Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

30. Juli 2012

Teil 10

Große Renditen sind Geschichte

Experte Stephan Schöning über riskante Bankgeschäfte als ein Grund für die Krise, das Ende der Traumrenditen und hohe Dispozinsen für Privatkunden.

  1. Stephan Schöning Foto: Privat

  2. Foto: Zeichnung: Klaus Stuttmann

FREIBURG. Die Eurozone ist nicht nur deshalb in der Krise, weil Staatsschulden zu hoch sind und einige Volkswirtschaften nicht mehr wettbewerbsfähig. Euroland erleidet derzeit auch eine schwere Bankenkrise. Im Gespräch mit Ronny Gert Bürckholdt beantwortet der Lahrer Bankenprofessor Stephan Schöning einige Fragen der Leser.

BZ: Herr Schöning, unsere Leser Gernot Proff aus Offenburg und Wolfgang Kornmayer aus Friesenheim fragen, was aus der Idee geworden ist, die Banken aufzuspalten – in risikoreiches Investmentbanking einerseits und solides Geschäft mit Privatleuten und Unternehmen andererseits. Würde dies das Finanzsystem weniger krisenanfällig machen?

Schöning: Aus meiner Sicht ist das nicht der richtige Ansatz. Ein solches Trennbankensystem ist erstmals mit Vehemenz nach der großen Bankenkrise 1931 in den USA installiert worden. Das hat die Risiken aber nicht verringert, sondern im Endeffekt erhöht.

BZ: Inwiefern?

Werbung


Schöning: Die Vorstellung ist falsch, man müsse die Banken mit riskanten Geschäften nur isolieren, um zu verhindern, dass die Risiken letztlich auf die Realwirtschaft durchschlagen können. Eine reine Investmentbank ist geneigt, immer größere Risiken einzugehen und es gibt anders als bei den Universalbanken keine Gewinne aus anderen Geschäftsbereichen, um etwaige Verluste aufzufangen. Also steigt das Risiko von Bankenpleiten. Und da sich Investmentbanken niemals vollständig vom übrigen Bankensystem abschotten lassen, steigt auch das Risiko, dass der Steuerzahler dann doch belastet wird. Auch mit einem Trennbankensystem lassen sich Banken, deren Untergang das ganze System mitreißen würde, nicht einfach aus dem Markt herausnehmen, ohne dass es zu einem Schock kommt. Man muss sich vor Augen halten, dass es ausgerechnet eine Bank ohne Einlagenkreditgeschäft im Trennbankensystem war, die 2008 Pleite gegangene reine Investmentbank Lehman Brothers, die die Finanzkrise dramatisch verschärfte.

BZ: Also bliebe der Steuerzahler auch im Trennbankensystem den Kreditinstituten auf Gedeih und Verderb ausgeliefert?

Schöning: Er muss darauf vertrauen, dass die Aufsichtsbehörden den Kasinokapitalismus an dieser Stelle bändigen ...

BZ: … Wenn man sich die vergangenen Jahre anschaut, besteht da wohl wenig Grund für Vertrauen.

Schöning: Letztlich brach die Finanzkrise 2007 aus, als die neuentwickelten sinnvollen Regeln gerade noch nicht in Kraft waren.

BZ: Welche Regeln sind das?

Schöning: Wichtig sind dicke Risikopuffer einer Bank. Alle Geschäfte müssen entsprechend ihres Risikos mit Eigenkapital unterlegt werden – egal, in welcher Abteilung sie eingegangen werden. Macht die Bank ein sehr riskantes Geschäft, muss sie sehr viel eigenes Geld zurücklegen. Geht das Geschäft schief, wird zuerst auf diesen Risikopuffer zugegriffen und eben nicht auf das Geld der Einleger und im Notfall der Steuerzahler. In der Vergangenheit wurden zu kleine Risikopuffer verlangt. Den Fehler hat die Aufsicht erkannt; sie steuert gegen. Die Banken müssen ihr Eigenkapital erhöhen. Das aber kann nicht von heute auf morgen gehen. Im Moment ist die Branche im Umbruch. Banken sind wegen verschärfter Auflagen gezwungen, mehr klassisches, renditearmes Kundengeschäft zu machen. Das macht sie weniger abhängig vom Auf und Ab an den Kapitalmärkten, aber gleichzeitig wird der Aufbau von Eigenkapital dadurch schwierig, da sich nicht so hohe Gewinne erzielen lassen. Gleichzeitig fahren viele Banken ihr Investmentbanking zurück, viele Banker werden entlassen. Wenn man meint, dass das Investmentbanking ohnehin kaum einen Wert für die Gesamtwirtschaft hat, mag das verkraftbar erscheinen.

BZ: Brauchen wir Investmentbanking?
Schöning: Teile des Investmentbankings sind notwendig für die Realwirtschaft. Unter anderem werden dort Risiken verteilt. Ohne Investmentbanking lägen die Risiken auf wenigen Schultern.


BZ: 25 Prozent Rendite aufs Eigenkapital, wie sie Ex-Deutsche-Bank-Chef Ackermann gefordert hatte, ging nur mit unverhältnismäßig hohem Risiko?

