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02. Februar 2012

Ziel ist der Aufbau von Beziehungen

Benefizkonzert von Ton-in-Ton für Gundelfinger Rehahaus.

  1. Sven muss Gemeinschaft erst wieder lernen, da helfen Gruppentreffen. Foto: Gabriele Fässler

GUNDELFINGEN. Am 5. Februar gestaltet der Chor Ton-in-Ton der katholischen Pfarrgemeinde Bruder Klaus ein Benefizkonzert. Den Erlös aus dieser Veranstaltung spenden die Sängerinnen und Sänger dem Rehahaus Gundelfingen, einer Einrichtung der stationären Suchthilfe. Einer der Bewohner berichtet über seine ehemalige Drogenabhängigkeit:

Sven H. (Name geändert) wirkt ruhig und beherrscht. Aufrecht sitzt er am Tisch des Besprechungszimmers. Seine Hände liegen aufeinander. Seit Mitte Dezember lebt der hochgewachsene 23-Jährige aus dem Oberschwäbischen im Gundelfinger Rehahaus. Sorgfältig wählt Sven die Worte, mit denen er aus seinem bisherigen Leben berichtet. Einem Leben, in dem einiges schief gelaufen ist. Mit 16 Jahren raucht er den ersten Joint, wird drogenabhängig und fängt schließlich an zu dealen.

2008 wird Sven wegen Drogenhandels verhaftet. Er wird zu sechs Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Im Januar 2011 liefert Sven sich eine Verfolgungsjagd mit der Polizei. Er hat illegale Drogen bei sich. Ein Test auf Amphetamine und Cannabis ergibt einen positiven Befund. Das Gericht widerruft die Bewährung und setzt eine weitere Haftstrafe oben drauf.

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Anstatt die Haftstrafe anzutreten, kann Sven eine Therapie machen. Auf diese Möglichkeit weist ihn der Richter beim Jugendgericht hin. Mit Hilfe seines Drogenberaters beginnt er eine 20-wöchige Intensivtherapie im Therapiezentrum Brückle in Buggingen.

Zu dieser Einrichtung gehören auch das Rehahaus Gundelfingen sowie das Haus Hochburg in Emmendingen. Im Rehahaus erfolgt die Adaptionsphase. Sie schließt sich an die Entwöhnungsbehandlung an. In dieser Phase werden die Patienten in stationärem klinischem Rahmen darauf vorbereitet, ihr weiteres abstinentes Leben zu meistern. Ein fünfköpfiges Team aus Sozialarbeitern mit suchttherapeutischer Weiterbildung und einem Arbeitstherapeuten – einer davon ein Ex-User, ein einst selbst Suchtmittelabhängiger – hilft ihnen dabei. Dazu gehöre es, so der Leiter des Rehahauses, Wolfgang Schneider, Zielvorgaben im Alltag umzusetzen: beruflich Anschluss zu finden, eigenverantwortlich zu handeln, die geeignete Wohnform für sich zu finden, die Freizeit sinnvoll zu gestalten und Beziehungen aufzubauen.

"Ich habe viele Regeln nicht verstanden, aber die Leute dort haben mich gut aufgefangen, besonders einer."

Sven H.

Sven etwa absolviert derzeit ein Praktikum im Einzelhandel in Freiburg. Auch mehrere Gundelfinger Betriebe sowie weitere im Regiokarten-Gebiet bieten Praktikumsplätze an. Die Vermittlungsquote von Rehahaus-Patienten in Arbeit, Schule und Ausbildung liege bei über 60 Prozent, so eine Mitarbeiterin der Einrichtung. Wer keinen Praktikumsplatz hat, nimmt an einem der arbeitstherapeutischen Angebote teil: etwa an der Gartentherapie, der Hausinstandhaltung oder es wird in der Radwerkstatt gearbeitet. Außer Sven leben sieben weitere Männer zwischen 20 und 41 Jahren auf drei Wohnungen verteilt im Rehahaus. Insgesamt gibt es 14 Therapieplätze.

Die Ursachen und Gründe, die in eine Suchtmittelabhängigkeit münden, sind vielfältig und vielschichtig. Zu einem großen Teil stammen die Patienten aus prekären Lebensverhältnissen, häufig mit Migrationshintergrund und geprägt von schwierigen Entwicklungsbedingungen – Armut, Gewalt, Alkohol- oder Drogenabhängigkeit innerhalb der Familie. Aber auch die Zahl der Patienten aus nicht prekären Verhältnissen und mit einem höheren Bildungs- als dem Hauptschulabschluss ist gestiegen.

Sven hat, wie er erzählt "die dunkle Seite schon immer fasziniert." Als er sechs ist, kommt sein Bruder zur Welt – mit einer schweren Behinderung – und braucht viel Aufmerksamkeit der Eltern. "Ich bin in den Hintergrund gerückt", sagt Sven. Auf der Grundschule läuft es für ihn noch einigermaßen gut, auf dem Gymnasium nicht mehr. Er findet keinen Anschluss. Noch recht schmächtig wird er gehänselt und bekommt häufig Schläge. Seine Leistungen in der Schule werden schlecht. Die Eltern trennen sich. Als er auf die Realschule wechselt, "war das vom ersten Tag ein anderes Gefühl" erinnert er sich. Dort findet er Freunde, kommt durch sie mit Leuten zusammen, "bei denen ich zwei Jahre zuvor vor Angst selbst noch die Straßenseite gewechselt hätte".

Die ersten drei Wochen seiner Intensivtherapie im "Brückle" waren für Sven schwierig. "Ich habe viele Regeln nicht verstanden, aber die Leute dort haben mich gut aufgefangen, besonders einer." sagt er. Danach sei es immer besser geworden. Auch im Rehahaus Gundelfingen musste er sich erst einmal eingewöhnen. Sein Tagesablauf ist durchgeplant: sieben Uhr aufstehen, frühstücken. Um acht Uhr Gruppentreffen der Patienten. Noch ein bisschen Gemütlichkeit, bis er viermal die Woche um halb zehn nach Freiburg zum Praktikum aufbricht. Den Abend verbringt er entweder im Rehahaus oder treibt Sport, Kickboxen. Überhaupt schaffen feste Strukturen und Regeln eine Klarheit, die gerade bei Konflikten hilfreich sind. Sie stellen Qualitätskriterien dar, für die das Rehahaus zertifiziert ist.

Wenn Sven Anfang April seine Adaptionsphase im Rehahaus abgeschlossen haben wird, will er in der Gegend bleiben – vielleicht ins betreute Wohnen ins Haus Hochburg wechseln. Mit seinem Realschulabschluss sowie einer abgeschlossenen Ausbildung will er sich nicht zufriedengeben. Sein nächstes Ziel: die Fachhochschulreife.

Info: Das Benefizkonzert von Ton-in-Ton unter der Leitung von Peter Bäumle findet am Sonntag, 5. Februar, um 20 Uhr im evangelischen Gemeindehaus, Im Kirchenwinkel statt. Der Eintritt ist frei. Die Spenden kommen dem "Freizeitfonds" des Rehahauses Gundelfingen zugute. Damit wird den Patienten, deren finanzielle Mittel meist sehr angespannt sind, eine sinnvolle Freizeitgestaltung ermöglicht.

Autor: Gabriele Fässler