Mit 99 Jahren noch kein altes Eisen

Anja Ihme

Von Anja Ihme

Di, 28. Juli 2015

Gundelfingen

Liebhaberstücke aus der Region oder gar aus Luxemburg beim Gundelfinger Oldtimertreff.

GUNDELFINGEN. "Wäre der Zweite Weltkrieg nicht gewesen, wäre ich ein BMW 327 – innerlich bin ich durch und durch ein BMW", hängt in der Windschutzscheibe des EMW 327 aus dem Jahr 1953; nach dem Krieg wurde das BMW-Werk in Eisenach enteignet, die damalige Sowjetunion hatte das Sagen. Das war Geschichte zum Anfassen oder besser Angucken, als am Sonntag rund 90 Oldtimerbesitzer der Einladung der Oldtimerfreunde Gundelfingen zum siebten internationalen Treffen in Gundelfingen für Pkw, Motorrad, Roller, und Traktoren folgten.

Dreh- und Angelpunkt des Veteranentreffens war die gemeinsame Ausfahrt über wahlweise 70 oder 120 Kilometer, Start und Ziel jeweils auf dem Sonne-Platz im Dorfzentrum. Allein rund 15 Teilnehmer aus Gundelfingen ließen sich den Heimvorteil nicht nehmen und kurvten mit ihren polierten und erstklassig restaurierten Vehikeln über Freiburg, Staufen, Schliengen, Bad Krozingen, Merdingen zurück nach Gundelfingen.

Viele Zuschauer verfolgten bei schönstem Autospazierfahrtwetter begeistert die Zieleinfahrt der liebevoll in Schuss gehaltenen Liebhaberstücke aus der Region, der Schweiz oder gar aus Luxemburg und Tschechien. Auch Gundelfingens Bürgermeister Raphael Walz ließ sich die gut erhaltenen Modelle erklären. Wäre er ein Auto, hätte übrigens auch er bereits den Status "Oldtimer", denn diesen erhält man, wenn man – als Auto – 30 Jahre auf dem Buckel hat. Apropos Alter: Der älteste Teilnehmer, so verraten es die Startunterlagen, war indes deutlich älter als viele der präsentierten Autos. Im Jahre 1934 geboren, erlebte er so einige Oldtimer in ihren Kinderjahren bis zum Ende mit.

Das älteste Auto war von 1916

Das älteste Auto aus dem Jahr 1916 fuhr Eckhard Bergmann, einen blitzblanken Reo Roadster aus dem Werk in Lansing/Michigan/USA mit Sechs-Zylinder-Reihenmotor und 80 PS. Details zu allen Fahrzeugen erfuhren die Zuschauer vom Gundelfinger Spezialisten in Automobilgeschichte und Veteranen-Fan Horst Armbruster. Er stellte jedes der Exemplare einzeln vor und wusste über Konstrukteure, Baujahr, Hubraum, Gänge, Geschwindigkeit, Schwächen und Stärken sowie über ihre Fahrer bestens Bescheid.

Zuschauer Rolf S. aus Sexau saß mit glänzenden Augen am Ziel: "Aktuell schraube ich an einem Auto aus dem Jahr 1926, 20 PS und Höchstgeschwindigkeit 75 Stundenkilometer". Die Technik begeistere ihn an den Autos am allermeisten, da könne man einfach noch alles selber machen, schwärmt der 66-Jährige, der auf vielen Ausfahrten unterwegs ist. "Wenn man einmal in dieser ,Familie’ drin ist, lässt es einen einfach nicht mehr los."

Und Zuschauerin Sylvia K. ergänzte: "Einfach toll, diese alten Autos, in fünf Jahren dürfen wir auch mitfahren, dann wird unser SLK 30 Jahre alt". Nach der Zieleinfahrt konnten all die schönen, nostalgischen, liebevoll erhaltenen und gepflegten Exemplare vergangener Zeiten eingehend auf dem Kastanien oder Schulhof der Grundschule besichtigt werden. Dabei wurde gefachsimpelt, verglichen, geschwärmt und in Erinnerungen geschwelgt. Denn ein altes Auto ist – genauso übrigens wie ein junges Auto – ja nicht einfach nur ein Auto, sondern mitunter Stellvertreter für ein Lebensgefühl einer ganzen Generation. Und wer sein aktuelles Auto schön pflegt, bei Regen lieber Straßenbahn fährt und lange genug wartet, der darf in 30 Jahren dann auch mitfahren, der VW T6 wäre dann zum Beispiel ein Oldtimer, keine 100 Jahre nach dem ersten VW-Bulli ...