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16. Dezember 2008

Grüne fordern mehr Ethik

Die Alternative zum Religionsunterricht soll schon von Klasse eins an im Land angeboten werden.

STUTTGART. Was in der achten Klasse gut ist, kann in der ersten nicht schlecht sein: Die Grünen fordern deshalb, den Ethikunterricht schon für ABC-Schützen einzuführen und ihm den Ruch des Ersatzunterrichts zu nehmen.

Mehr als ein Viertel aller Schüler im Land gehört keiner christlichen Religion an, Tendenz steigend. Eine Alternative zum Religionsunterricht gibt es aber frühestens von der siebten Klasse an: den Ethikunterricht. Das ist kein Fach wie andere, sondern nur Ersatzunterricht für die Schüler, die sich für "Reli" abmelden.

Das soll sich ändern. Grünen-Fraktionschef Winfried Kretschmann will Ethik bereits von der ersten Klasse an als festes Fach unterrichtet sehen – und zwar schon vom kommenden Jahr an in jenen Schulen, die einen besonders hohen Anteil an Schülern haben, die weder evangelisch noch katholisch sind. Kretschmann, der selbst einst Ethik unterrichtet hat und als bekennender Christ im Zentralkomitee der deutschen Katholiken sitzt, will damit nicht nur die Werteerziehung im Allgemeinen, sondern auch den Religionsunterricht im Besonderen stützen. Wie das, wenn dieser aber Konkurrenz bekommt?

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Es gehe nicht um einen Verdrängungswettbewerb, sagt Kretschmann. Weder Ethik noch Religion hätten ein Monopol auf die Werteerziehung. Beide sollten als Fächerverbund gleichberechtigt nebeneinander stehen – zum Vorteil der Religionsstunden, die dann authentischer werden könnten als der oft geforderte überkonfessionelle Werteunterricht. Dieser dränge die Religiosität eher an den Rand. Das Fach Ethik wiederum bezieht muslimische Kinder ein, für die es auf absehbare Zeit flächendeckend keinen Religionsunterricht in den Schulen geben wird.

Gegen diese Pläne gibt es Widerstand. Er kommt laut Kretschmann vor allem von den Landeskirchen, die eine Abwanderung fürchten, wenn Ethik zum geforderten Wahlpflichtfach werde. Zumindest die evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg widersprechen: Sie unterstützten die Forderung nach Ethikunterricht ab Klasse eins. "Wir haben keine Angst vor Konkurrenz", sagte Schulreferent Wolfgang Kalmbach. Doch das Kultusministerium opponiert: Werteerziehung, so Schulminister Helmut Rau (CDU), sei grundlegender Bestandteil der Bildungspläne in allen Fächern. Sie solle fächerübergreifend wahrgenommen werden. Das sei grundsätzlich richtig, so Kretschmann, nur sei das kein Ersatz für ein eigenständiges Fach. Überdies wäre mit dieser Begründung auch der Ethikunterricht in höheren Klassen überflüssig.

Wie viele Schüler in Südbaden das Fach Religion nicht besuchen, ist statistisch nicht erhoben. Fest steht dagegen, dass im Bereich der Erzdiözese Freiburg über 300 000 Schüler im vergangenen Schuljahr in katholischer Religion unterrichtet wurden. Die Zahl der Abmeldungen ist dem Erzbistum zufolge mit vier Prozent stabil niedrig. Spitzenreiter bei den "Heidenkindern" scheint der Freiburger Öko-Stadtteil Vauban. Fast jeder zweite Schüler der dortigen Grundschule ist konfessionslos – und trotzdem nehmen die meisten am Religionsunterricht teil. Mit einer Unterschriftenaktion unterstützen die Eltern im Vauban die Grünen-Forderung, bieten derweil eine pro Schuljahr 120 Euro teure Ethik-Arbeitsgemeinschaft an und drohen, vor dem Verwaltungsgericht wegen Ungleichbehandlung zu klagen.

Im Land wären auf Dauer für das Fach Ethik etwa 600 Deputate im Jahr nötig, schätzt die schulpolitische Sprecherin der Grünen, Renate Rastätter. Vorentwürfe für Bildungspläne gibt es bereits. Im Nachbarland Bayern wird Ethik schon von Klasse eins an unterrichtet.

Autor: Andreas Böhme