Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

29. Januar 2011

Gürteltier und böse Clowns

Das Georg-Scholz-Haus in Waldkirch zeigt die Klasse Ben Hübsch der Freiburger Freien Hochschule.

Dieses – Tier, nennen wir’s mal so, das sich da am Boden windet und dreht, eine exzentrische Mischung aus Riesenschlange und Krake! Mit seinen halsbrecherischen Verrenkungen, mit dem sich verzweigenden Leib und der farbig-bewegten Oberfläche dominiert es spektakulär den Raum. Jemand mit Magenverschlingung sollte gar nicht hinschauen, sympathetisch holte er sich bloß einen zusätzlichen Knoten.

Wir sind im großen oberen Ecksaal im Georg-Scholz-Haus in Waldkirch, in der Ausstellung "Klasse" mit sechzehn angehenden Künstlern, die an der Freien Hochschule für Grafik Design und Bildende Kunst in Freiburg bei Ben Hübsch das Fach Malerei und Grafik belegen, und das eingangs erwähnte Bodenobjekt ist eins von zahlreichen, acht Räume (darunter das stille Örtchen) sowie Flur und Treppenhaus bespielenden Exponaten. Ohne irgendein Hilfsmittel hat Oliver Drescher den Blickfänger aus, wie es scheint, Hunderten von ineinander verschlungenen und verknoteten Gürteln geschaffen. Zwei weitere, in Materialwahl und Faktur nicht minder originelle Objekte von ihm – organoide Formen aus miteinander verhakten Büroklammern – leisten dem Gürtel-Tier Gesellschaft.

Werbung


Der schön abwechslungsreiche Parcours, in dem naturgemäß die Malerei dominiert (auch zwei – wie anders! – hervorstechende Abstraktionen in Acryl von Ben Hübsch, dem Lehrer, haben sich in die Schau geschlichen), ist sinnreich nach dem Prinzip von Gegensatz und Entsprechung strukturiert. Kontrastiv zu Dreschers komplexer Gürtel-Konstruktion etwa hängen an der Wand daneben Simone Sandners minimalistische Buntstiftzeichnungen mit nichts als ein paar schlichten, geometrischen Figuren. In einem kleineren Nebenraum erobern Sandners Linien als dreidimensional-geometrische Schöpfungen – Geraden aus rot bemaltem Metall – den Raum. In den Saal hineinwachsend oder sich in Ecken desselben schmiegend, machen sie Raum gewissermaßen sichtbar und füllen den Saal im Zusammenspiel mit Hannah Voß’ beiden lebensgroßen Frauenakten gleichzeitig vollkommen aus.

Ausdrucksstark und technisch ausgereift sind Nils Weiligmanns Acrylbilder auf Papier; ein Schwein ist jeweils das bildfüllende Sujet. Raphael Bullas Clowns in Öl haben runde, rote Nasen, wirken aber nicht lustig, sondern böse: Einer lächelt diabolisch, ein anderer entblößt Raubtierzähne, in einem Dritten, so scheint es, schlummert ein Vampir. Nicht unerwähnt bleiben dürfen Julia Oppenauers wandfüllende Frauenaktmalerei sowie im selben Raum Lane Groß’ Hängeobjekt aus Draht und Papier. Das Drahtgewirr weckt die Assoziation von Schamhaar und verweist darin auf ein Sammelwerk von Sarah Anstey, die eine Wand mit Zeichnungen, Collagen und Malereien in Petersburger Hängung gepflastert hat – ein Kunterbunt aus drastischen Sexszenen und surrealen Konstellationen, Sprachspiel und Humor.
– Georg-Scholz-Haus, Merklinstr. 19, Waldkirch. Bis 27. Februar, Do 15–20, Fr, Sa 15–18, So 10–13 Uhr.

Autor: Hans-Dieter Fronz