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31. März 2010 01:06 Uhr

OB-Wahlkampf

Günter Rausch gewährt Einblicke ins Fotoalbum

Wenn die Bürger ihr neues Stadtoberhaupt wählen, steht weniger die Partei im Vordergrund, sondern die Person. Wir haben uns bei den drei Kandidaten zur OB-Wahl am 25. April eingeladen, saßen mit ihnen auf dem Sofa und haben Fotoalben gewälzt. Diesmal: Günter Rausch.

  1. Günter Rausch blättert durchs Fotoalbum. Foto: Rita Eggstein

Die beiden Meerschweinchen scheint das schlechte Wetter nicht zu stören, sie huschen im Garten durchs nasse Gras. Nur die Meerschweinchendame hat sich im Wohnzimmer in den Käfig zurückgezogen – sie erwartet demnächst Nachwuchs, erklärt Stefanie Rausch, die Ehefrau des Oberbürgermeisterkandidaten Günter Rausch. Günter und Stefanie Rausch und ihr fünf Jahre alter Sohn Noah haben bei sich daheim im Stadtteil Hochdorf sprichwörtlich ein Heim für Tiere geschaffen: Außer den Meerschweinchen gibt es noch fünf Hühner, zwölf Tauben und drei Hasen im Freigehege – und Fische im Aquarium.

Die Hasen, Hühner und Tauben werden von Günter Rausch nicht nur gehegt und gepflegt, sondern auch gekocht und gebraten. "Meine bevorzugt provenzalischen Rezepturen sind beliebt." Dazu gibt es Apfelwein und ein Schnäpschen aus eigener Produktion. Rausch spricht von einem "natürlichen ganzheitlichen Ansatz". Wobei ihn das Schlachten schon Überwindung koste: "Ich habe Respekt vor dem Leben."

Seine Liebe zu Tieren hat ihre Wurzeln in der Kindheit: Der 58-Jährige wuchs auf einem kleinen Bauernhof im fränkischen Lohr am Main auf. Das Städtchen zählte damals knapp 12 000 Einwohner und war politisch "schwarz bis zum Geht-nicht-mehr". Rausch war als Jugendlicher sechs Jahre lang Ministrant. "Ich bin in sehr bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen." Weil die Landwirtschaft – auf dem Hof gab es Kühe und Schweine – nicht genug abwarf, verdiente der Vater als Hilfsarbeiter dazu. Die fünf Kinder mussten alle mit anpacken. "Da gab es überhaupt keine Diskussionen", erinnert er sich. Kartoffeln legen, Unkraut jäten, Heu und Getreide ernten, ausmisten und Tiere füttern, das alles gehörte zum Alltag.

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Noch heute arbeitet der Hochschulprofessor gerne mit den Händen: Am eigenen Haus hat er sehr viel selbst gebaut, auch das Baumhaus mit Rutsche im schwedischen Stil hat er für Sohn Noah gezimmert. Fußball- und SC-Fan Rausch wandert und angelt gern. Und im Wald Holz zu sägen gehört noch immer zu seinen "schönsten Vergnügen", erzählt er und zeigt eines der vielen Fotos auf dem Tisch, auf dem er im Wald mit Noah vor einer gefällten Eiche zu sehen ist: "Das Ding klein zu kriegen war der Horror."

Rausch blickt zurück auf "ein Leben mit Brüchen und Widersprüchen". Immer wieder habe er bestimmte Phasen "durch- und ausgelebt", um dann neue Türen zu öffnen: Nach der achtjährigen Volksschule ließ er sich zum Beamten im Rathaus der bayerischen Heimatgemeinde ausbilden. Die sichere Stellung als Sachbearbeiter in der Verwaltung quittierte er trotz Aussicht auf eine höhere Beamtenlaufbahn. Rausch provozierte am Arbeitsplatz: Statt mit obligatorischem Anzug und Krawatte kam er eines Tages in Jeans in die Behörde. "Man musste sich rechtfertigen, aber es wurde geduldet." Bald zog es ihn über den zweiten Bildungsweg zum Studium der sozialen Arbeit an die Katholische Fachhochschule (KFH) Freiburg. Er war der Erste in der Familie, der studierte und promovierte. Später arbeitete er im Sozial-, Familien- und Jugendzentrum Breisacher Hof, war Betriebsratsvorsitzender der Vereinigung Freiburger Sozialarbeit und Geschäftsführer des Forums Weingarten 2000. Dann der nächste Wendepunkt: Rausch wählte eine Hochschullaufbahn.

