Zur Navigation Zum Artikel

Wenn Sie sich diesen Artikel vorlesen lassen wollen benutzen Sie den Accesskey + v, zum beenden können Sie den Accesskey + z benutzen.

16. Dezember 2008

Sportstricker mit Kampfnadeln im Leistungszentrum

Die Saison klingt in der Güterhalle Bleibach mit dem Solokabarettisten Jörg Kräuter sehr badisch und sehr unterhaltsam aus

  1. Jörg Kräuter in Bleibach – witzig und virtuos im Umgang mit der Sprache. Foto: Frank Berno Timm

GUTACH-BLEIBACH. Endlich traut sich mal einer, die Bleibacher Güterhalle ohne Verstärkerschnickschnack zu bespielen. Umständlicher Soundcheck, ewiges Bibbern, wie es klingen mag, wenn Publikum im Saal ist, fällt einfach weg. Kabarettist Jörg Kräuter, der das Publikum am Freitag im Handumdrehen auf seiner Seite hatte, bringt nichts als einen Gitarrenkoffer (in dem wenige Utensilien und wie es scheint ein Ablaufplan versteckt sind) und einen Gitarrenständer für sein Instrument mit. Damit fällt alles weg, was einen Künstler von seinem Publikum trennen kann. Heraus kommt die hohe Kunst eines fröhlich aufspielenden, traumhaft sicher und gelöst wirkenden Künstlers.

Kräuter nimmt das Badische in jeder Hinsicht aufs Korn. Sein "Badisch Wildwest"-Programm ist eine Nummernrevue aus gut gemachten Liedern (zur nicht immer gut gestimmten, ebenfalls unverstärkten Gitarre), parodistischen Nummern und komplizierten, fast dadaistischen Sprachvariationsgedichten. Der Spott ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – immer treffsicher und genau: Da wird das G-8-Gymnasium zum Schnellkochtopf, in dem junges Gemüse gegart wird. Die demografische Zukunft schlägt sich in der Parole "Grufties leben im Gehege, nieder mit der Alterspflege" nieder. Die Sprache der Regierenden ist nichts als ein davonfliegender Luftballon, dem der Inhalt ausgeht. Kräuter rückt Geschichte gerade, stellt klar, dass Kachelofen, Fahrrad und Kraftwagen in Baden erfunden wurden – Autos mit dem Stern also eher ins Badische als nach Stuttgart gehören. Ob es gut ist, kabarettistisch mit allfälligen Aversionen gegen den Islam zu spielen, ist indes fraglich. Zwar nimmt Kräuter – völlig zu Recht – das Kopftuchverbot an baden-württembergischen Schulen aufs Korn, geißelt aber zugleich den "gastronomischen Fundamentalismus" des "Imbiss-Mullahs" und singt von Minaretten, "die wir gern woanders hätten". Wie diese satirische Gratwanderung wirklich zu verstehen und letztlich auszulegen ist, bleibt offen.

Werbung


Dennoch: Jörg Kräuter beherrscht alle kabarettistischen Formen nahezu perfekt. Gelungen ist sein Porträt des Handarbeitsleistungszentrums, in dem sich Sportstricker mit Kampfnadeln betätigen, die Verspottung des Frauenfußballs ist dagegen eher etwas flach geraten. Die Erinnerung an Sonntagsspaziergangmartyrien der Kinderzeit wirkt genau beobachtet – inbegriffen die Schlussfolgerung, was man als heute erwachsener Vater mit dem Sohn tut: Natürlich spazieren gehen.

Das Publikum reagiert in der Bleibacher Kleinkunstbühne mit viel Beifall und Gelächter. Das Ritual der Bühnenauf- und abgänge bis zur Zugabe wird verkürzt, Kräuter spielt am Ende eines heiteren, zuweilen comedianhaft-lockeren Abends einfach weiter. Es ist ein ungemein farbiges, sympathisches Baden, von dem Kräuter erzählt und singt. Ein ausgezeichneter Kabarettabend und für die Güterhalle ein sehr gelungener Abschluss der Saison 2008.  

Autor: Frank Berno Timm