Neues Album "Tumult"

Grönemeyer will "den Rechten den Atem rauben"

Steffen Rüth

Von Steffen Rüth

Fr, 09. November 2018 um 19:47 Uhr

Rock & Pop

Herbert Grönemeyer und die Lage der Nation: "Tumult", die 15. Platte der 62 Jahre alten Autorität des deutschen Pop ist ein durch und durch politisches Album.

"Die Zeiten sind nicht mehr danach, dass man auf dem Sofa sitzen bleibt", sagt Herbert Grönemeyer. "Jeder von uns ist gefragt und gefordert, sich zu engagieren und Gesicht zu zeigen. Dass auch Journalisten Haltung beziehen, halte ich für sehr wichtig. Wir trommeln jetzt alle so lange, bis wir den Rechten den Atem rauben." Albumvorstellungen mit Deutschlands erfolgreichstem Musiker haben etwas Rituelles. Die Plattenfirma lädt ein – ziemlich verlässlich alle vier Jahre, dieses Mal in das Berliner Luxushotel "Das Stue" am Tiergarten. Es gibt Daiquiri!, Mini-Burger, Schnitzelchen, Thunfisch und Zitronencreme, 100 Medienvertreter hören (praktisch ausnahmslos sehr konzentriert) die neuen Songs, anschließend federt Herbert aus der Kulisse und lässt sich befragen. An diesem Abend sitzt er auf einem Barhocker und trinkt Tannenzäpfle. Seine Laune ist vorzüglich, die von der Moderatorin zugespielten Bälle zu seinem Tanzverhalten auf der Bühne (eine Art Running Gag) versenkt er sicher im Netz.

Dennoch: Etwas ist anders. Der Grundton der ganzen Veranstaltung, auch der Grundton des 16 Stücke langen "Tumult"-Albums, ist markant ernster als üblich. Die Gesellschaft ist verunsichert, schlingernd, fragil und in Aufruhr. Und ein Grönemeyer, stets nah dran an der Befindlichkeit seiner Mitmenschen, prescht inmitten dieses nervösen Grundgeraunes vehementer in politische Gefilde vor. "Die Frage ist: Wie zeigen wir den Rechten klare Kante? Wie schaffen wir es, uns zusammenzurotten, egal ob wir von der linksliberalen oder der wertkonservativen Seite kommen? Wir müssen alle näher zusammenrücken und fest zusammenstehen, das ist entscheidend."

Herbert Grönemeyer, 62, ganz in Schwarz und mit Designerbrille ("Die muss ich wirklich tragen") einer zeitlosen Erscheinung sehr nahekommend, will mit seiner Musik ein, im wahrsten Sinne des Wortes, Hoffnungsträger sein. Die "#unteilbar"-Demo in Berlin mit 240 000 Teilnehmern, das "Festival für Demokratie und Toleranz" in Mecklenburg-Vorpommern, bei dem er auftrat, die weiterhin zahllosen ehrenamtlichen Flüchtlingskümmerer, all das bewege ihn tief. "Die Rechten sind eine pöbelnde Minderheit. In Deutschland herrscht kein rechter Geist. Die große Mehrheit der Menschen ist offen, aufgeklärt und humanistisch." Zugleich halte er den Rechtsschwenk für ein Problem, "das man nicht mit einem Mausklick" wegbekomme. "Das Thema wird uns die nächsten zehn Jahre begleiten."

Nun kann man nicht behaupten, dass Grönemeyer die Politik plötzlich für sich entdeckt hat. "Mit Gott auf unserer Seite" vom Album "Ö" (1988) griff damals den Tod Uwe Barschels auf, "Die Härte" (1993, Album "Chaos") brillierte mit der Zeile "Hart im Hirn, weich in der Birne", schon damals litt das frisch wiedervereinigte Land am Rechtsextremismus.