"Vieles völlig auf den Kopf gestellt" hat sich für Rausch bei den Demonstrationen gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Wyhl: Der damals hochschulpolitisch engagierte Student war dabei, als Polizisten am 23. Februar 1975 Tausende von Demonstranten gewaltsam vom Kundgebungsplatz vertrieben.

Er war schockiert – auch darüber, dass man gegen den Widerstand der Bevölkerung ein Atomkraftwerk bauen wollte: "Die können doch gar nicht alles niederschlagen." Er selbst blieb unverletzt, einem Kommilitonen wurden die Vorderzähne ausgeschlagen. Für ihn war klar: Das politische System hat seine Glaubwürdigkeit verloren. "Wyhl", sagt er, "hat mich extrem politisiert."

Rausch engagierte sich in der christlichen Arbeiterjugend, 1970 organisierte er in Lohr einen Kongress, zu dem 300 Lehrlinge aus ganz Deutschland kamen. Er wies auf Missstände in der Berufsausbildung hin. "Auch auf dem Land war man damals sozialkritisch. Wir haben einiges aufgemischt."

Prägend waren für ihn damals die Lektüre von Marx und die christliche Befreiungstheologie Lateinamerikas. "Wir wollten die Bibel anders lesen als der Papst und als Christen gegen Ausbeutung und Ungerechtigkeit aktiv werden." Die Konfession hat er vor Jahren gewechselt. Der Grund: Die Leitung der Katholischen Fachhochschule schmiss ihn Anfang 1978 aus der Hochschule, weil er als Mitglied des marxistischen Studentenbundes Spartakus die "Roten Blätter" auf dem Hochschulgelände verteilt hatte.

"Das war damals eine richtige Lebenskrise." Die Unterstützung für den Exmatrikulierten war groß, aber erst der Verwaltungsgerichtshof ermöglichte es ihm, weiter zu studieren. Rausch hatte danach von der Institution katholische Kirche die Nase voll – er wurde evangelisch.

In jener Zeit trat Rausch in die Deutsche Kommunistische Partei (DKP) ein: "Ich hatte die Hoffnung, dort meine Ziele verwirklichen zu können." Stellvertretender Kreisvorsitzender und Landtagskandidat war er. Ab Mitte der 80er Jahre zog er sich aus der Parteiarbeit zurück, ehe er 1988 er seinen Austritt erklärte. Es fehlten ihm in der DKP demokratische Strukturen. "Ich habe geglaubt, die DKP ist eine eigenständige, von der DDR unabhängige Partei." Dass er jene Zeit in seiner Vita im Internet verschweigt, hat ihm Kritik eingebracht. Doch er steht dazu. "Man kann das den Menschen heute so schwer vermitteln." In Deutschland sei das Kommunismusbild noch immer so negativ besetzt. "Ich bin ein gebranntes Kind und habe viele Demütigungen erlebt. Da ist man irgendwann froh, es hinter sich gelassen zu haben."

GÜNTER RAUSCH
Geboren am 9. März 1952 in Lohr am Main; in dritter Ehe verheiratet mit der Gemeindediakonin Stefanie Rausch (35). Rausch hat drei Kinder: Tochter Rosa (33) und Sohn Manuel (25) aus zweiter Ehe, aus dritter Ehe Sohn Noah (5); drei Enkel. Lehre zum Bürokaufmann, von 1974 bis 1978 Studium der sozialen Arbeit an der KFH Freiburg; von 1979 bis 1989 Sozialarbeiter im Breisacher Hof, 1989 bis 1994 Geschäftsführer des Forums Weingarten 2000, das er 1987 mitbegründet hatte; bis 1996 Dozent an der Stuttgarter Akademie des Diakonischen Werkes, dann an der Evangelischen Fachhochschule Freiburg, dort ab 1998 Professor für Gemeinwesenarbeit und Sozialmanagement; Lehraufträge an Hochschulen in Graz, Wien und München.

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Autor: fz