Schöning: 25 Prozent war damals die Richtschnur, weil die führenden Banken der Welt dieses Ziel zum Teil sogar übertrafen. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass dieses Ziel nicht nachhaltig durchsetzbar ist. Aber: Wer stabile Banken will, also Banken mit viel Eigenkapital, der muss wollen, dass sie genügend verdienen. Denn das Eigenkapital kommt entweder von innen aus einbehaltenen Gewinnen oder von außerhalb der Bank, von Investoren. Für die muss es sich lohnen, in Banken zu investieren.

BZ: Unser Leser Franz Trefonski fragt: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken bei der EZB Geld leihen können, auf das Allzeittief von 0,75 Prozent gesenkt. "Rettet das den Euro oder nur die Banken", fragt der Leser?

Schöning: Trotz des billigen Geldes ist der Inflationsdruck gering. Denn nur ein kleiner Teil des Geldes kommt in der Realwirtschaft an. Das billige Geld der EZB dient primär dazu, einen Beitrag zur Stabilisierung des Bankenmarktes zu leisten: Da das Vertrauen der Banken untereinander in der Finanzkrise verloren gegangen und noch immer nicht vollständig wiederhergestellt ist, leihen sich die Banken kaum Geld untereinander. Die zinsgünstigen Gelder der EZB tragen auch dazu bei, entstandene Verluste aus der Finanzkrise zu verkraften und auch die voraussichtlich gewaltigen aktuellen und noch kommenden Verluste im Fortgang der Eurokrise abzufedern.

BZ: Die EZB kauft den Banken Zeit, um sich für noch härtere Zeiten zu rüsten?

Schöning: Die Politik der Notenbank sorgt dafür, dass die Banken im Euroraum ihre Risikopolster stärken, ja. Wichtig ist aber zu verstehen, dass immer, wenn sich eine Geschäftsbank Geld bei der EZB leiht, sie dafür Sicherheiten in Form von Wertpapieren hinterlegen muss. Es ist zwar ein Politikum, dass die EZB derzeit krisenbedingt auch nicht wirklich erstklassige Sicherheiten aus den Krisenstaaten akzeptiert im Tausch gegen Cash. Dennoch: Die Banken kriegen nicht bedingungslos unbegrenzt Geld zur Verfügung gestellt.

BZ: Unser Leser Franz Trefonski fragt weiter: Wenn er 10 000 Euro brauche, verlangen die Banken sechs Prozent Zins, wenn er 10 000 ein Jahr anlegen wolle, bekomme er zwei Prozent. Wo ist da die Relation? Dazu passt auch die aktuelle Diskussion über hohe Dispozinsen bei gleichzeitig sehr niedrigem Leitzins.

Schöning: Banken sind keine Samariter, ich will sie auch nicht verteidigen. Aber man muss bei jedem Bankgeschäft die Risiken mitbedenken. Dass die Banken sich billig Geld bei der Zentralbank leihen können, vom Privatkunden, der sein Konto überzieht aber viel höhere Überziehungszinsen verlangen, liegt auch daran, dass beim Dispo die Ausfälle sehr hoch sind. Die Regeln zur Privatinsolvenz wurden sehr verbraucherfreundlich verändert. Dispozinsen von 12, 13 Prozent sind aber sicherlich auch ein Resultat eines fehlenden Wettbewerbs an dieser Stelle. Die Banken versuchen nicht, sich mit niedrigen Dispozinsen Marktanteile abzunehmen. Was die Seite der Geldanlage angeht, wonach Ihr Leser auch gefragt hat, so muss man sagen: In der jetzigen Phase extrem niedriger Zinsen sind zwei Prozent gar nicht schlecht. Denn alle vergleichsweise sicheren Geldanlagen werfen derzeit keine oder kaum Rendite ab. Wir müssen auch als Privatanleger umdenken. Die Zeiten großer Renditen sind für alle Menschen vorbei, die gleichzeitig vergleichsweise sicher anlegen wollen. Wir sind vielfach auch noch geprägt von Zeiten, in denen es mehr Zinsen gab, aber gleichzeitig die Inflation auch höher war.

Die Serie zur Krise

Die Badische Zeitung schlägt Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, vor: Stellen Sie uns die Frage, die Ihnen im Zusammenhang mit der Eurokrise am wichtigsten erscheint. Wir sortieren Ihre Fragen, bündeln sie und versuchen sie zu beantworten.


Wie funktioniert die Aktion:

Sie senden uns Ihre Frage zu:


per E-Mail an
euro@badische-zeitung.de

per Fax an 0761/496 5029
per Post an Badische Zeitung, Ressort Wirtschaft, Stichwort "Schuldenkrise" Basler Straße 88, 79115 Freiburg

Zuletzt erschienen: Wie endet die Krise? Vier Szenarien

(BZ, 28. Juli, Seite 21 )

Die nächste Folge erscheint am

Mittwoch, 1. August.

Nachlesbar sind alle Beiträge unter      http://mehr.bz/eurokrise
 

Autor: bz

Stephan Schöning

Als gelernter Bankkaufmann kennt er die Banken von innen. Der Professor hat den Lehrstuhl für Finance and Banking an der privaten WHL Wissenschaftliche Hochschule Lahr inne. Er beschäftigt sich mit Kreditinstituten und ihren Geschäften. Er wohnt in Offenburg, ist verheiratet und hat zwei Kinder.  

Autor: bür

Autor: bür


0 Kommentare

Damit Sie Artikel auf badische-zeitung.de kommentieren können, müssen Sie sich bitte einmalig bei Meine BZ registrieren. Bitte beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.



Weitere Artikel: Wirtschaft