Absolut würdiges

Mittelspätwerk

Fakt ist freilich, dass die politischen Lieder auf dem neuen Album einerseits stärker in den Mittelpunkt gerückt sind, aber auch stärker wahrgenommen werden, die Ohren des Landes sind in diese Richtung gerade sehr gespitzt. Und so erregt ein Lied wie "Doppelherz / Iki Gönlüm", in dem Grönemeyer auch auf Türkisch darüber singt, wie gut sich das Reisen als Mittel gegen Engstirnigkeit eignet, eben stärker als in anderen Zeiten, Internet-Trolle und die üblichen Shitstorms inklusive.

Überhaupt ist Herbert Grönemeyers Auseinandersetzung mit dem Politischen auf "Tumult" eher "beswingt und leichtfüßig", wie er selbst es beschreibt, als schwer und düster. Die aufrüttelnden Stücke wie "Bist du da" oder "Fall der Fälle" drängen musikalisch nach vorn, zählen zu den schmissigsten der wie immer von Alex Silva mitproduzierten Platte. Das aufmunternde, Mut machende "Taufrisch" (musikalisch ein klassischer Grönemeyer) taugt auch als Motivationssong vor der Alpenquerung ("Warten bis der Tag bricht / und die Sonne sich regt / uns wiederbelebt / jetzt erst recht"). Das elektronisch und von Keyboards geprägte "Leichtsinn & Liebe" ("Ja, sein wir ehrlich – alles ist gefährlich") hebt die Laune mit großem, melodisch höchst eingängigem Pop. Dass "Tumult" trotz der heiteren Momente, zu denen auch die Liebes- und Glückslieder "Sekundenglück" und "Mein Lebensstrahlen" zählen, insgesamt einen für Grönemeyers Verhältnisse melancholischen und dunklen Eindruck hinterlässt, liegt gar nicht so sehr an den politischen, sondern an den sehr persönlichen, selbstzweifelnden Songs, von denen es auf "Tumult" gleich mehrere gibt.

Auf "Warum" zum Beispiel thematisiert der Künstler, der in Deutschland alle zehn Alben seit "4630 Bochum" auf Platz eins platzieren konnte, Angst und Selbstzweifel. "Manchmal ist der Druck fast unerträglich", sagt er. Auch "Verwandt", ein Lied über eine Liebe, die nicht sein soll, berührt, bevor es am Ende doch noch mitreißt.

Die Klavierballade "Wartezimmer der Welt" ist intensiv und hinterlässt den Hörer traurig und mit beklommenem Gefühl, bevor Herbert mit dem popfeierlichen, festlichen, gar gospelnahen "Und immer" ("Und immer / wenn dich der Kummer bricht / leg ich beide Arme / einfach stark um dich") der Schwermut den Garaus macht. Grönemeyer, der das Album an diesem Abend selbst zum ersten Mal "halbwegs entspannt" angehört haben will, habe zu den Liedern noch ein "vorsichtiges Verhältnis". Er sei da noch "etwas verkrampft". Muss er aber gar nicht. "Tumult" ist ein absolut würdiges Mittelspätwerk, die Melodien solide bis richtig stark, die Texte tiefgründig, der Politikaspekt wird mit Zuversicht, aber ohne Blauäugigkeit behandelt.

Dieser Mann, so mopsfidel und mit sich im Reinen, wie er mit seinem Bier an der Theke steht, ist noch längst nicht am Ende seiner Kunst. Mit dem Liederschreiben, sagt Grönemeyer und zeigt seinen verschmitztesten Gesichtsausdruck, was ihm wie stets etwas unschuldig-amüsant Knuffiges verleiht, sei es im Grunde ja sowieso wie mit dem Austausch von Zärtlichkeiten. "Auch, wenn du vielleicht schon 60 Jahre lang geküsst hast, hörst du ja nicht einfach auf mit dem Küssen." Er zumindest nicht. "Was das Küssen angeht, so bleibe ich dran." Was die Musik angeht, auch.

Herbert Grönemeyer: Tumult (Vertigo).