Sinti-Swing zwischen Bronzefiguren

Andrea Steinhart

Von Andrea Steinhart

Mo, 28. September 2015

Gundelfingen

Musik trifft Stein: ein Konzertereignis ganz besonderer Art mit Gypsy-Jazz in der Gundelfinger Steinwerkstatt von Wolfgang Jakob.

GUNDELFINGEN. Als ein Konzertereignis der besonderen Art erwies sich die zweite Auflage der Reihe "Musik trifft Stein". Das Kirchmeyer-Ensemble aus Müllheim begeisterte mit Gypsy-Swing die zahlreichen Gäste am Freitagabend – zwischen Bronzefiguren, Entwürfen und Werkbänke – in der Werkstatt des Steinbildhauers Wolfgang Jakob in Gundelfingen.

Leidenschaft, gepaart mit professioneller Musikalität und kindlicher Freude bewiesen die glutäugigen Musiker voran die Cousins Florent und Tobias Kirchmeyer (Gitarre) aus Mulhouse, Guillaume Singer (Violine) aus Paris und Stefan Vögele (Kontrabass) aus Freiburg. Die Verbindung zur Gundelfinger Steinwerkstatt: Die Väter von Vögele und Jakob haben vor vielen Jahren gemeinsam in der Münsterbauhütte gearbeitet, während deren Söhne im Sandsteinstaub spielten. Die tiefe Freundschaft der beiden Männer hält bis heute.

Schon die Auftaktakkorde aus fetzigen Gipsy-Klängen, die bald darauf in sehnsuchtsvoll-leidenschaftliche Rhythmen wechselten, löste bei den Zuhörern am Freitagabend Begeisterung aus – die sich bis zum Ende des Konzerts hielt. Angelehnt an die markante Spielweise des Gitarristen Django Reinhardt begeisterten die deutsch-französischen Musiker mit ihrem extrem schnellen und ausgefeilten Gitarrenspiel, welches von enormem Können zeugt. Auf die reiche musikalische Tradition Reinhardts zurückgreifend verzauberten die Musiker mit ihrer ganz eigenen Interpretation und den sehr präzisen Klangfarben. Voller Spielfreude präsentierte das Ensemble Stücke wie "Swing 39", "Bei mir bist du schön" oder "Mire pral". Das virtuose Zusammenspiel der Vier sorgte ebenfalls dafür, dass man stundenlang zuhören konnte. Ganz zu schweigen von dem Augenschmaus, die Teufelsmusiker, in ihren schwarz-weißen Lackschuhen und weit aufgeknüpften Hemdkragen, bei ihrem großartigen Spiel zu sehen.

Zweieinhalb Stunden gelang es den Musikern mit spielerischer Leichtigkeit den einzigartigen, in der ganzen Welt geschätzten Stil des Gypsy-Jazz herüberzubringen und mit ihren eigenen Impressionen zu erweitern. Immer wieder gab der eine oder andere von ihnen bei dem quirligen Sinti-Swing ein fetziges Solo, das innerhalb nur weniger Takte plötzlich wieder umdrehte in die markanten Rhythmen und das bei fehlerfreiem Zusammenspiel, trotz der wahnwitzigen Geschwindigkeit. Jazz wurde in den USA erfunden. Aber auch in Europa improvisierten die Musiker, und es entstand der Gypsy-Swing, der Zigeuner-Jazz. Der Sohn französischer Tsiganes (Zigeuner) und Ausnahmetalent war der Gitarristen Django Reinhardt (1910-1953) der Gründer des europäischen Jazz. "Eine Musik, die einem nie richtig loslässt", sagt Tobias Kirchmeyer. Schon als Vierjähriger konnte er Gitarre spielen, gelernt auf den Pferdemärkten, wo auch immer Sinti waren. Sein Cousin Florent begann mit 9 Jahren Gitarre zu spielen – audiodidaktisch: "Ich höre immer wieder Jimi Hendrix und spielte Passage für Passage nach." Heute ist der Gitarrenmusiklehrer an einer Musikschule in Mulhouse. Guillaume Singer, der immer wieder, wie das Vorbild Reinhardt mit Zigarette im Mundwinkel Violine spielt, kommt ebenfalls aus Mulhouse, lebt aber in Paris. Dort hat er auch das professionelle Geigenspielen erlernt.