tröstenden der gleichgültigen Natur mit ihren "feuerkäfern" und "zikaden", ihren "disteln", "tabaksblumen", "rittersporn", "salbei" oder "zinien". Vielleicht eine sinnliche Rettung, wenn das winterlich einsame Denken umherirrt in seiner fast hermetisch werdenden Sprachsuche, "so fügsam gebreitet/die landschaft versehrt/ gefurcht von abwesenheit mit verstellter stimme". Denn hier, wo "das ich fällt mir vom mund wie ein weiterer/hohlkörper", wo "das rechte wort/will nicht mehr heraus/ mit der sprache", bleibt ein Rest von Gespräch und Berührung zwischen fremd(sprachig)er Natur und dem "gefallnen" Menschen, wo er die Welt berührt: "kö sagt der stein zum fuß der ihn stößt//növény das schneidend verhölzelte gras zur hand//kökény die störfrucht/
entblaut/ unkenntich/ verbracht/ zum herz".

Ein schmales Bändchen vor berückender, ja bedrückender Intensität, vielleicht der lyrische Teil der Trauerarbeit um ihren Partner, die Esther Kinsky mit ihrem mit dem Leipziger Buchpreis ausgezeichneten Roman "Hain" begonnen hat. Ihre leisen Grenzerkundungen des Mitteilbaren finden eine bildliche Entsprechung in zehn Birnholzschnitten des Holzschneiders und Verlegers Christian Thanhäuser. Fragile Holzschnitte von instabilen, ungefähren Landschaften; schemenhaft Dorfstraßen, Häuser, vielleicht Gärten und Felder, die sich auflösen ins Weiß, die im Weiß etwas gerinnen lassen, das in der Luft zu liegen scheint. Je länger wir hinschauen, desto zarter öffnen sich Räume: Grenzgebiete des Menschlichen.

Esther Kinsky: kö növény kökény. Gedichte. Mit Birnholzschnitten von Christian Thanhäuser. Edition Thanhäuser, Ottensheim/Donau 2018. 55 Seiten, 20 Euro. Die Autorin liest heute um 19.30 Uhr im Freiburger Literaturhaus aus ihrem Roman "Hain".